Im Fokus: Bundestrainer Joachim Löw in der DFB-Zentrale in Frankfurt. Foto: AP

Joachim Löw hat erklärt, warum er auf die Dienste von Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller künftig verzichtet. Der Bundestrainer geht ein hohes Risiko ein und wird nun noch stärker unter Beobachtung stehen, meint unser Sportredakteur Marko Schumacher.

Stuttgart - Joachim Löw hat die Vorwärtsverteidigung gewählt. Eine Pressekonferenz ließ der Bundestrainer kurzfristig anberaumen, um sich für das von ihm so plötzlich beschlossene und unwiderrufliche Ende der Nationalmannschaftskarrieren von Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller zu rechtfertigen. Schlechten Stil hatte sich der Bundestrainer vorwerfen lassen müssen und verwies daher mehrfach auf das persönliche Gespräch und seine große Wertschätzung den Aussortierten gegenüber. Ob es tatsächlich keinen eleganteren Weg gegeben hätte? Sei’s drum, die Entscheidungen sind gefallen, der Blick geht nach vorne.

Zum Job des Bundestrainers gehört es, Spieler zu enttäuschen

Jenseits von Stilfragen ist es das gute Recht des Bundestrainers, eine Mannschaft allein nach seinen Vorstellungen zusammenzustellen. Wenn er der Überzeugung ist, dass drei Weltmeister seinem Team nicht mehr weiterhelfen können, dann darf er sie in den sofortigen Ruhestand schicken, auch wenn er vor wenigen Monaten noch ganz anderer Meinung war. Dass die Betroffenen anschließend ihrem Unmut freien Lauf lassen, mag für Löw so unangenehm sein wie die Gespräche selbst – doch gehört es zum Job des Bundestrainers, auch langjährige Weggefährten zu enttäuschen.

Allerdings muss Löw auch wissen, dass er ein hohes Risiko eingeht und nun noch stärker unter Beobachtung steht, als es nach der missratenen WM in Russland ohnehin schon der Fall war. Man kann sich leicht vorstellen, dass sie beim FC Bayern nur darauf warten, dass es die verjüngte Nationalmannschaft ohne die Münchner Profis nicht hinbekommt und Rufe nach einer Rückkehr der Routiniers laut werden. Seht her, das hat der Jogi jetzt davon, wird es heißen, wenn die nächsten Spiele schief gehen.

Die verbliebenen Spieler müssen jetzt ganz eng zusammenrücken

Das ist aber nur ein mögliches Szenario. Eine anderes ist, dass die verbliebenen und neu hinzugekommenen Nationalspieler ganz eng zusammenrücken und eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entwickeln, weil sie unbedingt beweisen wollen, dass es auch ohne die Weltmeister geht. Beim Confed-Cup 2017 hat eine unerfahrene Mannschaft gezeigt, dass erfolgreicher Fußball auch mit Profis möglich ist, die noch keine 100 Länderspiele bestritten haben. Auch die letzten Spiele des vergangenen Jahres haben zumindest einen ganz zarten Hinweis darauf geliefert, dass die Richtung wieder stimmen könnte.

Nur wenn auch weiterhin ein Aufwärtstrend erkennbar ist, werden die heftig diskutierten Ausmusterungen bald vergessen sein. Und wenn nicht? Dann dürfte es um Joachim Löw ziemlich einsam werden. In seinem 13. Jahr als Bundestrainer spielt er Alles oder Nichts.

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