Widerstand im Dritten Reich Den Nazis die Stirn geboten

Von Eva Funke 

Das Wandrelief erinnert an Eugen Bolz. Foto: Thomas Schlegel
Das Wandrelief erinnert an Eugen Bolz. Foto: Thomas Schlegel

Das Relief an der Seite des Königsbaus an der Bolzstraße zeigt einen Mann unter einem Fleischerhaken. Denkmal und Straßenname erinnern an Eugen Bolz, der 1945 von den Nazis ermordet wurde.

Das Relief an der Seite des Königsbaus an der Bolzstraße zeigt einen Mann unter einem Fleischerhaken. Denkmal und Straßenname erinnern an Eugen Bolz, der 1945 von den Nazis ermordet wurde.

Wer war der Mann, an den das Wandrelief des Bildhauers Alfred Hrdlicka erinnert und dem die Bolzstraße ihren Namen verdankt? Passanten zucken auf diese Frage mit den Schultern. Nur einer weiß: „Bolz war ein Mann, auf den Württemberg stolz sein kann.“ Als Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime ist Bolz nicht so bekannt wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder die Geschwister Scholl. „Er hat keine Bomben gebastelt und war nicht blutjung. Aber er war als Minister und Staatspräsident einer der wichtigsten Politiker des 20. Jahrhunderts und hat den Nazis mutig widerstanden“, sagt Thomas Schnabel vom Haus der Geschichte.

Bolz ist ein Senkrechtstarter: Nach der Grundschule in Rottenburg schickt ihn der Vater aufs Karls-Gymnasium nach Stuttgart. Nach dem Abitur und Jurastudium arbeitet er bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, wird Richter am Amtsgericht. Als Mitglied der konservativen Zentrumspartei wird Bolz zum jüngsten Abgeordneten in den letzten Reichstag des Kaiserreichs und im gleichen Jahr in den württembergischen Landtag gewählt. Er wird württembergischer Justizminister, dann württembergischer Innenminister. 1928 zieht er in die Villa Reitzenstein: als erster katholischer Staatspräsident von Württemberg.

Das Amt entspricht dem Posten eines Ministerpräsidenten. „Bolz verkörpert einen neuen Politikertyp, den des Berufspolitikers“, sagt Karlheinz Geppert, Bolz-Forscher und Kulturamtsleiter in Rottenburg.

Bolz’ Widerstand gegen die Nazis ist leise, aber bestimmt: Die NSDAP will im Reichstagswahlkampf im Februar 1933 auf dem Stuttgarter Schlossplatz eine Kundgebung abhalten. Bolz verhindert das – und macht sich Adolf Hitler damit zum Todfeind. Die NSDAP wird auch in Baden-Württemberg stärkste Partei. Bolz verliert seinen Posten als Regierungschef. Wenige Wochen später wird er von der Politischen Polizei in Stuttgart zur Vernehmung ins ehemalige Hotel Silber vorgeladen. Vor dem Gebäude in der Dorotheenstraße gibt es einen Massenauflauf. Als Bolz die Gestapo-Zentrale verlässt, wird er als Landesverräter beschimpft und mit faulen Eiern beworfen. Um ihn angeblich vor der Masse zu schützen, wird er in Schutzhaft genommen und nach Hohen­asperg gebracht. „Die Ausschreitungen waren inszeniert. Bolz wurde verhaftet, weil er auf einem christlichen Parteitag in Salzburg vor den Nazis gewarnt hatte“, sagt Schnabel. Nach 23 Tagen Festungshaft ist Bolz wieder frei.

Freunde distanzieren sich von dem Ex-Staatspräsidenten, wechseln die Straßenseite, sobald sie ihn sehen: aus Angst davor, mit ihm in Zusammenhang gebracht zu werden. Bolz behält seine Stuttgarter Wohnung, Am Kriegsbergturm 44, bei. Mit wenigen Freunden wie dem späteren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Gebhard Müller trifft er sich zum Stammtisch im Europäischen Hof in Stuttgart, hält Kontakt zu Vertretern des politischen Katholizismus und Sozialdemokraten – trotz Überwachung durch die Gestapo. „Das ist außergewöhnlich“, sagt Geppert.

Bolz soll nach dem Staatsstreich Kultusminister im Reich werden

1941 lernt Bolz in Stuttgart Carl Goerdeler kennen: Goerdeler, früher Oberbürgermeister von Leipzig, gehört zum zivilen Widerstand gegen Hitler. Nach dem Sturz Hitlers will Goerdeler das Amt des Reichskanzlers übernehmen. In seinem Schattenkabinett soll Bolz den Posten des Kulturministers besetzen. Bolz, nicht direkt an den Attentatsplänen beteiligt, willigt ein. Als er gefragt wird, ob er wisse, dass er gefährlich lebe, antwortet Bolz: „Das weiß ich. (. . .) Ich kann nicht anders. Ich muss dabei sein.“

Nachdem das Attentat auf Hitler, ausgeführt durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944, fehlschlägt, fallen der Gestapo Dokumente mit Namen der Minister im Schattenkabinett in die Hände. Am 12. August wird Bolz in Stuttgart verhaftet. Beim Prozess am 21. Dezember vor dem Volksgerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler wird Bolz wegen Hochverrats zum Tode durch das Fallbeil verurteilt. Auch aus Rache für die verhinderte Kundgebung auf dem Schlossplatz wird das Gnadengesuch seiner Frau von Hitler abgelehnt. „Ihr gelingt es aber, eine geweihte Hostie in die Zelle zu schmuggeln. Das war für den Katholiken, der aus tiefem Glauben heraus handelte, wichtig“, sagt Volker Derbogen, Vorstandsvorsitzender der Bolz-Stiftung und Erster Bürgermeister von Rottenburg.

Kurz nach 12 Uhr mittags wird Bolz am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee ­ermordet. Vier Monate vor dem Ende des NS-Terrorregimes.

Wegen des Anschlags vom 20. Juni 1944 wurden mehr als 200 Menschen ermordet oder in den Tod getrieben. Darunter Claus Schenk Graf von Stauffenberg und sein Bruder Berthold, Carl Goerdeler, Feldmarschall Erwin Rommel.

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