Wie viel Ethik braucht die Wirtschaft? Der moralische Kapitalist

Von Markus Brauer 

Wie viel Ethik verträgt das Geschäft? Und wie viel Geschäft ruiniert die Ethik? Foto: dpa
Wie viel Ethik verträgt das Geschäft? Und wie viel Geschäft ruiniert die Ethik? Foto: dpa

Gibt es ethische Grenzen des Machbaren? Wohin grenzenloser Fortschritt und unbegrenztes Wachstum führen, ist für jeden, der seine Augen nicht vor der Realität verschließt, unverkennbar – in den Abgrund.

Stuttgart - Die Ökonomie dient der planvollen Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Je planvoller, geregelter und geordneter dies abläuft, desto besser für die Beteiligten – kleine und große Unternehmen, private und öffentliche Haushalte.

Wirtschaft ist wichtig, sehr wichtig, unentbehrlich sogar. Aber sie ist nicht allzuständig und kann nicht alles leisten. Sie braucht Grenzen und Schranken, Normen und Werte. Sie muss eingebettet sein in eine tragfähige Kultur des Gebens und Nehmens, eine soziale Ordnung, die rationalen Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens folgt.

„Oikonomia“ und „Homo oeconomicus“

Aristoteles. Foto: Picture Alliance
Für Aristoteles (382-322 v. Chr.), der der Ökonomie ihren Namen „Oikonomia“(Wirtschaft des ganzen Hauses) gab und sie als eigenständige Disziplin auf den Weg brachte, ist diese Einsicht grundlegend. Der griechische Philosoph versteht „Oikonomia“ im umfassenden Sinne als Gesellschaftslehre, die moralischen Prinzipien folgt.

Der „Homo oeconomicus“ steht nicht über dem „Homo politicus“, genauso wenig wie die Wirtschaft total einer politischen Ideologie unterworfen werden darf. Wohin dies führt, hat sich am Aufstieg und Fall des Sozialismus gezeigt. „Oíkos“ und „nomos“, Haus und Gesetz, bedingen einander, bauen aufeinander auf, greifen ineinander, ergänzen sich.

Selbstverständlich ist diese Sichtweise nicht, dass die Wirtschaft kein moralfreier Raum ist . Immer noch glauben einige, sie müsse sich ausschließlich an den Maßstäben der Effizienz und der Gewinnmaximierung orientieren, wie der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbacherklärt.

„Dieser Meinungsstreit hat eine lange Geschichte. Die einen sagen, dass die Wirtschaft wie ein System funktioniert, in dem die Moral möglichst ausgeschaltet sein sollte. Moralische Interaktionen würden das Wirtschaftsleben nur unnötig stören. Die Welt der ökonomischen Tatsachen sei das eine, das Universum der Werte das andere. Beide haben nach dieser Theorie nichts oder nur wenig miteinander zu tun.“

Wirtschaft – eine wertfreie Zone?

Friedhelm Hengsbach. Foto: StZ

Die Wirtschaft als Realität „sui generis“ – eine eigene, abgeschlossene, wertfreie Zone. Kann das funktionieren? Nein, sagt der 79-jährige Jesuitenpater, der von 1985 bis zu seiner Emeritierung 2005 als Professor Christliche Gesellschaftslehre an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main lehrte.

In der Theorie der Wirtschaftsliberalen werde der Markt als ein evolutionäres System verstanden, das sich wie die Natur entwickelt und in dem die Interessen der beteiligten Tauschpartner ausgeglichen werden, so Hengsbach.

Evolution bedeutet in der Biologie: „Survival of the Fittest“. Überleben werden nur die am besten angepassten Individuen. In diesem Sinne hat der britische Sozialphilosoph Herbert Spencer (1820-1903) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Darwinsche Evolutionstheorie für das Gesellschafts- und Wirtschaftsleben umgedeutet. „Andere Wirtschaftstheorien sagen das genaue Gegenteil“, sagt Hengsbach. „Es gibt nicht das freie Spiel der Kräfte. Wenn jeder nur seinen eigenen Nutzen sucht, kommt das Gemeinwohl irgendwann unter die Räder.“

„Homo homini lupus“ oder kategorischer Imperativ?

Thomas Hobbes. Foto: dpa

Was stimmt nun? Was schmiert den Motor der regionalen, nationalen und globalen Wirtschaft besser? Ein regelloses Hauen und Stechen, an dessen Ende nur der Stärkste, Brutalste und Skrupelloseste obsiegt?

„Homo homini lupus“ – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, sein gefährlichster Feind. Diese Prämisse vertrat der englische Philosophen und Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588-1679). „Selbst die Guten (müssen) bei der Verdorbenheit der Schlechten ihres Schutzes wegen die kriegerischen Tugenden, die Gewalt und die List, d.h. die Raubsucht der wilden Tiere, zu Hilfe nehmen“, schreibt er in seinem staatsphilosophischen Hauptwerk „Leviathan“.

Oder gilt das, was Immanuel Kant (1724-1804) auf die Frage „Was soll ich tun?“ antwortete: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“

Für den deutschen Aufklärungsphilosophen ist dieser Satz die oberste und allgemeinste Handlungsanweisung in der Philosophie, das höchste, zeitlos und allgemeingültige Prinzip der Moral – ein kategorischer Imperativ.

Moralisch und autonom handelt demnach nur derjenige, der sich allein von der Pflicht und dem Sittengesetz leiten lässt. Freiheit bedeutet nicht Schrankenlosigkeit, Maßlosigkeit und Gier, sondern Gehorsam gegen das sich selbst erklärende und über allem stehende Sittengesetz, das jeder in seinem eigenen Gewissen erkennt.

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