Ein Röhrchen mit einer Blutprobe wird in eine Zentrifuge gestellt, um Blutuntersuchungen durchzuführen. Foto: dpa-Zentralbild

Vor der Zulassung müssen Krebsmedikamente zahlreiche Tests durchlaufen – auch an Menschen. Das kann für einige Patienten eine Chance sein, doch Wissenschaftler und Ärzte haben bei Studien mit vielen Hürden zu kämpfen.

Heidelberg/Stuttgart - Die neue Waffe, die im Kampf gegen Prostatakrebs in Zukunft Großes bewirken soll, trägt den Namen PSMA-617. Es handelt sich dabei um ein winzig kleines Molekül, das von seinen Entwicklern am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) mit verschiedenen radioaktiven Substanzen versehen wurde. Wird es einem Patienten mit Prostatakrebs gespritzt, dockt es an die Tumorzellen an. „So können wir kleinste Ansammlungen von Krebszellen sichtbar machen“, sagt Klaus Kopka, der am DKFZ die Abteilung Radiopharmazeutische Chemie leitet. Und nicht nur das: Der molekulare Wirkstoff kann durch die Kopplung mit einer stark strahlenden radioaktiven Substanz die Tumorzelle von innen heraus zerstören. Bei Einzelheilversuchen hat er schon zu Erfolgen geführt.

Bis zur Zulassung eines Medikaments vergehen bis zu 16 Jahre

Solche Ansätze für neue Therapien machen Hoffnung – und wecken Erwartungen. Das weiß Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des DKFZ: „Die Menschen erwarten, dass die Forschung schnelle und spürbare Fortschritte bei der Behandlung von Krebs macht.“ Und dass diese Fortschritte schnell beim Patienten ankommen.

Die Spanne dazwischen kann sich hinziehen: Im Schnitt bis zu 16 Jahre vergehen von der Entdeckung eines möglichen Wirkstoffs bis zur Zulassung eines Mittels, das die Krankheit erfolgreich bekämpft. Dazwischen durchlaufen die Präparate viele Tests – dazu gehören vier Versuchsphasen an Menschen. Solche Medikamententests sind vor allem für die Patienten interessant, bei denen Standardtherapien nicht mehr gut oder gar nicht wirken. „Für sie ist das ein Lichtblick“, sagt Matthias Schwab, der das pharmakologische Forschungsinstitut am Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) in Stuttgart leitet. Denn Kranke können so einen neuen Therapieansatz ausprobieren, der ihnen möglicherweise zu einem längeren Leben, einer Verbesserung der Lebensqualität oder gar zur Heilung verhilft.

Nebenwirkungen können in klinischen Tests auftreten

Was allerdings nicht bedeutet, dass die Teilnahme an solchen Tests ohne Risiko ist. „Man macht ja die Studie, um herauszufinden, welche Nebenwirkungen auftreten können“, gibt Jan Schleicher zu bedenken, der am Klinikum Stuttgart als Oberarzt in der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin die Studien betreut. Das Risiko ist vor allem in den klinischen Studien der Phasen eins und zwei höher, weil es hier um die Sicherheit und Verträglichkeit des Wirkstoffs geht, sowie die Dosisfindung. In Studien der Phasen drei und vier sind die wichtigsten Nebenwirkungen bereits bekannt. Diese Testreihen sollen belegen, dass der neue Wirkstoff Vorteile gegenüber Präparaten bietet, die schon auf dem Markt sind. In Phase vier untersucht man das neue Medikament nach der Zulassung. Dabei geht es unter anderem darum, ob es im Fall von Begleiterkrankungen Wechselwirkungen gibt oder wenn der Wirkstoff zusammen mit anderen Medikamenten eingenommen wird, ergänzt Schleicher. „Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Patienten in Studien engmaschiger betreut werden.“

Für Ärzte und Patienten ist es schwer, Studien zu finden

Geht es nach dem Willen der Krebsmediziner, sollten mehr solcher Studien in Kliniken durchgeführt werden. Doch es hakt an der Struktur, wie DKFZ-Vorstandschef Baumann beklagt: Es passiere noch zu oft, dass wichtige Ergebnisse aus dem Labor erst gar nicht im Klinikalltag ankommen. Ein weiteres Problem ist die fehlende Systematisierung: Es sei für Patienten, aber auch Ärzte schwer, passende Studien zu finden. Zwar gibt es ein Deutsches Register Klinischer Studien. Doch noch sind Wissenschaftler nicht verpflichtet, ihre klinische Prüfung dort einzutragen.

