Was macht es aus, in der Fellbacher Wohncity zu leben? Für Carmen de Lazzer und andere Bewohner punktet die Lage. Viele andere finden den Koloss aus den 1970-er Jahren schlicht hässlich. Ein Besuch.
Hier punktet vor allem die Lage. Wohncity heißt der wuchtige Gebäudeblock in der Stadtmitte von Fellbach – und für Carmen de Lazzer war von Anfang an eben die Lage das entscheidende Argument, um hier zu wohnen.
Zum einen, weil hier alle Einrichtungen des täglichen Lebens zu Fuß zu erreichen sind. „Ärzte, Lebensmittel, Bäcker, Metzger, seit Neuestem die Post“, zählt die Mittsiebzigerin auf. Das sei ein großer Pluspunkt, einige der älteren Bewohner der Wohncity hätten ihr Auto verkauft. Sie seien für die Erledigungen ihres Alltags nicht auf ein Fahrzeug angewiesen. Das unterstreicht auch eine Nachbarin von Carmen de Lazzer. Sie ist mit Mitte 50 hier eingezogen und hat nie einen Führerschein besessen. „Für mich war es wichtig, dass ich nur wenige Meter von der Stadtbahn entfernt wohne und abends gut nach Hause komme.“
Über die zentrale Lage sind sich alle einig. Und einig sind sich die meisten auch bei einem anderen Punkt. „Der Betonklotz ist hässlich“, sagen Bewohner selber über die Wohncity. „Heute würde man das so nicht mehr bauen“, sagt Carmen de Lazzer über den kantigen, verschachtelten Gebäudekomplex. Er ist ein Kind seiner Zeit.
Kurze Wege von der Wohnung zum eigenen Eiscafé
Carmen de Lazzer wohnt schon seit den Anfängen in der Wohncity. 1978 hat sie in dem Gebäude ihr Eiscafé Marmolada eröffnet. „Wir sind damals in den Rohbau eingezogen“, erinnert sie sich. Inzwischen führt längst ihre Tochter Patrizia de Lazzer das Geschäft. Das ganze Ambiente der Eisdiele in der Bahnhofstraße 10 ist verändert und die Inneneinrichtung im „Industrial Style“ aus Italien gestaltet. 2019 ist die großzügige Eisvitrine zur Straßenseite verlegt und die Raumdecke erhöht worden.
Für Carmen de Lazzer war es einst wichtig, nur wenige Meter von ihrem Arbeitsplatz in dem Eiscafé entfernt zu wohnen. Schließlich arbeitete sie täglich in dem Eiscafé über viele Stunden. Sie ist mit vielen anderen Bewohnern in der Wohncity gemeinsam älter geworden. Es gebe schon einzelne jüngere Familien, doch viele Bewohner seien älter, sagt auch die Nachbarin.
Sie steht an einem der Eingänge, an dem die Hausverwaltung mit einem Schild darauf hinweist, dass die Eigentümer der Wohncity I und II nicht mehr gewillt seien, dass der Innenhof, Treppen und Passagen „als Treffpunkt für Partys von Jugendlichen und jungen Erwachsenen missbraucht wird“. Polizei und Ordnungsamt würden diese Bereiche überwachen. Außerdem gebe es die Möglichkeit in einer entsprechenden Situation, Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch zu stellen. Was da zu lesen ist, wirft ein Licht darauf, was die Polizei immer wieder berichtet. In der Anlage habe es früher täglich mehrere Fälle von Pöbeleien gegeben und vieles mehr. „Doch inzwischen ist die Situation viel besser geworden“, sagt die Nachbarin von Carmen de Lazzer.
Es sind verwinkelte, dunkle Passagen, die zum Innenhof in Grau mit einzelnen Pflanzkübeln führen. Das labyrinthartige System der Wege und Treppen war vor Jahren bereits Thema im Fellbacher Bauausschuss. Auch eine Gruppe von Architekturstudenten der Uni Stuttgart hat sich damit beschäftigt und Vorschläge ausgearbeitet: Vor allem Farbe und Beleuchtung sollten eingesetzt werden, um die Atmosphäre wärmer und lebendiger zu gestalten.
Die meisten finden die Betonkästen hässlich, doch es gibt auch Fans
Teile der Fellbacher Wohncity gehören auch der Stadt. Dazu zählen die ehemaligen Räume der Musikschule, auch die Arbeiterwohlfahrt arbeitet in städtischem Eigentum. „Mehr Licht in den finsteren Passagen der Wohncity – das ist schon mal ein Anfang. Leider wird die Aktion mit Strahlern, Stelen und leuchtenden Pollern wohl auch gleichzeitig Anfang, Höhepunkt und Ende aller Bemühungen um die Wohn- und Büro-Burg in der Stadtmitte sein“, hieß es 2014 in der Fellbacher Zeitung. Bauliche Verbesserungen würden an der Eigentümerstruktur scheitern. Gründliche Veränderungen bleiben Utopie, „die Bausünde aus der Ära von OB Palm (Senior) bleibt uns lange erhalten“, kommentierte der damalige Redaktionschef.
Es gibt viele Kritiker der wuchtigen Klötze, die viele Innenstädte dominieren. Doch inzwischen gibt es auch Fans, die sich für Bauten aus rohem Beton starkmachen. Architektur-Experte Marco Alexander Hosemann etwa hat versucht, eine norddeutsche Beton-Ikone zu retten, die sogenannte Post-Pyramide in Hamburg. Er sah in dem 1977 errichteten Gebäudekomplex ein bedeutendes baugeschichtliches Zeugnis. Abgesehen vom Zeugniswert gebe es noch andere Argumente für dessen Erhalt. Das Gebäude sei gerade einmal vierzig Jahre alt und hätte leicht umgenutzt werden können. Der Rettungsversuch ist gescheitert. Doch die Architekturdebatte, in der „Betonmonster“ ein Comeback erleben, geht weiter.
Die Nebenkosten sind hoch
Für Carmen de Lazzer ist klar, dass die Vorteile in der Fellbacher Wohncity für sie persönlich überwiegen. „Ich finde es positiv hier zu wohnen“, sagt sie. Andere Bewohner geben zu bedenken, dass sie zwar den Service mit Hausmeister, Aufzug und Tiefgarage schätzen, was sich aber auch in hohen Nebenkosten niederschlage.
Carmen de Lazzers Nachbarin hat nicht den Blick auf den eckigen Gebäudeklotz im Fokus, sondern den, den sie von ihrer Wohnung aus hat. „Ich habe damals extra eine Wohnung ausgewählt, wo abends noch die Sonne hereinscheint. Ich wollte nach dem Arbeitsalltag das Sonnenlicht genießen, das gefällt mir heute immer noch.“
Bau, Erweiterung und Veränderung
Abschnitte
Die Bauabschnitte Wohncity I und II wurden „im Geiste der damaligen Zeit“ gebaut, wie es Eckart Rosenberger, von 1977 bis 1993 Baubürgermeister der Stadt Fellbach, ausdrückte. Sie fielen in Guntram Palms Amtszeit (1966 bis 1976). Der Bauabschnitt III war in der Amtszeit von Friedrich-Wilhelm Kiel, von 1976 bis 2000 Fellbachs Oberbürgermeister. Der dritte Bauabschnitt der Wohncity startete 1984 und wurde Ende 1986 fertiggestellt. 1987 ist die Fellbacher Stadtbücherei in die Räume am Berliner Platz 5 eingezogen. Der dritte Bauabschnitt der Sanierung der Stadtmitte Fellbach wurde ebenso wie das Rathaus Fellbach mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet, der vom Landesverband Baden-Württemberg des Bundes Deutscher Architekten, verliehen wird.
Umgestaltung
Der erste Bauabschnitt zur Straßengestaltung in der Wohncity, die Sperrungen und eine Durststrecke für den ansässigen Handel mitbrachten, wurde Ende 2020 abgeschlossen. Er umfasste Bereiche der Cannstatter Straße und Gerhart-Hauptmann-Straße. Sitzbänke und andere Elemente sollen die Aufenthaltsqualität erhöhen, auch das Parken wurde neu strukturiert.