Weil Ostern so spät ist, ist die Faschingssaison länger als gewohnt. Was machen Stuttgarts Narren daraus? Überall brummt’s, ob bei der schwäbischen TV-Fasnet oder beim Kölner Karneval im Mash. In harten Zeiten wird Humor dringend gebraucht.
Der Vollmond gibt den Takt vor und bestimmt den Termin für Ostern. Das Fest der Auferstehung Christi wird nach der kirchlichen Tradition stets an jenem Sonntag gefeiert, der dem ersten Vollmond im Frühling folgt. Ostern 2025 fällt diesmal auf den 20. April. Da der Aschermittwoch von Ostern abhängt, können die Narren, die am 11.11. um 11.11 Uhr gestartet sind, diesmal bis zum 5. März toben – also 20 Tage länger als vor einem Jahr, als die fünfte Jahreszeit bereits am 14. Februar zu Ende war.
20 Tage mehr Frohsinn – was macht Stuttgart daraus? „Die längere Karnevalszeit sorgt dafür, dass sich die Veranstaltungen nicht so ballen, sondern entzerren“, sagt Jens Bauer, der Vize-Präsident der Zigeunerinsel. Das gefällt ihm gut. Man könne diesmal mehr Vereine besuchen, müsse nicht an einem Abend von Termin zu Termin hetzen. Die Narren sind also entspannter.
Neue Orte zum Feiern in Stuttgart
Erstmals hat Stuttgarts größte Karnevalsgesellschaft, die 1910 unter einem Namen gegründet wurde, der aus Traditionsgründen bleiben soll, obwohl er politisch fragwürdig ist, in der Alten Reithalle seine Prunksitzung veranstaltet. Der Umzug von der größeren und teuren Liederhalle an den neuen Ort habe sich als goldrichtig erwiesen, berichtet Bauer. Die Stimmung in diesem schönen Ambiente habe allen sehr gut gefallen. Die Besucherzahl war etwa so groß wie vor einem Jahr in der Liederhalle – dort aber verloren sich die Gäste, was die gute Laune gebremst hat. Zwar ist noch nicht alles abgerechnet, aber der Vize-Präsident erwartet, dass es keine rote Zahlen geben wird.
Auch seine Kollegen vom Möbelwagen haben einen neuen Ort zum Feiern gewählt – dazu noch mit neuem Konzept. Nicht mehr zur Prunksitzung lud der Verein erstmals in die Turn- und Versammlungshalle Degerloch ein, sondern zur „Karnevalsshow“ – klingt mehr nach Entertainment und nicht nach dem starren Ablauf von Ritualen.
Thomas Klingenberg, der Präsident von Möbelwagen, freut sich, dass man neue Sponsoren gewonnen hat. Das finanzielle Zitterspiel ist vorbei. Sein Dank gilt der Stadt, die den Faschingsumzug am Dienstag in schwierigen Zeiten möglich gemacht habe und dafür auch noch mehr als sonst zahle. „Das ist der Hammer, wie wir vom Rathaus unterstützt werden“, jubelt Klingenberg. Traditionell erlässt das Land ein Konfetti-Werfverbot für das Schlossplatz-Pflaster.
Trifft sich gut: Mit Jörg Augenstein ist ein Bürgermeister aus Pforzheim der Faschingsprinz des Möbelwagens, der Absperrungen und Poller nach Stuttgart bringt. „Die werden am Dienstag bei ihm daheim nicht gebraucht“, berichtet Klingenberg, der mit Zwirbelbart ein Hingucker ist und bei der „Schwäbischen Fasnet“ aus Donzdorf im SWR-Fernsehen mehrfach zu sehen war.
Mit einem Marktanteil von 13,8 Prozent und 580 000 Zuschauerinnen und Zuschauern ist die Quote beim Gipfeltreffen der heimischen Narren-Stars etwa doppelt so hoch wie das, was der SWR sonst zu dieser Zeit erreicht. Erstmals wurde die Sendung am Sonntag wegen der Wahl aufgezeichnet und am Mittwoch ausgestrahlt. Die Sorge, dass unter der Woche weniger zuschauen, erweist sich als unbegründet. Auf Witze über die Politik wird nahezu vollständig verzichtet – die Sendungen werden Jahre später stets wiederholt, da passt Aktuelles nicht mehr.
Die arme Teilohr Swift!
Wenn eine Putzfrau der Brüller und der Kittelschurz ein beliebtes Showkostüm ist, gibt’s keinen Zweifel: Die schwäbische Fasnet bleibt sauber! Elfriede Schäufele alias Frl. Wommy Wonder agierte diesmal mit ihrem Kehrwisch auch noch als Backstage-Reporterin. Das hat der Sendung gut getan, die, waren sich viele einig, trotz Ausreißer besser als in den Vorjahren gewesen sei. Die Schäufele erzählt von einem Popstar namens Teilohr Swift, die so arm sei, dass sie sich kein ganzes Ohr leisten könne. Als sie ihrer Freundin stolz berichtet, sie habe 30 Pfund abgenommen, entgegnet diese nur: „Du musst 50 Pfund abnehmen – 30 Pfund ist bei dir, wie wenn man bei einem Siebentonner den Außenspiegel entfernt.“ Tätäää!
Die größte Kölner Karnevalsparty außerhalb von Köln steigt im Mash im Bosch-Areal. Die Karten sind stets Monate im voraus ausverkauft. Was die Erfolgsformel der Rheingeschmeckten ist? Bei ihrer Party ist Party pur – kein Brimborium drumherum mit Begrüßungen von Abordnungen. Das Kölsch im Kranz gehört dazu. Dafür, dass die Party so schnell zündet, gibt’s noch einen Grund: die mitreißende Musik aus Kölle!
Laut ist’s – und trotzdem kommt man mit Fremden rasch in Kontakt. Beim Fest der Rheingeschmeckten (dabei: OB-Gattin Gudrun Nopper und der Grüne Sebastian Engelmann, Sprecher des Finanzministers) geht’s dem mitunter zurückhaltenden Schwaben wie seinem Hund beim Gassigehen: Taucht plötzlich ein Hase auf, bricht die wahre Natur durch. Da ist kein Halten mehr!
Stuttgart, wie es singt und lacht – in der langen Saison melden die Veranstalter allenthalben großen Andrang. Liegt zwar auch daran, dass man diesmal in kleineren Hallen feiert, zeigt aber auch: In Krisenzeiten ist die Sehnsucht nach Spaß besonders groß!