Die Letzte Generation hält Deutschland in Atem. Die Blockaden sind allgegenwärtig. Doch wie groß ist die Gruppe eigentlich? Eine Spurensuche in einem Umfeld, das exzellent vernetzt und organisiert ist – und sehr reisefreudig.
Wie viel Aufmerksamkeit erregt wohl eine Demonstration in einer Großstadt? Man kennt die Versammlungen in Berlin, Hamburg, München oder Stuttgart. Täglich gibt es sie, oft steht ein Grüppchen von mehreren Dutzend oder auch ein paar Hundert Menschen beisammen. Mit Plakaten und Transparenten. Klimaschutz, politische Konflikte, Menschenrechte. Die Parolen und Forderungen ziehen an den Passanten vorbei und sind meist gleich wieder vergessen. Wie also macht man mit wenigen Leuten maximal von sich reden?
Die perfekte Antwort darauf hat die Letzte Generation gefunden. Landauf, landab stehen die Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten im Blickpunkt. Mit Blockaden, Festkleben auf der Straße, Farbattacken oder anderen knackigen Aktionen, mit denen man in kurzer Zeit mit einer Handvoll Leuten maximale Wirkung erzielen kann. Illegal zwar, aber gewaltfrei. Dabei reichen oft vier, fünf Beteiligte, um den Verkehr lahmzulegen und großen Zorn mancher Autofahrer auf sich zu ziehen – aber eben auch die Blicke der Öffentlichkeit.
Wie groß die Gruppe tatsächlich ist, weiß offiziell nicht einmal sie selbst. Schließlich gibt es keine Mitgliedsausweise. Es drängt sich jedoch der Eindruck auf, dass es bundesweit eine sehr geringe Zahl an Menschen schafft, den Druck auf Politik und Polizei aufrechtzuerhalten. Während beispielsweise Greenpeace in Deutschland nach eigenen Angaben allein 620 000 Fördermitglieder zählt, dürfte die Letzte Generation bisher mit einer dreistelligen Zahl an Aktiven auskommen.
Hinweise darauf liefern die verschiedenen Aktionen selbst. In Stuttgart blockierte die Gruppe am 1. Juli neun Straßen und legte damit große Teile der Innenstadt lahm. Das Innenministerium teilte danach auf Anfrage der FDP Zahlen und Herkunftsorte mit. 56 Aktivistinnen und Aktivisten waren beteiligt. Nur zwölf von ihnen kamen aus Stuttgart, weitere acht aus der Region. Der Rest reiste zum Teil über Hunderte Kilometer an – unter anderem aus Freiburg, Marburg, Hamburg oder Berlin. Die Stuttgarter Polizei geht davon aus, dass es in der Stadt und im „erweiterten Umland“ nur Aktive im niedrigen zweistelligen Bereich gibt. Vor Gericht stehen immer wieder dieselben.
Kampagnen in verschiedenen Städten
Die Beteiligten sind jedoch äußerst reisefreudig. Derzeit liegt der Schwerpunkt der Aktionen auf Berlin, wo es praktisch täglich Blockaden gibt, davor war besonders Bayern im Blickpunkt. Dabei spricht die Letzte Generation von Kampagnen, die Leute werden vor Ort eingeteilt.
„Am 18. September, zu Beginn der Straßenblockaden in Berlin, waren einige hundert Aktivistinnen und Aktivisten an den Protesten gegen den verfassungswidrigen, fossilen Kurs der Bundesregierung beteiligt“, sagt ein Bundessprecher der Letzten Generation. Er könne bestätigen, „dass Menschen nicht nur an ihrem Wohnort protestieren. Die Vernetzung innerhalb der Gruppe ist sehr hoch. Über die Regionen, aber auch bundesweit, ist eine hohe Solidarität untereinander zu spüren. Es wird gemeinsam protestiert, egal, aus welcher Bezugsgruppe oder Region die Personen kommen“, so der Sprecher.
Wie viele Beteiligte und Unterstützer die Letzte Generation insgesamt hat, ist offen. „Es werden täglich mehr. Wir sind gut vernetzt und unterstützen uns auch landes- und bundesweit. Wir leben in einer Zeit, in der sowohl Landesregierungen als auch die Bundesregierung immer noch planlos sind, wie sie auf die Klimakrise wirklich sinnvoll reagieren sollen. Daher macht unser Widerstand vor Landesgrenzen keinen Halt“, sagt ein Sprecher der Region Südwest, die von Saarbrücken bis Ulm und Konstanz reicht.
In Berlin ist die Rede davon, dass sich bundesweit über Kontaktformulare und ähnliche Wege „bereits über 10 000 Menschen mit uns in Verbindung gesetzt haben“. Freilich wird später nicht jeder davon zum Aktivisten. Rekrutiert wird weiter, etwa über Vorträge. Nicht nur fürs Festkleben auf der Straße. „Wir haben ganz verschiedene Aufgaben, beispielsweise Öffentlichkeitsarbeit, Social Media, Vernetzung, Logistik, Organisation oder Strategie“, sagt der Sprecher.
Nur an einem Punkt scheint man inzwischen an Grenzen zu stoßen: Die zunehmenden Prozesse und gar Haftstrafen scheinen eine gewisse Wirkung zu entfalten. „Die hohen Repressionen von staatlicher Seite schrecken verständlicherweise viele Menschen davon ab, sich der Letzten Generation aktiv anzuschließen“, kritisiert die Gruppe.