Hinzu kommt, dass Studien für Kliniken einen enormen Aufwand bedeuten – sowohl zeitlich als auch wirtschaftlich: „Die Ärzte brauchen eine Qualifizierung, auch das Klinikpersonal muss über entsprechende Weiterbildungen verfügen“, sagt Schleicher. Hinzu kämen viele Kontrollmechanismen, ergänzt Schwab: So muss jede Studie vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und von einer Ethikkommission genehmigt werden. Auch der Studienverlauf wird geprüft. „Regelmäßig wird kontrolliert, wann welches Medikament unter welchen Bedingungen verabreicht wurde und wo es gelagert wurde.“ So kann gewährleistet werden, dass die Tests bei jedem Teilnehmer unter gleichen Bedingungen durchgeführt wurden.

Studien für Krebsmedikamente sind immer schwerer durchzuführen

Insbesondere in der Krebsmedizin wird der Aufwand künftig weiter zunehmen: „Krebserkrankungen und Tumore sind so unterschiedlich, dass man Krebs mittlerweile als eine Ansammlung seltener Erkrankungen betrachtet“, sagt Stefan Fröhling vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg. So wird zwar allgemein von Brustkrebs gesprochen, doch gerade bei dieser Tumorerkrankung gibt es verschiedene Gruppen mit bestimmten genetischen Veränderungen, die bei jeder Patientin anders ausfallen. „Betroffene mit Tumoren, die die gleichen molekularen Merkmale aufweisen, sind räumlich meist weit verteilt, was die Zusammenführung in aussagekräftige Kohortenstudien erschwert.“

Im Robert-Bosch-Krankenhaus startet bald eine neue Studie

Um diese Hürden in der Krebsforschung zu überwinden, haben die Heidelberger das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) gegründet. Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss von Krebsforschern und Ärzten an acht Standorten – darunter das Uniklinikum Tübingen –, die dafür sorgen sollen, dass Erfolg versprechende Entdeckungen aus dem Labor schneller in den Klinikalltag gebracht werden. Davon profitiert das RBK, das als Teil des Comprehensive Cancer Center (CCC) Tübingen-Stuttgart bei Studien mit der dortigen Uniklinik zusammenarbeitet und Kooperationspartner des DKFZ ist: Im Sommer startet dort eine Studie, die deutschlandweit auf 600 Patientinnen ausgelegt ist. Dabei wird zwar kein neuer Wirkstoff geprüft, sondern versucht, die antihormonelle Therapie bei Brustkrebs zu optimieren. Anfang 2019 gibt es die ersten Ergebnisse. „In etwa drei bis fünf Jahren könnte das verbesserte Konzept in der Klinik angewendet werden“, sagt Schwab.

Was Patienten wissen müssen

Wie finden Patienten die richtige Studie?

Orientierung Am besten ist es, den behandelnden Onkologen auf Studien anzusprechen, rät Jan Schleicher vom Klinikum Stuttgart. Auch auf den Homepages großer Kliniken finden sich Hinweise: beim Klinikum Stuttgart (www.klinikum-stuttgart.de) sowie beim Robert-Bosch-Krankenhaus (www.rbk.de) . Infos gibt es auch beim Deutschen Register Klinischer Studien (www.drks.de).

Durchführung Ob eine Studie im Krankenhaus oder ambulant durchgeführt wird, hängt von der Versuchsphase ab: Die Phasen eins und zwei laufen meist stationär ab, die Phasen drei und vier finden meistens im ambulanten Bereich statt.

Versicherung Patienten sind während der Studienlaufzeit versichert – meist über einen Sponsor. Sollte die Einnahme eines Medikaments Schäden verursachen, kommt dieser dafür auf. Grundsätzlich ist die Teilnahme immer freiwillig, und die Entscheidung kann jederzeit widerrufen werden. (wa)

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: