Für Banken wird es immer schwieriger Geld zu verdienen. Google, Amazon und andere mischen mit eigenen Bankdienstleistungen den Markt auf. Die Sparda-Bank dreht den Spieß um.
Stuttgart - Google will eigene Girokonten anbieten, Apple kommt mit einer eigenen Kreditkarte und Amazon bietet bereits Händlern Kredite an: Die Konkurrenz aus der digitalen Welt setzt Banken und Sparkassen zunehmend zu. In der Branche wächst die Sorge, dass sich die Internetgiganten immer öfter zwischen Banken und ihre Kunden schieben könnten.
Die Sparda-Bank Baden-Württemberg will das verhindern und dreht den Spieß jetzt um: Das Stuttgarter Institut startet mit einer eigenen Plattform, deren Ausgangspunkt eine Banking-App ist. „Amazon ist als Buchhändler gestartet und hat das Angebot immer weiter ausgebaut. Wir fangen als Bank an“, gibt der Sparda-Bank-Chef das Ziel vor.
Die Bedrohung bemisst sich für Martin Hettich, Chef der Sparda-Bank Baden-Württemberg, in Zahlen: 65 Prozent der Sparda-Bank-Kunden im Südwesten sind Amazon-Kunden, über 60 Prozent haben ein Paypal-Konto, Google nutzt nahezu jeder. „Das ist der Angriffspunkt“, sagt Hettich. Für die Techgiganten sei der Schritt nicht groß, diesen Kunden auch noch ein Girokonto anzubieten. Zumal Amazon beispielsweise schon über eine Banklizenz verfügt.
Teo ist das Herzstück
Nicht nur für die Sparda-Bank ist entscheidend, dass der Kontakt zum Kunden auch künftig „über uns laufen muss“, sagt Hettich. „Wenn der Kundenkontakt weg ist, ist die Bank weg.“ Aufbauend auf dieser Erkenntnis haben sich 2018 sieben Sparda-Banken zusammengefunden, darunter das Stuttgarter Institut, und haben das Unternehmen Comeco gegründet und finanziert. Dessen Aufgabe war es, eine Plattform zu bauen, deren Herzstück zunächst eine Banking-App Namens Teo ist.
Über Teo können Kunden digitale Bankgeschäfte wie Zahlungsverkehr, Überweisungen und Daueraufträge erledigen – und das nicht nur von ihrem Sparda-Bank-Konto. Neu ist, dass die App für alle Bankverbindungen gilt, auch beispielsweise fürs Girokonto der Sparkasse oder Commerzbank. Teo kann genutzt werden, „völlig egal, bei welcher Bank ich Kunde bin“, sagt Hettich.
Mit Teo haben die Sparda-Banken obendrein Lösungen entwickelt, mit denen sie hoffen, auch abseits des klassischen Bankgeschäfts künftig Geld zu verdienen. Die Plattform ist so aufgebaut, dass weitere Dienstleistungen daran angeknüpft werden können wie zum Beispiel Rabatt-Gutscheine oder Produkte von Onlinehändlern. Erster Vertragspartner aus dem Onlinehandel ist Declathon, ein Sportartikelhersteller, der den Kunden Sportschuhe anbieten kann. Weitere Händler sollen folgen.
Kundenkontakte sollen Händler locken
Was Händler dazu bewegen könnte, sind die vielen Kundenkontakte, die die sieben Sparda-Banken mitbringen. Zusammen hatten diese im vergangenen Jahr 600 Millionen Kontakte verzeichnet, die ihre Kunden über die bisherige Banking-App und das Internetbanking hatten. Hettich ist sicher: „Das ist ein Pfund, mit dem wir als Banken wuchern können.“ Die Kontakte laufen künftig über die Plattform. Dazu müssen Kunden auf die neue App Teo wechseln.
Diesen Kunden, die regelmäßig Teo nutzen, können Händler ihre Waren anbieten. Dabei hat der Bank-Chef vor allem kleinere und lokale Händler im Blick, die bei Amazon keine Chance hätten. Hettich betont aber: „Wir verkaufen unsere Daten nicht, aber Kunden können die Angebote der Händler sehen – sofern sie es wollen.“
Die Sparda-Bank hat im letzten Jahr noch zwei weitere Plattformen aufgebaut: Ein Immobilienportal, auf dem private Kunden ihre Immobilien an private Kunden verkaufen können, sowie ein Versicherungsportal, auf dem Kunden ihre Versicherungsverträge online verwalten und aus einem Pool von 300 Versicherungen Angebote vergleichen können. Im Laufe dieses Jahres sollen alle bisherigen Anwendungen der Sparda-Bank in der Teo-App zusammengeführt werden.
„Ohne eigene Plattform wären wir gefährdet“
Jeder kann sich die App herunterladen – auch wenn seine Bank Teo ihren Kunden nicht anbietet. Jede Bank in Deutschland kann aber die App und diese Angebote ihren Kunden bereitstellen. Dadurch könnten Händler noch mehr Kunden ihre Waren anbieten. Es fänden bereits Gespräche mit Volks- und Raiffeisenbanken und Sparkassen statt, auch Banken aus Österreich und der Schweiz zeigten Interesse, sagt Hettich. „Viele Banken und Sparkassen haben keine Antwort auf den Angriff der Tech-Giganten. Deshalb reden wir mit ihnen, ob sie sich uns anschließen.“ Schon wenige Tage nach dem Start von Teo seien zehn Prozent der Teo-Nutzer Kunden von anderen Banken.
Die Lösung im Wettbewerb mit den Internetriesen ist aus Sicht der Sparda-Institute selbst Plattform-Anbieter zu werden und die Kundenkontakte mit anderen Anbietern zu teilen. „Wir gehen diesen Weg, um für die Zukunft besser aufgestellt zu sein“, sagt Hettich. „Ohne eigene Plattform wären wir gefährdet.“ Abschreckende Beispiele gibt es ihm zufolge genug. Er verweist auf den Fahrdienstvermittler Uber, der dem Taxigewerbe Kunden wegnimmt, auf Airbnb, die Plattform, die Unterkünfte online vermittelt und dabei Hotels übergeht, auf den Streaming-Marktführer Netflix, der den traditionellen TV-Anbietern die Zuschauer abjagt. Mit Teo sehen die Sparda-Banken die Chance, die Hoheit über ihre Kundendaten zu behalten.