Die alleinerziehende Nadja ist noch immer überrascht ist von der Hilfsbereitschaft der Menschen. Wir hatten im Januar von ihrem Leben erzählt (Symbolbild). Foto: dpa/Marcel Kusch

Viele Menschen haben im zu Ende gehenden Jahr Schlagzeilen gemacht – wir haben bei acht von ihnen nachgefragt: Was bleibt? Was könnte das neue Jahr bringen? Sie erzählen von Freude, Furcht und Zuversicht.

Waiblingen - Sie hatte keine Hoffnung gehabt, dass der Bericht über ihr Leben als alleinerziehende Mutter, die von Hartz IV lebt, irgendjemanden interessiert. „Aber dann haben so viele Leute etwas gespendet“, erinnert sich Nadja, die noch immer überrascht ist von der Hilfsbereitschaft der Menschen, die im Januar den Artikel „Für Wünsche fehlt Mama das Geld“ gelesen hatten.

Nadja (alle Namen geändert) lebt mit ihren beiden Töchtern und dem kleinen Sohn Paul im Rems-Murr-Kreis. Ihre jüngere Tochter ist ganz begeistert von dem Fahrrad, das ihr jemand geschenkt hat. Für Paul hat Nadja so viel Kleidung erhalten, dass sie vorerst nichts mehr kaufen muss. „Wir haben auch Eintrittskarten für die Gartenschau bekommen. Das haben wir sehr genossen. Paul liebt die Holzbienen“, erzählt Nadja. Kinderreich hat die Familie ebenfalls weiterhin unterstützt, sodass die Kinder an einer Sommerfreizeit teilnehmen konnten. „Ich bin so dankbar“, sagt die Alleinerziehende.

Dennoch war das Jahr nicht einfach: Nadja hat seit einigen Monaten Probleme mit der Schulter und muss im Krankenhaus behandelt werden. Für das neue Jahr wünscht sie sich Gesundheit und einen Job. „Ich will arbeiten, nicht zu Hause sitzen. Und ich wünsche mir, einen Mann kennen zu lernen, der für mich und die Kinder da ist.“

Remsi im Dauereinsatz: Bienenfleißiges Maskottchen

Schon lange vor der Eröffnung im Mai und bis zum Abschluss im Oktober, auf keinem offiziellen Termin der Remstal-Gartenschau durfte Remsi fehlen: 700 Mal war das schwarz-gelb gestreifte Maskottchen dieses Jahr im Einsatz, ist das Remstal rauf und runter gereist, um die Besucher zu begrüßen. Der plüschige Sympathieträger hat vor allem bei den Kindern eingeschlagen wie eine Bombe – und so ist es kein Wunder, dass es vor allem die Begegnungen mit den Jüngsten sind, die für Remsi zu den schönsten Erlebnissen des Jahres 2019 gehören. „Die haben mich so gern umarmt und gedrückt“, summt die Biene fröhlich.

Darüber hinaus gab es für das Maskottchen ganz schön anstrengende Einsätze: Bei der 24-Stunden-Wanderung war die Biene durchgängig mit dabei. Gleich drei Remsis haben sich abgewechselt, sind im 15 Kilo schweren Kostüm mitgewandert. „Aber wir Bienen sind ja bekanntlich sehr fleißig, das habe ich alles gut weggesteckt“, sagt Remsi, die sich derzeit in der wohl verdienten Winterruhe befindet. Und was sind die Pläne für 2020? „Ich will und werde wieder viel im Remstal unterwegs sein. Also Augen auf und immer schön Ausschau nach mir halten“, verrät Remsi.

Conti-Betriebsratschef: Im Dauereinsatz für die Mitarbeiter

Das Jahr 2019 war „extrem stressig“, sagt Jörg Schwarz, der Vorsitzende des Betriebsrats des Autozulieferers Conti in Oppenweiler. Ende Juni hatte das Unternehmen erklärt, dass das Werk mit den rund 340 Beschäftigten keine Zukunft habe. Seither ist Schwarz, 58 Jahre, im Dauereinsatz für die Mitarbeiter und „voller Sorge“ um die Jobs. Zunächst hatte der Vater von drei Kindern noch einigermaßen zuversichtlich geklungen, im Sommer sagte er: „Wir kämpfen um den Standort.“ Jetzt indes ist er ernüchtert und erklärt, „die Werksschließung wird kommen“. Der Arbeitgeber breche alle Versprechen. Er selbst sei pessimistisch, auch mit Blick auf die politische Entwicklung. „Rechte Rattenfänger“ fühlten sich von den Problemen auf dem Arbeitsmarkt – speziell in der Automobilindustrie – beflügelt.

