Nicht wegschauen: Wer einen depressiven Partner hat, kann diesem helfen, indem er den Erkrankten hin und wieder zu gemeinsamen Unternehmungen auffordert. Foto: dpa

Eine Depression kann das Leben, wie man es kennt, aus den Fugen heben. Und zwar nicht nur das des Erkrankten: Unter der Krankheit leiden auch die Partner depressiver Menschen.

Stuttgart - Mit ihrer Krankheit kam eine neue Art der Verantwortung. Die Depression brachte nicht nur Isabelles Leben vorübergehend zum Stillstand. Die Tage, an denen es ihr schlecht ging, an denen sie traurig war und es einfach nicht schaffte aufzuräumen oder das Geschirr abzuwaschen – ja, manchmal nicht einmal von der Couch aufzustehen –, belasteten auch ihren Freund Till (Namen geändert). „Mit der Krankheit hast du nicht nur deinen eigenen schwarzen Hund“, sagt Isabelle. „Du lässt den Hund auch noch auf andere los – und der Hund beißt.“

Im November 2015 wurde bei der 29-jährigen Eventmanagerin aus Stuttgart eine mittelschwere Depression diagnostiziert. Ei­ne Depression, die wahrscheinlich vererbt ist, immer wieder auftreten wird. Der Psy­chiater, der ihr Tabletten gegen die Symptome verschrieb, zeigte sich erstaunt da­rüber, dass Isabelles sechsjährige Beziehung der Krankheit so lang getrotzt hatte. „Depressive halten die Nähe oft nicht aus oder machen sich selbst so klein, dass sie mit dem Partner nicht mehr klarkommen“, sagt Isabelle.

Vor der Diagnose tat sich auch Till schwer damit, Verständnis für Isabelles Verhalten aufzubringen. Dass sie tagelang nur auf dem Sofa lag, hat den 29-jährigen Informatiker frustriert. „So kann es nicht weitergehen“, sagte er in solchen Momenten häufig.

„Die Depression kommt nicht selten im Deckmantel daher“

„Wenn man sie selbst noch nicht hatte, kann man sich eine Depression schwerlich vorstellen“, erklärt die Münchner Psychotherapeutin Heike Melzer. In ihrer Praxis empfängt sie regelmäßig Paare, bei denen einer Partner unter der Krankheit leidet. Oft kommen die Ratsuchenden aber nicht wegen der Depression selbst zu ihr, sondern wegen ihrer Symptome – etwa einer sexuellen Unlust. „Die Depression kommt nicht selten im Deckmantel daher“, sagt Melzer. „Häufig wissen die Beteiligten selbst nicht, womit sie es zu tun haben.“

Das Allererste sei daher die Abgrenzung: Ist jemand traurig oder bedrückt, weil es im Job gerade nicht so klappt? Gibt es partnerschaftliche Konflikte oder Probleme mit den Kindern? Ist ein Mensch aus dem engeren Umfeld verstorben? „Häufig bedarf es eines geschulten Blicks, um eine Verstimmung von einer manifesten und handlungsbedürftigen Depression abzugrenzen“, sagt Melzer. Nicht zuletzt, da die Symptome der Krankheit vielfältig sind. Selbstzweifel gehören dazu, eine verminderte Leistungsfähigkeit, Antriebslosigkeit, die Unfähigkeit, sich zu freuen – sogar ein ausgeprägtes Morgentief kann ein erstes Anzeichen sein.

Depressionen gehören nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Ihr zufolge erkrankt jeder fünfte Bundesbürger mindestens einmal im Leben an einer behandlungsbedürftigen Depression – allein in Deutschland sind es etwa 5,3 Millionen Menschen jährlich. Dabei erhält nur eine Minderheit eine optimale Behandlung.

Die fehlende Libido kann ein Symptom der Depression sein

„Man sollte nicht zu lange warten, bis man zu einem Psychotherapeuten geht, der eine Diagnose stellt“, betont Heike Melzer. Die Diagnose sei die Grundvoraussetzung dafür, ein tiefgehendes Verständnis für den jeweils anderen zu schaffen, sich Wissen über die Krankheit anzueignen und Wege zu erlernen, mit ihr umzugehen. Etwa dann, wenn der Erkrankte keine Lust mehr hat auf Sex. Die fehlende Libido kann ein Symptom der Depression sein, da einfach nicht mehr genug Energie zur Verfügung steht. Doch ohne das Wissen darum fühlt sich der gesunde Partner schnell zurückgesetzt, nicht geliebt oder ungerecht behandelt. „Wenn man weiß: Das hat nichts mit mir zu tun, das ist Teil ­dieser Erkrankung, kann man in der Regel leichter damit umgehen“, sagt Melzer.

