Tötet jede Kreativität: Lärm im Großraumbüro. Foto: Fotos: KI/Midjourney/Illustration: B. Locke

Vor den Feiertagen wird die Kraft der Stille beschworen. Doch die ist uns abhanden gekommen. Die laute Welt kommt auf keinen grünen Zweig, weil sie keine Ruhe geben kann.

D as Leben in Zeiten wie diesen ist wie ein schwäbischer Witz, und der geht so: Kommt ein Mann am Abend nach Hause und sagt zu seiner Frau: „Schatz, Du siehsch richtig abgschaffd aus!” Sie lächelt mit letzter Kraft – was für ein schönes Kompliment!

 

Gut, das ist natürlich keine zeitgemäße Rollenverteilung, aber warum lachen wir eigentlich über den Rest? Finden wir das komisch? Ist das denn nicht ganz normal? Da rackern sich beide ab, er im Großraumbüro, sie zu Hause, und am nächsten Tag fangen sie wieder von vorne an. Ein deutsches Leben, in dem keine Zeit bleibt, Probleme wirklich zu lösen, weil man vor lauter Arbeit nicht einmal dazu kommt, sie richtig zu erkennen.

Es ist ja nicht so, dass nichts anstünde. Strukturwandel, Umbau der Arbeitswelt und Organisationen zu digitalen Wissensunternehmen, zu Innovationskraft. Lasst doch die Automaten arbeiten! Wir konzentrieren uns auf den Kopf. Schließlich sind wir clever!

Wirklich? Es sieht nicht danach aus. In den meisten Unternehmen rackern viele wie noch nie, es kommt aber immer weniger dabei heraus. Die Fleißgesellschaft, so lautet die korrekte Übersetzung von Industriegesellschaft auf Deutsch, ist an ihre Grenzen geraten. Fleiß und Rackern halfen früher – doch heute, wo Routinearbeit durch Algorithmen und Roboter erledigt wird, sehen die, die „abgschaffd“ aussehen, ziemlich alt aus. Und gar nicht gut. Und das passt ins Bild. Reformen verpuffen genauso wie die Milliarden, die ihnen in blindem Eifer zugeführt werden. Probleme werden erkannt und schnell bürokratisiert, damit sie nicht weglaufen können.

Hannah Arendt, die nach ihrer Flucht aus Nazideutschland Ende der 1940er Jahre in ihre alte Heimat zurückkehrte, bemerkte, dass „die Deutschen geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte stolpern“, und man begreife schnell, so die Denkerin, „dass die Geschäftigkeit zu ihrer Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist“. Das Gezappel ist dazu da, dass die wichtigen Dinge nicht getan werden. Man spuckt in die Hände und tut, was einem gesagt wird. Fertig.

Dabei brauchen wir Konzentration, Fokus, Ruhe. Während selbst das konservativste Management heute den beiden ersten Begriffen etwas abgewinnen kann, vorausgesetzt, dies findet unter seiner Kontrolle im Großraumbüro statt, gilt das letztere, die Ruhe, als Antithese der Busyness, der Fleißigkeit, die Wachstum schafft. Das liegt allerdings mehr an einem überholten Weltbild als an irgendetwas anderem. Laute Großraumbüros sind die Nachfolger der lauten Fabrikhalle. Einzelbüros, in denen gelegentlich Platz zum fokussierten, ruhigen Arbeiten bleibt, werden weggespart und das Ganze zu einem „Erlebnis für das Team, das den Gemeinschaftsgeist stärkt“ umgedichtet. Doch das ist Unfug. Schon 1982 zeigte der Regisseur Reinhard Schwabenitzky in seiner Fernsehserie „Büro, Büro“, zu welchen Abgründen das führt. Die Auflösung der Einzelbüros zu „offenen Landschaften“ mündet nach einem halben Tag fast in Mord und Totschlag, gearbeitet wird überhaupt nicht mehr. In Schwabenitzkys Gesellschafts- und Arbeitskritik geht die Geschichte gut aus, die Leute dürfen zurück in die Einzelbüros. Im wirklichen Leben feiern sich Manager mittels LinkedIn- Post als Pioniere des neuen Teamgeists, dem sie sich freilich selbst in ihren geräuscharmen Einzelbüros entziehen, weit weg vom Angestellten-Purgatorium des Großraumbüros.

