Ziemlich was los am Bodensee: Ein österreichisches Passagierschiff bringt Besucher von der Insel Mainau zurück aufs Festland. Foto: imago//Arnulf Hettrich

Die Tourismusverbände sind mit dem Sommer in Baden-Württemberg ganz zufrieden. Eine Pleitewelle von Hotels und Restaurants hat es, anders als befürchtet, bisher nicht gegeben. Ist die Branche damit über den Berg?

Stuttgart - Man kommt am Telefon kaum durch, so viele Menschen wollen derzeit gerne einen Wellnessurlaub im Mawell-Resort in Langenburg (Kreis Schwäbisch Hall) buchen: „Bitte schreiben Sie uns doch eine E-Mail“, säuselt der Anrufbeantworter. Am Ende ist der stellvertretende Direktor Andreas Behl aber zu sprechen. Er sagt: „Die Nachfrage war im Sommer einfach irre und ist immer noch ungebrochen.“ Die Wochenende seien schon bis in den Januar hinein ausgebucht.

 

So euphorisch klingt es nicht überall im Land, aber ein Aufatmen ist deutlich zu spüren: Alle Touristikverbände sprechen nach ersten Rückmeldungen der Betriebe von einem guten bis sehr guten Sommer oder sind zumindest wieder optimistisch. Konkrete Übernachtungszahlen liegen allerdings noch nicht vor.

Landesgartenschau Überlingen wurde zum Besuchermagnet

Überlingen: ein Besuchermagnet

Ute Stegmann etwa, die Geschäftsführerin der Deutschen Bodensee Tourismus GmbH, sagt, dass die Nachfrage im Juni noch verhalten gewesen sei, aber spätestens mit den Sommerferien seien Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze sehr gut ausgelastet gewesen: „Und das aktuelle schöne Spätsommerwetter lässt alle Betriebe noch auf eine gute Saisonverlängerung hoffen.“

Überlingen habe sich durch die Landesgartenschau sogar zu einem Besuchermagneten entwickelt. Nur manche beliebte Ausflugsziele, wie die Pfahlbauten in Unteruhldingen, würden noch von weniger Menschen besucht als in früheren Jahren, weil ausländische Gäste und auch Schulklassen noch nicht wieder in großer Zahl unterwegs seien.

Im Schwarzwald ist man vorerst nur „verhalten optimistisch“

Auf der Schwäbischen Alb ist man ebenfalls zufrieden: Teilweise hätten die Hoteliers sogar noch bessere Auslastungsquoten als vergangenen Sommer gemeldet, der bereits für viele Urlaubshotels sehr gut gewesen sei, teilt Louis Schumann mit, der Geschäftsführer des Schwäbische Alb Tourismusverbandes. Gleiches gelte für Ferienwohnungen und Sehenswürdigkeiten.

Etwas zurückhaltender fällt die erste Bilanz im Schwarzwald aus: Man sei „vorsichtig optimistisch“, sagt Wolfgang Weiler von der Schwarzwald Tourismus GmbH. Zwar sei derzeit die Buchungslage besser als im vergangenen Coronajahr, aber sie liege deutlich hinter der im Vor-Coronajahr 2019.

Die immer kurzfristigere Buchung wird zum Trend

Vor allem sei die Nachfrage differenziert zu betrachten: „Gut gebucht sind Top-Hotels, komfortorientierte Landgasthöfe und gut ausgestattete Ferienwohnungen sowie Campingplätze. Sie sind zum Teil bis in den Herbst hinein voll ausgebucht“, betont Weiler. Dagegen hätten kleinere Häuser meist noch Luft nach oben. Spürbar sei auch gewesen, dass viele Gäste kurzfristig reservierten, sodass es für die Betriebe immer wichtiger werde, auf den Online-Buchungsportalen präsent zu sein. Und: Da das Wetter wechselhaft gewesen sei und die Coronabestimmungen ständig gewechselt hätten, seien die Gäste zögerlich und volatil gewesen – beliebt waren deshalb Angebote, die man kurzfristig wieder stornieren konnte.

