Reiner Wöhrle verkauft seit 37 Jahren Käse auf dem Wochenmarkt in Stuttgart-Vaihingen. Er sagt: „Kein gescheiter Käsemacher kann für 39 Cent Käse herstellen.“ Foto: Corinna Pehar

Bewusster leben, essen und einkaufen? Eine Umfrage unter Marktbeschickern zeigt, wie sich das Konsumverhalten auf der Filderebene gewandelt hat.

Filder - Der Käse, den er verkaufe, schmecke besser als „das Zeug“ aus dem Discounter. Weshalb? „Weil wir noch echten Käse haben“, verdeutlicht Reiner Wöhrle, der seit 37 Jahren für die Firma Widmann auf dem Wochenmarkt in Stuttgart-Vaihingen steht und viele Käsesorten aus ganz Europa feilbietet. „Kein Käsemacher kann für 39 Cent einen gescheiten Gouda herstellen“, weiß der 60-Jährige, der selbst am liebsten Emmentaler isst.

Der Wandel hin zum bewussteren Einkaufen steckt seines Erachtens noch in den Kinderschuhen: „Generell wird mehr darüber geredet, als dass die Leute es tatsächlich umsetzen.“ Doch in Vaihingen sei man schon ein bisschen weiter, ergänzt er mit einem Lachen. Just in diesem Moment erscheint ein junger Mann mit einer Tupperdose und fragt nach Feta. „Leider hab ich keinen mehr“, bedauert Reiner Wöhrle und verkauft ihm stattdessen zwei Liter Biomilch. Warum der Kunde sein eigenes Behältnis mitbringt? „Zuhause würde ich die Folie sowieso wegschmeißen“, lautet seine Antwort. Auch wenn Reiner Wöhrle noch nicht von einem Trend sprechen mag, gebe es immer wieder Leute, die umweltbewusst einkaufen. Und das nicht erst seit ein, zwei Jahren: „Ich habe einen Kunden, der seit 35 Jahren seine Tupperschüssel mitbringt.“

„Viele fragen nach, ob wir spritzen“

Es ist Freitagmittag, die Sonne strahlt und die Leute stehen Schlange an den Ständen auf dem Sillenbucher Wochenmarkt. Auch bei Sandra Webers Blumenstand gehen die bunten Sommersträuße weg wie warme Semmeln: „Am Nachmittag wird es meist ruhiger“, erklärt die Landschaftsgärtnerin, die seit vier Jahren für die Gärtnerei Damm aus Lorch-Rattenharz Blumen aus eigenem Anbau verkauft. Der jungen Frau mit dem Strohhut fällt auf, dass die Menschen heute bewusster einkaufen als noch vor einigen Jahren: „Viele fragen nach, wo wir anbauen und ob unsere Produkte gespritzt werden.“

Schon ist der nächste Strauß mit Sonnenblumen gefragt, die Kundin wünscht aber kein Papier drumherum und erklärt: „Ich bin eh gleich zu Hause.“ Dass jemand keine Verpackung wünscht oder gar einen Beutel mitbringt sei selten – „leider!“, wie die 32-Jährige bedauert. Manche wünschten sich auch noch eine Plastiktüte, weil die Sträuße tropfen. „Aber die gebe ich nur auf Wunsch raus“, grinst die Marktfrau, die gegen 17.30 Uhr meist alle Sträuße an Blumenliebhaber verkauft hat.

„Sechs Kräuter sind das Geheimnis“

Das beliebteste Produkt am Stand von Joannis Dimitrakopoulos ist sein von Hand eingelegter Schafskäse. „Das Geheimnis sind sechs verschiedene getrocknete Kräuter, die ich aus Griechenland geliefert bekomme“, sagt der 44-Jährige und strahlt, „die Kunden sagen, das schmeckt man“. Um welche Kräuter es sich handelt, verrät er allerdings nicht.

Beliebt seien auch seine Oliven – vor allem die grünen ohne Stein – sowie sein aus Griechenland stammendes Olivenöl. „Seit zwei Jahren bekommen wir das Öl sogar direkt von einer Familie, die beste Qualität garantiert: kaltgepresst und erste Pressung“, betont Dimitrakopoulos. Eine Flasche sei mit 7,99 Euro auch nicht viel teurer als im Supermarkt, wo man oft nicht wisse, was drin sei. „Die Kunden wollen kein gepanschtes Zeug und fragen heute auch mehr nach, woher die Produkte kommen“, erklärt er. Zudem freue ihn auch, dass immer mehr ihre eigenen Tupperdosen oder leere Marmeladengläser mitbringen, um seine griechischen Delikatessen nach Hause zu transportieren. „Wenn sie das nicht tun, erinnere ich sie daran, beim nächsten Mal welche mitzubringen“, sagt er mit einem Lachen.

