Kinder des Arabischen Frühlings: Die Medizinstudentin Ferdaous Guizani (rechts außen) und andere junge Tunesier in Sidi Bouzid engagieren sich für eine Zivilgesellschaft. Foto: Wagner

Seit den Lkw-Amokfahrten zweier Tunesier in Berlin und Nizza ist das nordafrikanische Land als Terrornest stigmatisiert. Doch es gibt auch in dem krisengeschüttelten Staat immer mehr junge Menschen, die dem Islamismus entgegentreten.

Sousse - Über dem zentralen Platz von Sidi Bouzid schwebt auf einem acht Meter hohen Transparent wie ein Popstar der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, die Hände schicksalsergeben erhoben. Die Welt kennt ihn als Märtyrer und unfreiwilligen Auslöser einer Revolte. Doch viele Einheimische würden das Bild am liebsten abhängen: Für die jungen Leute vom Roten Kreuz (in Tunesien Roter Halbmond genannt), die unter Bouazizis traurigen Augen zwei Zelte für medizinische Untersuchungen aufbauen, ist er kein Held. Ganz im Gegenteil, findet die Medizinstudentin Ferdaous Guizani (21): „Er hat seine Familie alleine zurückgelassen. Und die Welt hält uns Tunesier seitdem für ein Volk von depressiven Selbstmördern und Terroristen. Das haben wir Verzweiflungstätern wie Bouazizi zu verdanken.“ Seit den Lastwagen-Amokfahrten von Nizza im Sommer und kurz vor Weihnachten in Berlin ist Tunesien mehr denn je als ­Terrornest stigmatisiert.

Nur eine Straßenecke entfernt von dem Ort, wo die Armen für einen kostenlosen Gesundheitscheck Schlange stehen, verbrannte sich Bouazizi am 17. Dezember 2010. Eine Beamtin hatte ihn dort tags zuvor vom Marktplatz verjagt, nachdem er wiederholt Gemüse verkauft hatte, ohne Standgebühr zu zahlen. Die Ursache für seinen Suizid war Hoffnungslosigkeit. Die politischen Reformen, die danach in anderen arabischen Ländern in Bewegung kam, sind schnell verpufft. Nur die Tunesier arbeiten beharrlich weiter an demokratischen Strukturen.

Junge Tunesier als „Teil der Lösung“

Die jungen Leute in Sidi Bouzid wollen „Teil der Lösung“ sein. Dieser Slogan steht auf leuchtend blauen Armbändern an den Handgelenken vieler Tunesier. Er steht für die Sehnsucht nach sozialer Gemeinschaft jenseits von Clan-Denken und Korruption. „Wasser, Brot – und weg mit Ben Ali“, dem Diktator, riefen die Demonstranten 2010 in Sidi Bouzid und später im ganzen Land. Auf Jobs und bessere Infrastruktur warten sie in der 40 000-Einwohner-Stadt mit 40 Prozent Arbeitslosenquote bis heute. Eine ­gefährdete Region, um deren frustrierte Jugend sich der Islamische Staat bemüht.

Ferdaous und die anderen Medizinstudentinnen packen an, statt zu lamentieren: Mehr als 300 Menschen kommen an diesem Vormittag in die beiden Untersuchungszelte, in denen sie mit Ärzten und Apothekern Blutzucker und Blutdruck messen, Kleinkinder untersuchen, Wunden versorgen. Daneben steht ein drittes Zelt mit einem besonderen Patienten: Drei junge Ingenieurinnen versuchen, einen Roboter zum Laufen zu bringen. Das gelingt ihnen zwar nicht, doch sie können ein paar Jugendliche für den Ingenieurberuf interessieren. Eine der Ingenieurinnen hat in Sidi Bouzid gerade eine Softwarefirma eröffnet. Es sind kleine, aber entschlossene Schritte, die vor allem junge Frauen hier tun: unter den traurigen Augen von Mohamed Bouazizi und gegenüber einer Mauer, auf die jemand in großen Lettern „Revolution“ geschrieben hat – verkehrt herum. Dort versammeln sich die jungen Männer und Frauen nach vier Stunden zum abschließenden Gruppenfoto.

