Der Choreograf Louis Stiens Foto: Leif Piechowski

Eine Waldhütte sei sein Stück momentan noch, durch deren Dach es hereinregne. Wie der Schritte-Architekt Louis Stiens aus Bewegungsskizzen an sechs Abenden ein wetterfestes Tanzstück baut, macht derzeit das Stuttgarter Ballett beim „Blick hinter die Kulissen“ im Kammertheater öffentlich.

Stuttgart - Daily Soap im Ballett? Louis Stiens macht’s möglich. „Das ist Tag II der Woche mit mir“, begrüßt der Choreograf im Kammertheater am Mittwoch sein Publikum, das beim „Blick hinter die Kulissen“ erstmals miterleben kann, wie ein Ballett entsteht. Klar, dass da ein „Was bisher geschah“ nicht fehlen darf. Alles was danach kommt, ist verblüffend und Arbeit in ihrer schönsten Form: kurzweilig, da Stiens auch eingefleischten Ballettfans tolle Einblicke ermöglicht; dramaturgisch effektvoll, da links an einem Solo gefeilt, rechts ein anderes auf das Ensemble übertragen wird. Erstaunlich, was in kurzer Zeit an Bewegungskombinationen aus dem Choreografen sprudelt.

Noch erstaunlicher, wie die acht Tänzer und Ballettmeister Ludovico Pace das Skizzierte abspeichern und auf Zuruf abspulen. Von der „Intelligenz des Tänzers“ spricht Stiens zu Recht; eine Solistin wie Hyo-Jung Kang federt Stiens’ widerspenstige, den Körper verrenkende Dynamik wunderschön ab, mixt auf Wunsch sogar Koreanisches dazu. Robert Robinson spreizt für den langjährigen Vertrauten die Arme wie vielfach gebrochene Vogelschwingen, läuft auf Knien und findet im Nu einen richtigen Dreh heraus, wie auch das Wieder-auf-die-Füße-Kommen einen eleganten Ausgang nimmt.

Armsalat sorgt für Heiterkeit

Als Louis Stiens ein Solo für Agnes Su zu einem Pas de deux erweitert, ist Adam Russell-Jones in Windeseile in den schönsten Armsalat verwickelt. Das sorgt für Heiterkeit, auch bei den Tänzern. Doch wenige Versuche reichen, um das, was sich als Gordischer Knoten darstellt, in traumverlorenen Bewegungen wie selbstverständlich aufzulösen. „Letztendlich“, bringt Louis Stiens seine Arbeit auf einen Nenner, „ist choreografieren Probleme schaffen und Probleme lösen.“

Eines der Probleme, das sich auch an diesem Abend immer wieder nach vorne drängelt, ist die Zeit. Zu wenig davon für Proben zu haben, ist Louis Stiens vom Stuttgarter Ballett gewöhnt. Jetzt will er zudem in einer klar abgemessenen Spanne ein Resultat von rund sieben Minuten Dauer hinkriegen. „Wie viel haben wir?“ Stiens Frage an seinen Ballettmeister am Ende eines Abends, den der junge Künstler als souveräner Entertainer meisterte, klingt fast ein wenig bang. Zwei Minuten neun? Keine schlechte Ausbeute, auch wenn Stiens weiß, dass sein Ballett „momentan noch eine Waldhütte ist, durch deren Dach es hereinregnet“.

Wie der Schritte-Architekt aus den gesammelten Bewegungsskizzen etwas Ganzes baut, bleibt spannend. Wer an einem Abend dabei war, will unbedingt wiederkommen. Am Sonntag ist Premiere, bis dahin lässt sich Louis Stiens in die Karten schauen. Bis dahin kann man beobachten, wie Musik das Tun der Tänzer verändert, die mal zu Barockmusik von Biagio Marini sehnsuchtsvoll agieren, zu pushenden Beats drängender ihre Gesten ausformen. Gelingt es Stiens, die Gesetzmäßigkeiten einer Passacaglia in Tanz umzusetzen? Sein Vater, ein Gitarrist und Bach-Spezialist, hat sie ihm erklärt. Daraufhin war es eine der Inspirationen für den Choreografen, sie ähnlich wie für eine Orgel in Tanz umzusetzen, bei der die Füße die Basslinie spielen, die Hände die Melodie. Bis Sonntag kann man auch sehen, wie die konkreten Anregungen, die der Choreograf in einem Skizzenheft sammelt, vor den Augen aller ganz abstrakt Form annehmen – was wird aus dem Holzschnitt des Engels mit den wuchtigen Flügeln, aus den Vögeln mit dem ölverschmierten Gefieder? Die Premiere am Sonntag wird es zeigen – und bestimmt hat Louis Stiens dann auch einen Titel für sein neues Stück gefunden.

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