„Früher haben die Leute viel mehr eingekauft“

Sie wiegt eine Handvoll Bohnen, tütet sie ein und reicht der Kundin noch das gewünschte Erdbeerschälchen. Es ist 11 Uhr an einem Mittwochvormittag – an Karin’s Obst- und Gemüsestand herrscht reger Betrieb. „Früher haben die Leute allerdings viel mehr eingekauft“, erinnert sich Karin Jorzik, die seit 42 Jahren auf dem Vaihinger Wochenmarkt steht. Die heute 55-Jährige hatte bereits im Alter von zwölf Jahren in den Ferien und am Wochenende am Stand ihrer Eltern ausgeholfen.

Damals wurde bei den Marktbeschickern noch der komplette Wocheneinkauf getätigt, heute würden viele nur noch „eventmäßig“ einkaufen: „300 Gramm Zwiebeln und fünf Kartoffeln – manche zeigen uns sogar ihr Rezept auf dem Smartphone.“

Einen Trend zum bewussteren Einkaufen erkennt sie seit grob zwei Jahren: „Wir haben hier in Vaihingen viele Studenten, die bringen oft ihr eigenes Tütchen mit.“ Immer mehr Kunden wollen auch wissen, woher die Waren kommen. Bei Karin Jorzik ist alles regional: Die Erdbeeren sind aus Neuhausen, die Kirschen aus Besigheim, der Salat von den Fildern und die Bohnen aus dem Remstal.

„Leute wollen wissen, wo der Fisch herkommt“

Es ist kurz vor 12 Uhr, Markus Seybold räumt seine Meeresedelfische und Salate langsam zusammen. Die Ausbeute an diesem Tag war in Ordnung, jedoch: „Das Marktgeschäft wird weniger, weil die ältere Kundschaft leider wegstirbt“, bringt es der 41-Jährige auf den Punkt. Der Trend beim Fischeinkauf gehe bedauerlicherweise Richtung Supermarkt und Discounter. Aus diesem Grund freue er sich um so mehr über die zunehmende Zahl junger Mütter, die unter der Woche auf dem Wochenmarkt einkaufen.

Gerade bei den jüngeren Kunden bemerkt Seybold, der seit 15 Jahren in Leinfelden auf dem Markt steht, einen Wandel: „Die Leute machen sich mehr und mehr Gedanken, woher die Fische kommen und wie sie gefangen wurden.“ Alle diese Infos sind auf den Preisschildern nachzulesen. Seine frischen und als nachhaltig zertifizierten Fische stammen aus Dänemark, Norwegen, Island oder Frankreich und wurden zum größten Teil mit der Langleine geangelt. „Das ist die schonendste Art“, erklärt Seybold.

Seine Edelfische werden seit jeher plastikfrei in ein Papier gewickelt – bei den Salaten spürt er seit etwa 1,5 Jahren den Trend, dass immer mehr Kunden ihre eigenen Behälter mitbringen.

„Wir haben nur hochwertige Produkte“

Am Stand von Sabine Bromm riecht es wie in einer Boulangerie. Sie reicht hier alles über den Tresen, was französische Bäcker zu bieten haben: Von Brioche und Baguette über mit Aprikosen gefüllten Croissants bis hin zu Macarons und „dem Highlight“: das Pain Suisse au Chocolat mit Bourbon Vanille. „Da könnte ich mich reinlegen“, bekräftigt eine Kundin, für die Sabine Bromm gerade eins davon in die braune Tüte packt. Die 66-Jährige gehört seit einem halben Jahr zum Verkaufsteam von Maximilian Horn, der seine Leckereien nach original französischer Rezeptur in Esslingen herstellt.

„Haben Sie noch ein Buchweizenbrot?“, wird die Marktfrau bereits vom nächsten Kunden gefragt – doch das beliebte Brot ist leider schon vergriffen. Die Marktfrau, die 40 Jahre in einer Apotheke gearbeitet hatte, schätzt vor allem den Zusammenhalt auf dem Sillenbucher Markt und die gute Stimmung. Dass die Kunden bewusster einkaufen und mehr nachfragen, merke sie nicht: „Das liegt daran, dass wir ohnehin nur hochwertige Produkte haben.“ Und dass jemand – wie an diesem Morgen – seine in der Vorwoche gekaufte Baguettetüte als erneute Verpackung mitbringe sei toll, aber leider viel zu selten.

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