Nur wenn es gar nicht anders geht, fliegen Störche über große Wasserflächen. Ein Sender dokumentiert dann die genaue Flugroute. Foto: Mauritius

Ein Minisender, der Störchen wie ein ­Rucksack umgeschnallt wird, übermittelt viele aussagekräftige Daten. So können wir für unser Storch-Projekt die aktuelle Position der nachverfolgen.

Stuttgart - Die Frühlingsgefühle lassen sich nicht mehr verbergen – zumindest nicht bei Zozu. Als erster unserer drei mit einem Sender ausgerüsteten Störche hat es die Storchendame nicht mehr im Winterquartier bei Lleida im Hinterland von Barcelona gehalten: Diese Woche ist sie an die nordöstliche Grenze Spaniens geflogen. „Dabei führte die erste Etappe zunächst etwa 110 Kilometer weit nach Vic“, berichtet Wolfgang Fiedler vom Radolfzeller Max-Planck-Institut (MPI) für Ornithologie. Zusammen mit der Stuttgarter Zeitung verfolgt er die Reisen der drei baden-württembergischen Störche Zozu, Ingo und Libi, die alle einen Sender tragen.

Fiedler kann sich gut vorstellen, dass Zozu auf ihrer ersten Etappe mit einem ganzen Trupp Störche unterwegs war, denn anschließend ist sie noch einmal rund 80 Kilometer weiter geflogen, und zwar „in das schöne Feuchtgebiet bei Empuriabrava, in dem es um diese Jahreszeit sehr viele Störche gibt“, wie der Radolfzeller Ornithologe aus Erfahrung weiß. In solchen Gegenden warten die Vögel oft auf eine günstige Gelegenheit zum Weiterflug: Als Segler sind sie nämlich auf eine gute Thermik angewiesen. Und weil sie größere Wasserflächen meiden, müssen sie hier über die Ausläufer der Pyrenäen fliegen, wenn sie nach Norden wollen.

Doch neben Feuchtgebieten sind für Zozu auch Müllkippen nach wie vor attraktive Nahrungsgründe – wie für viele ihrer Artgenossen: „Auf ihrer Reise nach Deutschland schauen sehr viele Störche auf dem berühmten Müllplatz von Pedret i Marzà vorbei“, berichtet Fiedler und fügt an: „Auch viele unserer besenderten Störche.“

Signale kommen im Winterhalbjahr auch aus Afrika

Dass Zozu und ihre Kollegen Sendertragen, ist Wolfgang Fiedler und seinen Kollegen zu verdanken. Dazu werden die Jungtiere mit einer Hebebühne aus dem Nest geholt. Wenn sie dann ganz ruhig da liegen, kann Fiedler ihnen in aller Ruhe ein Kästchen auf den Rücken schnallen – auch wenn er dazu den Hals des Tieres ziemlich nach hinten biegen muss. Doch das stört den Jungstorch keineswegs: Wenn er später den Partner schnabelklappernd am Nest begrüßt, legt er den Hals auch eng an den Rücken an. Sobald die Prozedur überstanden ist, wird der Storch wieder zurück ins Nest gebracht.

Das Kästchen enthält eine ganze Reihe von Sensoren, einen Speicher für die Daten und einen Sender. Dieser übermittelt per Funk regelmäßig Daten an die „Außenwelt“. Die Radolfzeller Ornithologen haben in den letzten Jahren sehr viel Erfahrung mit dieser noch recht jungen Technik gemacht: Mittlerweile haben sie zusammen mit Partnerorganisationen mehrere Hundert Störche besendert, wie das bei den Biologen heißt. Diese Vögel sind von Portugal bis Usbekistan unterwegs. Signale kommen im Winterhalbjahr zudem auch aus vielen Regionen in Afrika.

Dass heute so viele Störche einen Sender tragen, wurde erst durch die immer bessere und preisgünstigere Technik möglich. „Heute kostet ein für einen Storch geeigneter Sender rund 1800 Euro“, berichtet der Vogelexperte Fiedler – vor wenigen Jahren waren es noch mehrere Tausend Euro. Die Sender sind alle mit Solarzellen für die Stromversorgung ausgerüstet. Bei guten Lichtverhältnissen – also Sonnenschein – können sie die Position des Storchs etwa alle fünf Minuten speichern, bei bewölktem Himmel geht dies nur etwa alle 20 Minuten. Die rund 40 Gramm leichten Sender sind für einen Storch, der zwei bis zweieinhalb Kilo wiegt, kein Problem.

Informationen über das Verhalten und die Lebenssituation der Störche

Programmiert sind die modernen Sender so, dass sie einmal am Tag sämtliche intern gespeicherten Daten über das Mobilfunknetz nach dem sogenannten GPRS-Standard auf eine Datenbank übertragen. Diese sogenannte Movebank wird vom MPI für Ornithologie betrieben. Dort können die Daten dann ausgewertet werden – und ermöglichen oft neue und manchmal durchaus verblüffende Erkenntnisse: So kommen immer wieder Daten von Routen und Aufenthaltsorten, von denen die Experten bisher kaum etwas wussten.

In der Praxis funktioniert die Übertragung der Senderdaten selbst in entlegenen Gebieten in Afrika ganz gut. „Wir hatten einen Storch, der quer durch Algerien über die Sahara hinweg in den Sudan geflogen ist. Da hat er natürlich nicht gesendet. Aber irgendwann kam ein Ölfeld mit Mobilfunkempfänger – und schon hatten wir sämtliche Daten“, berichtet Fiedler.

Bemerkenswert ist, was die Ornithologen alles aus den Senderdaten herauslesen können. Neben den genauen Ortsangaben des globalen Satelliten-Positionssystems (GPS) liefern die Sensoren auch Informationen über Flughöhe und Fluggeschwindigkeit. Aus dem Bewegungsmusterder Vögel lassen sich zudem viele Informationen über ihr Verhalten und ihre Lebenssituation herauslesen: Ob sie schlafen, laufen, fliegen – und ob sie beim Fliegen mit den Flügeln schlagen oder segeln.

Wertvolle Informationen auch nach dem Tod des Storches

Immer wieder kommt es auch vor, dass ein Sender keine Signale mehr überträgt. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass der betreffende Vogel tot ist. Manchmal rutscht das Kästchen so tief ins Gefieder, dass die Solarzellen nicht mehr genügend Licht für die Stromversorgung bekommen. Dann schaltet sich der Sender ab – so wie bei Muffine, einer Storchendame aus dem Radolfzeller Teilort Böhringen, die auf einer Müllkippe in Frankreich verschollen war. Ein Dreivierteljahr später kamen jedoch wieder Sendersignale – aus Spanien.

Doch oft genug bedeutet das Verstummen eines Senders und vor allem gleichbleibende Ortsdaten, dass der betreffende Storch nicht mehr am Leben ist. Aber auch dann kann der Sender noch wertvolle Informationen hinterlassen – vorausgesetzt, man findet ihn und kann die Daten auslesen. Wenn der letzte Standort in der Nähe einer Hochspannungsleitung liegt, dürfte ein Stromschlag die Todesursache gewesen sein. Man kann auch sehen, wenn der Storch vor seinem Tod von einem Raubvogel gejagt wurde. Und wenn er in der Nähe eines Müllplatzes langsam stirbt, war wohl eine Vergiftung die Todesursache.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: