Es läuft bei Benjamin Pavard bei der WM 2018: Nach seinem Traumtor steht der Abwehrspieler des VfB Stuttgart mit Frankreich im Viertelfinale. Foto: AFP

Er ist Nationalspieler, er kickt bei der WM 2018, er gehört zu Frankreichs Stammelf – und jetzt ist Benjamin Pavard auch noch Traumtorschütze. Der Abwehrspieler wird immer begehrter – und der VfB Stuttgart reagiert darauf.

Stuttgart/Kasan - Weil sich Nachrichten heutzutage schnell verbreiten, waren die Huldigungen schon in der Welt, als Benjamin Pavard selbst vors Mikrofon trat. „Magnifique but“, jubelten sie in Frankreich. „Ein Wahnsinns-Tor“, staunten sie in Deutschland. „Extraordinaire“, sagte Teamkollege Samuel Umtiti. Und auf der Tribüne hatte Pavards Freundin Freudentränen vergossen. „Unglaublich“ sei es, teilte Rachel Trapani via Internet mit, „diesen Moment erlebt zu haben.“ Diesen Moment, der das Fußballerleben des Benjamin Pavard wohl ein wenig verändern dürfte.

Die Franzosen spielten im WM-Achtelfinale gegen Argentinien, sie waren 1:0 in Führung gegangen, die Südamerikaner hatten zurück geschlagen – woran Benjamin Pavard vom VfB Stuttgart nicht ganz unbeteiligt gewesen war. Vor dem zweiten Treffer der Argentinier hatte der 22-Jährige erst einen Freistoß verschuldet und dann das Abseits aufgehoben. Dumm gelaufen – so hätte das Fazit gelautet, wenn Pavard Minuten später nicht dafür gesorgt hätte, dass darüber keiner mehr spricht. Denn nun spricht die Fußballwelt über ein Tor.

Von links segelte in der 57. Minute der Ball in den argentinischen Strafraum, fand dort aber keinen Abnehmer. Stattdessen kam von rechts hinten Pavard angerauscht.

Pavard: „Es war wunderbar“

Man hätte vermuten können, er nehme den Ball nun an und schlage eine Flanke. Pavard aber legte seinen Körper nach links, holte mit dem rechten Bein aus und drückte die Zehenspitzen nach unten. Dann traf sein Fuß den Ball, gab ihm in einer Mischung aus Vollspannstoß und Außenristschlenzer viel Effet mit auf den Weg – und noch bevor die Kugel im Netz zappelte, breiteten die französischen Ersatzspieler die Arme zum Jubeln aus. „Es war“, sagte Pavard später, „wirklich wunderbar.“ Was Pavard auch noch sagte: „Mir fehlen die Worte.“ Doch das war geschwindelt.

Denn der Abwehrspieler schwärmte hernach nicht nur von seinem Treffer, dem bisherigen Höhepunkt seines rasanten Aufstiegs, sondern analysierte in klaren Worten auch seine Entwicklung – und vergaß dabei vor allem einen Mann nicht: „Ich verdanke Hannes Wolf, dass ich heute hier bin.“ Im August 2016 war Pavard für fünf Millionen Euro vom OSC Lille nach Stuttgart gekommen. Und nach einer eher kurzen Zusammenarbeit mit Jos Luhukay war es Wolf, der dem damals 20-Jährigen sofort sein Vertrauen schenkte. Bis zu seiner Ablösung Ende Januar 2018 begleitete der frühere VfB-Coach die Karriere des Franzosen – weshalb dieser in Kasan zur Dankesrede ausholte. „Ich habe mich sehr weiterentwickelt, und das verdanke ich Hannes Wolf“, sagte er. „Er hat mir deutsche Disziplin beigebracht.“ Dann legte er nach und nannte Wolf einen „sehr großen Trainer und eine sehr große Persönlichkeit für mich“.

Reschke macht klar: „Nicht für 50 Millionen Euro“

Der Hochgelobte stand derweil im ARD-Studio in Baden-Baden, wo er als Experte tätig ist und wunderte sich lächelnd: „Den Schuss hab’ ich noch nicht so oft von ihm gesehen. Das ist Wahnsinn, dass er so etwas macht im Achtelfinale der WM. Ein Wahnsinns-Tor!“ Und eines, das unter den Fans des VfB eine Millionen-Debatte auslöste.

Schon vor diesem Treffer war schließlich klar: Pavard könnte demnächst einer der begehrtesten Abwehrspieler Europas sein. Nun hat er sich endgültig in den Fokus der Öffentlichkeit katapultiert.

Michael Reschke beobachtet nach eigenen Angaben aber „total entspannt“ die Entwicklung seines Schützlings. Generell nämlich hat der VfB keinen Grund und kein Ansinnen, Pavard abzugeben. Der Franzose besitzt einen Vertrag bis 2021 und in diesem Sommer keine Ausstiegsklausel. „Wir wollen den Spieler behalten“, sagt Reschke deshalb – und macht damit auch klar: Sollte ein Club schon in diesem Sommer Lust auf den Abwehrspieler bekommen, wäre dieser kein Schnäppchen. „Wir werden Benjamin Pavard in diesem Jahr definitiv nicht für 50 Millionen Euro verkaufen“, sagte Reschke am Sonntag gegenüber unserer Zeitung und ergänzte: „Wir setzen alles daran, dass er ein weiteres Jahr bei uns spielt, sind aber bereit, eine Lösung für den 1. Juli 2019 zu finden – mit einem Club, der sauber und korrekt mit uns zusammenarbeitet.“

Vergleich mit Lilian Thuram

Nach der WM will sich Reschke „in aller Ruhe“ mit Pavard zusammensetzen, um die weitere Karriereplanung zu besprechen. Der VfB-Sportchef ist sicher: „Er wird einmal zu den besten Abwehrspielern der Welt gehören.“ Was Thomas Hitzlsperger bestätigt. „Als Innenverteidiger ist er noch besser“, sagte der VfB-Nachwuchschef über den bei den Franzosen als Außenverteidiger eingesetzten Pavard.

Dass sie da einen verheißungsvollen Typen haben, wissen jetzt auch die Franzosen – weshalb Pavard von Nationalcoach Didier Deschamps nun mit Lilian Thuram verglichen wird. Der Welt- und Europameister war der bis dahin letzte französische Abwehrspieler, der bei einer WM einen Treffer erzielt hat. Nun hofft Pavard, dass auch sein Tor eine Initialzündung für eine große Karriere ist: „Ich hoffe, ich kann es ihm gleichtun.“ Im Viertelfinale am Freitag (16 Uhr) gegen Uruguay kann er nachlegen.

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