Die Wissenschaftler Andrea Gerlitz und Marcel Hülsbeck haben internationale Studien ausgewertet, die sich zwischen 2005 und 2022 mit den Auswirkungen lärmender Arbeitsumgebungen beschäftigt haben. Ergebnis: Lärm ist ein Produktivitätskiller. Selbst Leute, die einst das offene Großraumbüro vermarkteten, haben das eingesehen. Der Ex-Vorstand des schweizerischen Möbelherstellers Vitra, Hanns-Peter Cohn, stellte vor mehr als einem Jahrzehnt fest, dass „Wissensarbeiter in einer offenen Bürolandschaft nichts verloren haben“. Er forderte ein Nachdenken über eine zweckmäßige, der neuen Arbeit entsprechenden Infrastruktur. Es geht nicht nur um eine Handvoll Leute: In den wissensbasierten Dienstleistungen arbeiten in Deutschland heute gut fünfmal mehr Menschen als in der Industrie.

Am meisten trifft das die, die die Wirtschaft und die Gesellschaft am dringendsten bräuchten, talentierte Innovatoren, Nachdenker, die nicht nur Dienst nach Vorschrift machen, sondern immer eine Extrarunde im Kopf drehen. In den frühen 1990er Jahren stellte die amerikanische Psychologin Shelley Carson in Harvard fest, dass kluge Leute unter Lärm deutlich mehr leiden als Durchschnittsmenschen. Phlegmatiker lassen sich in ihrer Routinearbeit kaum durch Ablenkung aus der Ruhe bringen. Unsere Büros fördern also die intellektuell Schwerfälligen, deren Arbeit durch KI und Prozessautomation leicht ersetzt werden können.

„Eifer und Fleiß, Geschäftigkeit und ständige Bewegung sind Tugenden, die gesellschaftlich und kulturell bis heute höchst geschätzt werden,“ so der Arbeitssoziologe Rüdiger Trimpop vor Jahren im Magazin „Brand eins“: „Wer still sitzt, ist ein fauler Sack, sogar Intellektuelle haben oft ein schlechtes Gewissen, wenn sie lesen oder einfach nur konzentriert nachdenken“ – also nur ihre Arbeit tun. „Das kollektive Über-Ich muss immer etwas leisten, was so viel heißt wie: in Bewegung bleiben. Das wird schon Schulkindern eingeschärft.“ Indes: „Zum Denken reicht das nicht.“

Alle starren aufs Handy

Dem nachweislich positiven Effekten der konzentrierten Arbeit in Einzelbüros stehen die Störungen durch die Zunahme an Meetings – live oder per Video – gegenüber, die die Konzentration stören und das Ergebnis negativ beeinflussen. Hinzu kommt das Ablenkungsmanöver aus Marketing und Werbung, das eine ähnliche Funktion erfüllt wie die Komplizen von Taschendieben, die durch Gaukelei davon ablenken, dass den Opfern gerade das Portemonnaie geklaut wird. Alle starren aufs Handy, es gibt kein Nichts mehr, keine Langeweile, aber auch keine Neugierde, kein Hinterfragen, nur mehr ein Mitklicken, Mitlaufen, und das alles eskaliert. Wer im Lauten nicht noch lauter brüllt, geht unter. Laut, das ist jung, dynamisch, in Bewegung – und Ruhe, das ist was für den Friedhof. Wer sich über zu viel Lärm beschwert, gilt als Spaßbremse. Wer lärmt, hat recht.

Es ist die Lärmkultur, die uns fertig macht. Deshalb sehen wir so „abgschaffd“ aus, und das ist alles andere als ein Kompliment. Vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, toben wir deshalb so herum, damit wir uns die Arbeit, uns zu fokussieren, ersparen. Wo man jahrtausendelang Erfolg und Wachstum und Anerkennung immer nur mit lautem Schaffen und Getöse gleichgesetzt hat, kriegt man das aus Mensch und Kultur nicht so leicht heraus. Es muss aber sein, nicht nur, weil längst wahr geworden ist, was der Arzt und Mikrobiologe Robert Koch kurz vor seinem Tod erkannte, nämlich dass bald schon der „Lärm wie einst Pest und Cholera bekämpft werden muss“. Bald ist längst jetzt.