Schwer fällt es gesunden Partnern häufig auch, die eigene Ohnmacht zu akzeptieren. Zu wis­sen, dass man wenig ausrichten kann, um dem geliebten Menschen zu helfen, wenn er sich in einer depressiven Phase befindet. Sätze wie „Die Welt ist so schön!“ oder „Reiß dich doch mal zusammen!“ sind eher kontraproduktiv. „Der Patient leidet ohnehin massiv darunter, dass er sich schlecht fühlt“, erklärt Melzer.

Viel wichtiger sei es, dem Partner zur Seite zu stehen, ihm das Gefühl zu geben, auch in schwierigen Momenten für ihn da zu sein. Ihn hin und wieder zu gemeinsamen Unternehmungen wie einem Spaziergang aufzufordern – wenn dies ihm denn guttut. Und ihn trotz allem in alltägliche Aufgaben einzubinden: „Den Depressiven sämtlicher Pflichten zu entledigen verstärkt das Krankheitskonzept – dieses Gefühl, selbst nichts zu können“, sagt Heike Melzer.

„Nicht jeder kann die Belastung an der Seite eines kranken Partners aushalten“

Bei alledem sollte der gesunde Partner stets auch auf sich selbst achten, die eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen, Hobbys pflegen, etwas mit Freunden unternehmen – auch wenn der Erkrankte nicht jedes Mal daran teilhaben kann. Zudem ist es sinnvoll, sich in Büchern oder im Internet über die Krankheit zu informieren, um das Verhalten des Erkrankten nachvollziehen zu können. Und sich mit anderen auszutauschen.

„Klar gehen manche Partnerschaften an Depressionen kaputt“, sagt Melzer. „Nicht jeder kann die Belastung an der Seite eines kranken Partners aushalten.“ 16 Monate nach der Diagnose haben Isabelle und Till ihren Weg gefunden, mit der Krankheit umzugehen. „Wir kommen gut damit klar“, sagt Isabelle. Sie sieht ihre Depression mehr als eine leichte Einschränkung denn als große Belastung. Als eine Krankheit, mit der man sich – wie mit Asthma – arrangieren kann.

Zwar hätte sie sich manchmal gewünscht, dass Till sich mehr informiert. Zugleich weiß sie, dass die Erwartungshaltung an andere nicht zu groß sein sollte. „Freunde und Familie können einen nicht retten – man muss sich immer wieder selbst aufpäppeln“, sagt sie. Das sei ihr durch die Therapie bewusst geworden. Darüber hinaus gibt ihr die Beziehung zu Till Kraft – „allein dadurch, dass eine Kontinuität da ist“. Zu sehen, dass ihr Partner zu ihr hält, sie in schweren Zeiten einfach einmal in den Arm nimmt, hilft ihr. Die Beziehung funktioniere aber nur, weil Till auch mal zurückstecken könne, sagt sie: „Weil er stark für mich ist, wenn ich es nicht sein kann.“

Kostenloser Kurs am Universitätsklinikum Heidelberg

Training für betroffene Paare

Das Institut für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg erforscht mit einer Studie die Interaktion von Paaren, bei denen die Partnerin an einer Depression leidet. Ziel des Programms ist es, die Lebensumstände, die durch die Krankheit beeinträchtigt werden, zu untersuchen und diese gezielt zu verbessern.

Das Cognitively-based Compassion Training für Paare (CBCT®-fC) ist ein achtsamkeits- und mitgefühlsbasierter Ansatz mit Einzel- und Partnerübungen.

Für das zehnwöchige Training können sich Interessierte fortlaufend anmelden. Das Programm startet, sobald eine Gruppe von vier Paaren zusammenkommt. Teilnehmen können Paare ab einem Alter von 20 Jahren, die sich seit mindestens zwei Jahren in einer festen Partnerschaft befinden und an keiner schwerwiegenden körperlichen Erkrankung leiden. Die Teilnahmegebühren übernimmt das Institut für Medizinische Psychologie. Anmeldungen an das Team von Corina Aguilar-Raab per E-Mail: Pro­jekt.CBCT@med.uni-heidelberg.de.

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