Die erste gemeinsame Wohnung in der Stadt – und mit Kindern dann raus in die Region: so machen es viele Familien. Wie viel billiger ist Wohnen im Speckgürtel – und wie viele Quadratmeter gewinnt man dazu?
Wenn das erste Kind zur Welt kommt, stellt sich für viele Städter die Frage: wo wollen wir leben? Wollen wir eine Immobilie kaufen oder mieten, selbst bauen oder renovieren? Auch das Angebot vor Ort spielt eine Rolle – und der Preis. In Zeiten steigender Mieten und relativ hoher Zinsen können sich viele nicht alles leisten. Das führt unter anderem dazu, dass Senioren ihre vielfach zu großen Wohnungen nicht freimachen. Insbesondere für Stuttgarter Senioren würde das nämlich bedeuten, mehr zu zahlen - oder weit rausziehen zu müssen.
Stuttgarter Familien reagieren auf die Bedingungen des Wohnungsmarkts vielfach anders: Weil die Wohnungen günstiger und größer sind, ziehen viele raus aus der Stadt. Wie viel weniger Miete zahlen sie – und wie viele Quadratmeter gewinnt eine typische Familie, wenn sie im Speckgürtel lebt? Die Frage beantworten Daten im Zensus 2022.
Wir vergleichen für diesen Beitrag Stuttgart mit städtisch geprägten Nachbargemeinden wie Kornwestheim oder Böblingen und einem zweiten, eher ländlich geprägten Gürtel mit Städten wie Bietigheim-Bissingen, Remshalden oder Renningen. Als dörflich bezeichnen wir die Randgebiete der Region mit hohem Anteil an Ein- und Zweifamilienhäusern.
Wir haben die Auskünfte aller vierköpfigen Familien im Zensus für die Region Stuttgart ausgewertet, Stand der Daten ist Mai 2022. Die Grafik zeigt die Ergebnisse in kompakter Form:
Eine vierköpfige Familie zahlt in ländlichen und dörflichen Teilen der Region Stuttgart also gut 130 Euro weniger Miete als in Stuttgart. Wer nicht so weit herauszieht, spart im Schnitt rund 70 Euro.
So viel Wohnfläche hat eine vierköpfige Familie
Spätestens mit Kindern wird die Wohnfläche relevant. In Stuttgart lebt eine vierköpfige Familie in Stuttgart im Schnitt auf 105 Quadratmetern. Draußen in den eher dörflichen Teilen der Region sind es knapp 132 Quadratmeter und im Schnitt ein Zimmer pro Wohneinheit mehr.
Mit weniger als 120 Quadratmetern müssen sich in Stuttgart mehr als zwei Drittel aller vierköpfigen Familien begnügen, am Rand der Region Stuttgart ist es nur noch ein Drittel. Auch der Anteil der Menschen, die im Eigentum wohnen, steigt mit jedem Kilometer Entfernung von Stuttgart – weit draußen in der Region liegt der Anteil mit 71 Prozent fast doppelt so hoch wie in der Landeshauptstadt.
Wie lebt man in Bietigheim-Bissingen?
Zahlen und Geld sind natürlich nicht die einzigen Gründe, um in der Stadt zu wohnen oder rauszuziehen. Bigna Fink und Mario Meier kennen beides, aktuell leben sie mit ihren beiden Kindern in Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg). Das Geld sei weniger entscheidend als die Nähe zur Oma – auch, um im Alter für sie da zu sein. Sie sei mittlerweile aber auch eine große Unterstützung bei den Kindern. „Hätte die Oma in Stuttgart gewohnt, dann wären wir wahrscheinlich auch dort hingezogen“, sagt Mario Meier.
„Eigentlich fühle ich mich wohl in der Großstadt und würde auch gerne in Stuttgart leben“, sagt Bigna Fink. Doch auch in Bietigheim-Bissingen fühlt sich die Familie heimisch. Zwar fehle die Vielfalt an kulturellen Angeboten und Cafés, doch gebe es viele Vereine und die Nähe zur Natur sei auch ein Vorteil. Zudem hat die Familie sich hier mittlerweile einen Freundeskreis aufgebaut. 20 Minuten nach Stuttgart sei auch keine Weltreise, meint Fink. Zudem arbeiten sie beide in Bietigheim-Bissingen, und zum Wald sind es nur zwei Minuten zu Fuß.
Auch Fink und Meier sind auf der Suche nach einer größeren Wohnung. „Uns fehlen Ausweichmöglichkeiten und Rückzugsräume“, sagt Meier. Doch die Wohnungssuche gestalte sich wie in anderen Teilen der Region auch in Bietigheim-Bissingen schwierig, obwohl für die Familie sowohl Mieten als auch Kaufen in Frage kommen würde. Es fehle schlichtweg das Angebot, berichten Fink und Meier. Und häufig zahle man für ein weiteres Zimmer über 600 Euro mehr Miete. Das sehen sie auch nicht ein.
Tatsächlich zieht es Menschen mit Kindern oft raus aus der Großstadt. Auch das zeigen die Zensus-Daten und die folgende Karte. In Stuttgart ist der Familienanteil mit 47,3 % am geringsten.
Laut einer Studie des Deutschen Institutes der Wirtschaft (IW) steigt die Abwanderung von Familien hinaus aus den Großstädten seit 2011 stetig. Je weiter außerhalb einer Großstadt man lebt, desto günstiger ist es. Das zeigen auch wissenschaftliche Studien. Allerdings verlängern sich typischerweise die Wege, weil suburbane oder ländliche Gegenden weniger stark verdichtet sind.
Preisvorteil schnell aufgebraucht
Jedes Jahr ermittelt das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) im Auftrag der Postbank, ob es sich in den großen Ballungszentren der Republik lohnt, ins Umland zu ziehen. Für die Region Stuttgart lautet das Fazit: Ein Preisvorteil eventuell günstigerer Immobilien ist meist schnell aufgebraucht – vor allem für kleine Haushalte.
Ein Faktor, der die Attraktivität des Wohnortes zudem maßgeblich beeinflusst, ist die Erreichbarkeit von Bildungsstätten. Die Fahrtzeit zur nächstgelegenen Grundschule liegt in der Region Stuttgart laut einer Studie des IW zum Großteil unter 6 Minuten. Die nächstgelegene Kita ist für viele Familien rund 2 bis 3 Minuten weniger entfernt als die Grundschule und das auch in ländlichen Teilen der Region. Doch ist längst nicht gewährleistet, dass das Kind auch einen Platz dort bekommt. Die Experten schreiben, dass die Fahrzeit zu der tatsächlich in Anspruch genommenen Einrichtung wesentlich größer ausfallen dürfte.
Für Bigna Fink und Mario Meier ist die Situation jedoch optimal. Sie wohnen und arbeiten in derselben Stadt. Meier hat sogar nur einen Arbeitsweg von 20 Metern.
So funktioniert der Zensus
Im Zensus finden sich Daten zur Größe der Bevölkerung, den Lebensverhältnissen der Einwohner sowie Immobilien in Deutschland, den Bundesländern und einzelnen Gemeinden. Sie werden seit Ende Juni nach und nach online veröffentlicht.