Das Conti-Werk in Oppenweiler werde wohl spätestens Ende 2021 dicht gemacht. Das sei speziell für die vielen älteren Beschäftigten ein großes Problem. Jörg Schwarz macht sich nichts vor und sagt, er wisse, dass ein Mann wie er – seit fast 20 Jahren freigestellter Betriebsrat – „nicht so arg gefragt ist“ auf dem Arbeitsmarkt. Dabei müsse er doch noch das Studium der Kinder finanzieren.

Inoffizieller Botschafter: Der Waldschrat will aufhören

Seine zweite Amtszeit neigt sich dem Ende zu – und der „Waldschrat“ Sven Vollbrecht möchte nun kein drittes Mal antreten. Eigentlich. „Jeden Tag fragt mich derzeit jemand, ob ich nicht doch weitermachen will – ob ich mich noch einmal umstimmen lasse, weiß ich nicht“, sagt Vollbrecht. Er war von einer Facebook-Gruppe zum inoffiziellen Botschafter des Schwäbisch-Fränkischen Waldes gewählt worden und immer wieder auf Festen und Hocketsen sowie im Netz präsent. Wobei der Schrat in diesem Jahr etwas kürzer trat: „Privat war es kein ganz einfaches Jahr. Auch der Limesmarkt an Pfingsten und die Gemeinderatswahl haben viel Zeit und Arbeit in Anspruch genommen.“ Vollbrecht hatte für die CDU in Backnang rund 3200 Stimmen gesammelt – was ihm am Ende trotzdem nicht gereicht hatte.

Zum voraussichtlichen Ende seiner Schratzeit hat Vollbrecht eine wohltätige Aktion gestartet: Er versteigerte im Internet sein offizielles Waldschrat-T-Shirt und seinen selbstgefertigten Wanderstab für 65 Euro – das Geld geht an die SWR-Aktion „Herzenssache“.

Viele Vorsätze hat der Noch-Schrat für das Jahr 2020 noch nicht – außer einem: Im kommenden Jahr will Vollbrecht die frei werdende Zeit für seine Familie nutzen und öfter als Papa unterwegs sein als als Schrat.

Land-Art-Künstler David Klopp: Das Jahr der Weide

Bis Mitte des Jahres war David Klopp ständig unter Dampf. Der Land-Art-Künstler hat eng getaktet in fünf Gemeinden des Remstals an seiner Kunst aus Weide und anderen Naturmaterialien gearbeitet. „Während das eine entstanden ist, musste das nächste vorbereitet werden“, erzählt der 40-Jährige. Angefangen hat er im Februar mit dem Sonnenrad in Remshalden, aufgehört Ende Juni mit der Remswiege in Weinstadt. Verwirklicht hat er Werke, die er seit 2017 geplant hat. „Es war schön, Teil dieser Remstal-Gartenschau zu sein“, sagt er. Besonders seien die Momente gewesen, in denen seine Kunst tatsächlich lebendig geworden sei. So hätten zum Beispiel in Plüderhausen viele mitangepackt, um den Sonnenbogen auf den See zu bringen. „In Remseck hat sich eine ganze Klasse in das Gänsenest gesetzt“, erzählt der Künstler. Eine Umstellung sei es gewesen, so viele Auftragsarbeiten auszuführen.

Seit dem Ende der Gartenschau ist Klopp dabei, neue Ideen zu spinnen. „Das Benzin ist immer die Begeisterung“, sagt er, der sich derzeit viel mit aktuellen Umweltthemen beschäftigt und sich Projekte in diese Richtung vorstellen kann. Und eigentlich hätte es im kommenden Jahr noch ein Nachfolgeprojekt zur Gartenschau in Stetten geben soll: „Aber nachdem der Bürgermeister abgewählt worden ist, kommt es nicht dazu.“

Windradanwohner Handte: Ein angenehmes Rauschen

Leben mit drei Windrädern vor der Tür. Daran hat sich Dennis Handte inzwischen recht gut gewöhnt. „Es stört mich gar nicht“, sagt der 52-jährige Werklehrer, der an der Waldorfschule am Engelberg unterrichtet. Weder der Anblick, noch die Technik, noch die Geräusche, die er Tag und Nacht hört. Seit 14 Jahren wohnt Dennis Handte mit seiner Frau und seinen drei Kindern im Wohngebiet Im Steinbruch im Winterbacher Teilort Engelberg. Seit bald zwei Jahren drehen sich die Rotorblätter auf dem Goldboden gut 1000 Meter Luftlinie von seinem Haus entfernt.

„Früher stand unser Haus an einem sehr leisen Ort“, sagt er. Doch das habe sich geändert, seitdem sich die Windräder drehen. „Es ist ein schaufelndes, schlagendes Geräusch“, erzählt er. Nachts höre er die Windräder sehr laut. Aber: „Es ist ein angenehmes, lautes Rauschen.“ Er vergleicht es mit einem rauschenden Bach oder dem Meeresrauschen. „Ein Auto, das durch die Nacht rast, zerreißt vielmehr die Ruhe.“ Handte freut sich über den technologischen Fortschritt in Sichtweite. Als früherer Segelflieger fasziniere ihn die aerodynamische Technik. „Man merkt, dass große Kräfte auf große Flächen treffen.“ Und das sei gut so.

Fäkalien-Fontäne im Haus: Happy-End für die junge Familie

Im Juni war die Burgstettener Familie vor dem Nichts gestanden – ohne Möbel, ohne Wohnung. Nach einem heftigen Regenguss war plötzlich eine Fäkalien-Fontäne aus der Toilette geschossen und hatte die Souterrain-Wohnung der Rathmanns überflutet. Das junge Paar erwartete damals ein Kind und brauchte dringend eine neue Bleibe. Wie Kevin Rathmann, inzwischen stolzer Vater, erzählt, hat die Sache ein gutes Ende gefunden.

Ein paar Tage nach dem Erscheinen des Artikels meldete sich eine Bekannte bei der jungen Familie und bot ihnen eine Wohnung an. „Sie war zu dem Zeitpunkt aber noch im Rohbau“, erzählt Rathmann. Größe und Mietkosten seien jedoch perfekt gewesen. Deswegen habe er angesichts des anstehenden Nachwuchses eben selbst mitgeholfen, die Wohnung zu renovieren. „Nach vielen Wochen durcharbeiten sind wir dann fertig geworden – einen Tag, bevor meine Frau mit dem Nachwuchs aus dem Krankenhaus kam.“ Dem kleinen Jungen gehe es super.

Auch der Schaden durch den Rückstau sei inzwischen verkraftet: „Die Versicherung hat inzwischen gezahlt, wodurch wir alle Möbel bezahlen konnten“, erzählt Rathmann erleichtert.

Krebs beim zweijährigen Michele: Ein ungewollter Vollzeitjob

Im Juni wurde Michele Marino zwei Jahre alt, nach dem Sommerurlaub änderte sich für die Marinos – Vater Daniele, 27, Mutter Mariarosa, 24, und die vierjährige Tochter Mariella alles: Ärzte diagnostizierten beim Sprössling Neuroblastom, eine seltene und sehr schwere Krebserkrankung des Nervensystems.

Die junge Familie ging an die Öffentlichkeit, weil sie Spenden benötigt. Denn eine spezielle Antikörperbehandlung in Barcelona, die überzeugender als die hiesige Therapie scheint, kostet rund 200 000 Euro. Gut die Hälfte ist beisammen. Allein ein Benefizkonzert im Fellbacher Rathaus, wo Daniele Marino im kommunalen Ordnungsdienst beschäftigt ist, füllte den Spendentopf mit 10 000 Euro auf. Die Familie ist für jede Unterstützung dankbar. Ein „Vollzeitjob“ sei die Organisation von Krankenhausaufenthalten, Planung von Aktionen und Recherchen, sagt der Familienvater. Per Videotelefonat ist er etwa mit spanischen Ärzten im Austausch. Eine wichtige Entscheidung steht an: Soll Michele gleich in Spanien behandelt werden oder erst, wenn ein Rückfall droht? Denn das ist bei der Krankheit nicht auszuschließen. Wie alle Eltern wollen die Marinos nur das Beste für ihren Sohn, „den kleinen Löwen“. Aber was ist das? Garantien gibt kein Arzt. Klar ist nur: Der nächste Chemoblock steht an.

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