Harvard ist eine Ansammlung von roten Backsteinhäusern, manche mit Glockentürmen, umgeben von gepflegten Grünflächen Foto: Leonid Andronov - stock.adobe.com

Wie bekommt man einen Platz in Harvard und wie ist es, an der berühmtesten Universität der Welt zu studieren? Ein Besuch auf dem Campus in der Nähe von Boston.

Es ist mucksmäuschenstill in der Bibliothek. Sogar der Mann, der den Mülleimer leert, achtet die andächtige Ruhe und zieht den Beutel nur millimeterweise aus dem Abfallkorb. Studenten sitzen an langen dunklen Holztischen mit Messingleuchten. Die meisten haben einen Laptop und Kaffeebecher vor sich stehen, nur vereinzelt sieht man Bücher. Über ihnen wölbt sich ein kassettiertes Tonnengewölbe. „Das ist der Loker Reading Room. Für mich der schönste Platz zum Lernen auf dem Campus“, flüstert Noah Plattner. Der 21-jährige Österreicher aus der Nähe von Innsbruck studiert im zweiten Jahr an einer der berühmtesten Elite- Universitäten der Welt: Harvard.

 

US-Präsidenten wie John F. Kennedy oder Barack Obama sind Harvard-Absolventen

Noah Plattner ist für Wirtschaft und Geschichte eingeschrieben, mit Sinologie im Nebenfach. Fünf Stunden pro Woche lernt er zusätzlich Chinesisch. Sein Ziel: er möchte in die Politik – nach Brüssel zur Europäischen Union oder nach Wien in die Bundesregierung. Die Chancen für diese ambitionierten Ziele stehen gut. Ein Studium an einer solch erlesenen Uni wie dieser ebnet fast todsicher den Weg zu einer steilen Karriere.

Die Hochschule wurde 1636 gegründet, um protestantische Missionare auszubilden. Heute kann man an der ältesten Uni Nordamerikas alles Mögliche studieren: Von Medizin über Jura bis Politikwissenschaften. US-Präsidenten wie John F. Kennedy oder Barack Obama sind Harvard-Absolventen, Mark Zuckerberg gründete hier Facebook, unter den Ehemaligen, Alumni genannt, sind mehr als 200 Milliardäre und über 160 Nobelpreisträger. Das Studium dauert vier Jahre und kostet eine Viertelmillion US-Dollar (rund 225 000 Euro), plus Verpflegung und Unterkunft.

Bildungselite – ja. Nur für Wohlhabende – nein. In Harvard kann man auch gebührenfrei studieren, wenn das Jahreseinkommen der Familie unter 200 000 Dollar (180 000 Euro) liegt. Verdienen die Eltern unter 100 000 Dollar netto im Jahr (90 000 Euro), werden zusätzlich auch die Kosten für Wohnen, Essen und Krankenversicherung übernommen. Der Student aus Tirol genießt so ein Rundum-Sorglos-Paket. Seine Mutter arbeitet beim Check-in am Flughafen Innsbruck, sein Vater kümmerte sich bis zu seiner Pensionierung bei der Kristallfabrik Swarovski um die Maschinen und reparierte, wenn was kaputt war. Der Bruder hat sich für eine Ausbildung als Sanitäter entschieden. Ganz normale Mittelschicht eben.

Im Zweifel gleicht eine interessante Persönlichkeit unperfekte Zensuren aus

Noah Plattner war „ganz gut“ in der Schule und hat seine Matura – das österreichische Abitur – mit der Note 1,0 bestanden. „Da dachte ich, ich probier’s halt mal an einem amerikanischen College“, sagt der 21-Jährige und lacht. Die Bewerbung läuft über ein offizielles Portal und der Prozess sei aufwendig: „Das Wichtigste ist das sogenannte Essay, ein Motivationsschreiben. Einfach nur nerdige Streber, die sich nicht für die Welt interessieren, wollen sie hier nicht.“ Harvard legt Wert auf gesellschaftliches Engagement. Im Zweifel gleicht eine interessante Persönlichkeit unperfekte Zensuren aus.

Jedes Jahr bewerben sich bis zu 70 000 Leute aus aller Welt auf 1500 Studienplätze. Die Chance, angenommen zu werden, liegt bei zwei bis drei Prozent. Aber: Wer es einmal hinein geschafft hat, schafft fast sicher auch das Examen. Schon bei der Immatrikulation bekam Noah daher ganz selbstverständlich ein „Leiberl“ geschenkt. Das T-Shirt trägt die Aufschrift „Class of 2027“, sein angepeiltes Abschlussjahr. „Die Graduation Rate in Harvard liegt bei 98 Prozent. Diese gute Quote von Absolventen wollen sie unbedingt halten. Deshalb werden nur Leute zugelassen, denen man zutraut, den Druck auszuhalten“, sagt der 21-Jährige.

Im Vorfeld wird lange ausgesiebt. Das ist der Unterschied zum Studium in Deutschland, wo sich erst in den ersten Semestern die Spreu vom Weizen trennt. Im Moment sind 6700 Studierende aus 147 Ländern in Harvard eingeschrieben. Nach den USA kommen die meisten aus China, Kanada, Indien, Südkorea und Großbritannien. Es gibt nur 40 Deutsche und vier Österreicher.

Wahrscheinlich verdanken ein paar Studenten ihre Zulassung einem klingenden Namen oder einflussreichen Verwandten. „Die Rich Kids sind eine kleine Minderheit“, sagt Noah und erzählt von einer Kommilitonin, die in einem Slum in Mexico City aufgewachsen ist. Wer über den öffentlich zugänglichen Campus spaziert, muss sich von Vorurteilen verabschieden. Es gibt keine von Kopf bis Fuß belabelten Schnösel mit teuren Uhren zu besichtigen. Stattdessen laufen hier junge Leute in No-Name-T-Shirts, Jeans und ausgelatschten Sneakers herum, meist mit Stoffbeutel über der Schulter.

Im Moment gibt es nur 40 Studenten aus Deutschland und vier Österreicher

Die Hochschule liegt in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts, einem Vorort von Boston. Die beiden Städte trennt der Charles River. Mit der 1897 eingerichteten ältesten U-Bahn der USA erreicht man in zehn Minuten die Bostoner City. „Ein Teil der Strecke führt direkt unter den Unigebäuden durch, und Harvard bezahlt die Bahn dafür, dass sie langsamer fährt – sonst wackelt hier alles“, sagt Noah Plattner.

Das Campusgelände ist über acht Hektar groß, eine eigene kleine Stadt mit Lehrgebäuden, Wohnhäusern, Mensa, sogar eine Kirche gehört dazu. Einen Steinwurf entfernt liegt eine weitere wichtige akademische Institution: das Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT.

Harvard ist eine Ansammlung von altertümlichen roten Backsteinhäusern, manche mit bunten Glockentürmen, umgeben von gepflegten Grünflächen. Mittendrin thront die prächtige Widener Library. Mit ihren korinthischen Säulen erinnert das imposante Gebäude an einen griechischen Tempel. Die große Freitreppe ist ein Treffpunkt zum Chillen, Sehen und Gesehenwerden. Benannt wurde die Bibliothek nach Harry Widener, einem Buchsammler und Mitglied einer der reichsten Familien von Philadelphia. Widener starb 1912 im Alter von 27 Jahren beim Untergang der „Titanic“. Seine Mutter Eleanor stiftete daraufhin 3,5 Millionen US-Dollar an Harvard, um die Sammlung des Sohnes und dessen Andenken zu bewahren. Angeblich soll sie auch dafür gesorgt haben, dass zu einem Harvard-Abschluss bis in die 1970er Jahre auch ein Schwimmtest gehörte. Doch beweisen lässt sich das nicht.

Die Erstsemester – hier sagt man Freshmen – wohnen im Zentrum der Anlage, dem Harvard Yard. Noah darf als Sophomore, so heißen die Studenten im zweiten Jahr, in einem der zwölf Wohnheime drum herum wohnen: „Die Häuser direkt am Fluss sind nicht so beliebt. Weil da gibt es Ratten.“ Noah hatte Glück und bekam ein Zimmer im Adams House, einem frisch renovierten Gebäude mit schickem Marmorboden in Schachbrettoptik. Nur in seltenen Fällen teilen sich zwei Kommilitonen ein Zimmer.

An der Uni ist der junge Mann gut vernetzt und engagiert sich in der deutsch-österreichischen Studenten-Vereinigung. „Wir sind eine Freundesgruppe. Im Gegensatz zu den anderen Ländern ist Nationalstolz bei uns gar nicht wichtig. Es wird dafür viel politisch diskutiert.“ Seit Donald Trump in Washington regiert, gibt es viel zu besprechen.

„Die Stimmung auf dem Campus ist gerade nicht gut“

Der US-Präsident liegt im Clinch mit den Elite-Universitäten, betrachtet sie als Brutstätten linksradikaler Ideen, wirft ihnen Untätigkeit gegen Antisemitismus vor und möchte, dass Personal nicht mehr nach Diversitätskriterien eingestellt wird. Deshalb fror er Fördermittel ein und droht damit, ihnen die Steuerbefreiung zu entziehen.

Harvard wies als erste Privatuniversität Forderungen nach mehr Kontrolle über Lehrinhalte zurück und verklagte die Regierung. Selbst wenn die Universität vor Gericht gewinnt, kann die Regierung weiter unangenehm sein und zum Beispiel die Visa aller ausländischen Studenten canceln. „Die Stimmung auf dem Campus ist gerade nicht gut“, sagt Noah Plattner. Doch Harvard gibt sich kämpferisch: Die mit Stiftungsgeldern gesegnete Hochschule gilt als die reichste der US-Universitäten, seit den 1950er-Jahren werden die Gelder an der Börse angelegt. So kommen Milliarden zusammen. Die Kriegskasse ist gut gefüllt.

Harvard für Touristen

Campus-Touren
 mit aktiven Studenten kosten in der Gruppe 22 Dollar (19,50 Euro) pro Person, https://trademarktours.com .

Infos
für Touristen, die Cambridge und Boston besuchen möchten unter www.cambridgeusa.org und www.meetboston.com