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Auch eine aktuelle bundesweite Befragung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) bestätigt, dass die Zuversicht im touristischen Bereich wächst. Im August 2021 hätten die Umsätze noch 5,7 Prozent unter den Augustwerten des Vorkrisenjahres 2019 gelegen, sagte Dehoga-Präsident Guido Zöllick: „Das ist der beste Wert, der in der monatlichen Umfrage seit Beginn der Pandemie im März 2020 festgestellt wurde“, bilanzierte Zöllick.

Geschäftsreisende bleiben weiterhin weg

Die Hilfsprogramme haben gewirkt

Aber „Licht am Ende des Tunnels“ bedeutet eben konkret, dass die Dunkelheit noch nicht vorbei ist. Daniel Ohl, der Sprecher des Dehoga-Verbandes Baden-Württemberg, betont zwar, dass das befürchtete Massensterben von Hotels und Restaurants im Südwesten ausgeblieben sei: „Man muss das auch einmal loben – die Hilfsprogramme der Politik haben gewirkt.“ Dennoch hat die Umfrage ergeben, dass noch immer jeder dritte Betrieb um seine Existenz bangt. Auch Ohl sagt, dass sich viele Betriebe hätten verschulden müssen.

Ein erhebliches Problem ist auch der dramatische Mangel an Mitarbeitern, viele sind in der Pandemie in andere Branchen abgewandert. Sorge bereitet den Touristikern zudem das womöglich dauerhafte Ausbleiben der Geschäftsreisenden. Die Region Stuttgart ist davon besonders betroffen, hier machen dienstliche Übernachtungen normalerweise 70 Prozent aus. Auch die Menschen, die sich einen Städtetrip übers Wochenende gönnen, sind bisher nicht in großem Stil zurückgekehrt. Oft sei ein solcher Kurzurlaub mit dem Besuch einer Veranstaltung verbunden, sagt Andrea Gehrlach von der Stuttgart-Marketing GmbH, und Volksfest und Großkonzerte fänden eben noch nicht wieder statt. „Wir sind deshalb noch längst nicht aus dem Tal der Tränen“, sagt sie. Man wolle nun verstärkt Freizeitgäste ansprechen und weitere Tagungen an Land ziehen, um für einen Ausgleich zu sorgen. Im ersten Halbjahr 2021 hatte das Minus bei den Übernachtungen landesweit bei 29 Prozent gelegen, in der Region Stuttgart bei 41 Prozent.

Staatssekretär hält grundlegende Veränderungen für notwendig

Nach der Krise wird deshalb einiges anders werden müssen, davon ist der für den Tourismus zuständige Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Patrick Rapp (CDU), überzeugt. Die Coronapandemie habe bestehende Entwicklungen beschleunigt und neue Nachfragetrends hervorgebracht.

Gefragt würden immer mehr nachhaltiger Urlaub und Naturerlebnisse, autarke Unterkunftsformen sowie kurzfristige Buchungen, gepaart mit flexiblen Stornobedingungen. Gleichzeitig sei Regionalität und Authentizität gefragt wie nie zuvor. Für Patrick Rapp ist deshalb klar: „Diese Entwicklungen sind eine Herausforderung für den Tourismus, stellen aber auch eine Chance für eine grundlegende und zukunftsfähige Neuausrichtung dar.“

Rund ein Dreivierteljahr waren die Hotels geschlossen

Lockdowns
 Man vergisst selbst die Eckdaten dieser Pandemie so schnell: Hotels und Restaurants blieben im ersten Lockdown von Mitte März bis etwa Mitte Mai 2020 geschlossen und dann erneut von Anfang November 2020 bis ungefähr Mitte Mai dieses Jahres. Das sind zusammen fast neun Monate.

Übernachtungen
 Für den Tourismus hatte dies fatale Folgen. Im ersten Halbjahr 2019, also vor der Pandemie, registrierte das Statistische Landesamt 25,8 Millionen Übernachtungen im Südwesten. Im gleichen Zeitraum 2020 waren es noch 13,3 Millionen und im ersten Halbjahr 2021 gar nur noch 9,4 Millionen.

Sommer-Hoch
 Die Sommer 2020 und 2021 waren touristisch besser, aber zumindest 2020 ebenfalls noch nicht auf dem Niveau vor der Pandemie. Von Juni bis August 2019 waren 18,5 Millionen Übernachtungen gezählt worden, 2020 noch 13,2 Millionen. Für 2021 liegen bislang keine Daten vor.