Der Mainzer Kardiologe und Lärmforscher Thomas Münzel verweist auf eine aktuelle Studie der WHO, nach der jährlich rund 1,6 Millionen „gesunde Lebensjahre“ durch die Folgen des Lärms verloren gehen – nur in Europa. Herzinfarkt, Schlaganfall, dauerhafte Invalidität und Tod sind die Folgen. Lärm ist die nach Feinstaub bedeutendste Todesursache unter den Umweltbelastungen. Doch kaum etwas wird so heruntergespielt wie die Gesundheitsrisiken durch Lärm. Mehr Lärm, so glaubt man, bedeutet mehr Wachstum, mehr Gewinn und dadurch auch mehr Abgaben und Steuern. Dass Staus, Lärm und Umweltverschmutzung vermeidbar wären, wenn nicht an den Arbeitskonzepten des vorigen Jahrhunderts festgehalten würde, wird nicht so gern erwähnt. So etwas wird überhört. Ohren zu und durch, wenn jemand sich beschwert, einfach ignorieren oder lauter drehen.

Arbeit braucht Ruhe und Kontemplation

Die Ruhestörer sind dabei nicht so einfach in Täter und Opfer einzuteilen. Die alten Eliten der Fabrikgesellschaft lebten in ihren Villen und Kurorten. Wo das Geld verdient wurde, mochte es laut sein, aber man selbst konnte der Unruhe entfliehen. Das ist nicht mehr so. Mehr als zwei Drittel aller Führungskräfte, so zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte von 2024, können sich nach eigenen Angaben nicht mehr ausreichend auf ihre Arbeit konzentrieren. Das bedeutet, dass täglich durch Hektik, Unruhe, Lärm und Unfähigkeit zur Konzentration falsche Entscheidungen getroffen werden und vor allem das besonnene, fokussierte Abwägen von Entscheidungen, auf der Strecke bleibt. Man macht einfach weiter. So wie immer. So wie alle. Das ist verrückt und geschichtsvergessen.

Arbeit, bei der man denken und entscheiden muss, braucht Ruhe, Kontemplation, eine reizarme Umgebung. Aus diesem Grund baute die christliche Kirche ihre Klöster, in die sie ihre besten Wissensarbeiter brachte, in abgeschiedenen Lagen. Hannah Arendts „Vita Activa”, das tätige Leben, wird oft als Gegensatz zu dieser Kontemplation gesetzt – das ist grundlegend falsch. Nicht nur, weil Arendt um den Wert ruhiger Orte zum Denken wusste, sondern auch, weil jede Form aktiver Problemlösung und Mitwirkung an der Transformation der Gesellschaft natürlich erst einmal ein Innehalten, ein ruhiges Sortieren, braucht. Anders gesagt: Es geht nicht darum, die Welt der Hyperaktiven in einen Schweigeorden zu verwandeln. Es geht darum, endlich zu lernen, was an der richtigen Stelle richtig ist – und sich eben nicht durch Aktionismus aus der Verantwortung zu stehlen.

„Ein Zimmer für mich allein“

Eine der Kernforderungen der bürgerlichen Revolutionäre von 1848, die die Industriegesellschaft ebenso wie das Verständnis von Zivilgesellschaft geprägt haben, war das Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Das ist nicht nur das Recht auf Unversehrtheit der Wohnung, in der die Obrigkeit so wenig verloren hat wie die Spitzel-Algorithmen der Plattformindustrie, sondern auch das Recht auf Privatheit, auf „das Eigene“, wie es frei übersetzt aus dem Lateinischen heißt. Privatheit ist das Recht auf die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, selbstbestimmt und selbstständig arbeiten und leben zu dürfen.

Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek zitiert gerne den Satz aus Herman Melvilles Erzählung „Bartleby der Schreiber“, der auf die vielfältigen Ansinnen seiner Chefs und Kollegen meist „I prefer not to“ antwortete: Nein, ich möchte lieber nicht. Das Recht auf Ruhe schließt dieses Neinsagen ein. Tyrannen akzeptieren kein Nein – sie treten die Tür ein. Demokraten kämpfen für das Recht, die Tür hinter sich zumachen zu können. Wir sehen: Die Vita Activa braucht die Vita Contemplativa. Die vermeintlichen Gegensätze sind zwei Seiten einer Medaille. Das Private ist nicht öffentlich, also politisch. Es ist unsere Sache.

Die Schriftstellerin Virginia Woolf hat dafür in „Ein Zimmer für mich allein“ den Rahmen gesetzt. Sie will in Ruhe für sich arbeiten können, im eigenen Zimmer. Selbstständig sein, selbstbestimmt. Wie fern klingt das heute, wie sehr aus der Zeit gefallen. Und doch müssen wir für dieses Recht streiten. Weil es die einzige Aussicht ist, ein gutes Leben zu führen. In aller Ruhe, mit voller Kraf