„We love Sousse“ statt Massenmord

Im Jugendzentrum Complexe de la Jeunesse 17 Décembre Sidi Bouzid wird Bürgerradio und Kampfsport unterrichtet, darf gerappt und gerockt werden, ohne dass sich jemand an offensiven Gesten oder Texten stört. „Lieber Arzt oder Ingenieur?“, werden Schulabgänger in Zukunfts-Workshops hier gefragt. Im Innenhof trinkt Ferdaous Tee mit dem Nachbarssohn Farouk Smari. Er hat als Blogger und Fotograf die Demonstrationen des Arabischen Frühlings begleitet und berichtet jetzt als Bürgerjournalist via Internet über Angebote und Aktivitäten der jungen Leute. Farouk und Ferdaous sind zusammen aufgewachsen. „Draußen dürften wir beide nicht zusammen in einem Café sitzen, ohne dass meine Mutter Besuch von strenggläubigen Nachbarn bekäme. Da muss sich noch einiges ändern“, sagt Ferdaous.

Auch im Badeort Sousse stehen die Zeichen auf Veränderung. Nach der Ermordung von 38 Urlaubern im Jahr 2015 war der Badeort am Mittelmeer vom Traumurlaubsziel zur No-Go-Zone erklärt worden. Wie entfernt man das hässliche Etikett „Massenmord“ wieder von einer Stadt? Welche Zukunftsperspektive gibt es danach – vor allem wenn der Täter ein junger Einheimischer, ein ehemaliger Hotelangestellter war? In der Aktionsgruppe „we­loveSousse“ („Wir lieben Sousse“) haben 60 junge Frauen und Männer mit viel Mut und Fantasie versucht, Einheimischen und Touristen die Furcht vor erneuten Attacken zu nehmen und sich das öffentliche Leben in ihrer Stadt zurückzuerobern.

Die „Weloves“ beleben eine traumatisierte Stadt

Der Initiator Anis Boufrikha (37) hat mit viel Energie 60 junge Leute aus unterschiedlichen Berufen und Elternhäusern um sich geschart und zum Aufbau einer verantwortungsvollen Zivilgesellschaft in ihrer Heimatstadt motiviert. Fürs sozialpolitische Netzwerken bezahlt ihn die schwedische Anna-Lindh-Stiftung. Doch Boufrikhas Antrieb kommt tief aus seinem Herzen. Das große Engagement seiner Schützlinge berührt ihn sichtlich: „Sie sind Träumer – und harte Arbeiter zugleich. Mit kaum etwas in den Händen, aber viel Optimismus und tollen Ideen wollen sie Tunesien voranbringen.“ Die „weloves“ wollen eine traumatisierte Stadt wiederbeleben: Sie besuchen Alte und Kranke, räumen Müll von den Straßen, spenden Schulausstattungen für Erstklässler, organisieren Entrepreneur-Workshops.

Wie in der konservativen Kleinstadt Sidi Bouzid stehen auch in Tunesiens drittgrößter Stadt Sousse vor allem junge Frauen in vorderster Reihe: zum Beispiel Sabrine Ibrahim (25), die gerade ihre Ausbildung als Mechatronikerin abgeschlossen hat. Doch statt wie geplant in einer Autowerkstatt Geld zu verdienen, wurde sie Chefin eines dreiköpfigen Start-up-Unternehmens, das interaktive Lehrmittel für kreativeren Unterricht in Tunesiens Grundschulen entwickelt.

Der Terror in Berlin und Nizza bremst die Aktivisten nicht

Zu den „weloveSousse“-Aktivistinnen gehört auch Hanen Hrad (23), die ihren Lebensunterhalt als Beraterin für Marketing-Agenturen und als Rhetorik-Trainerin für „Young Arab Voices“ verdient: ein Förder-Programm britischer und schwedischer Stiftungen, das die Konfliktkultur und den Schulterschluss der jungen Generationen in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas stärkt. Hanen gründet Debattierclubs, in denen Meinungsunterschiede mit Worten ausgetragen werden und Toleranz geübt wird. „Nebenher“ ist sie Generalsekretärin von „welovesousse“ und für die Konzert-Organisation und Künstlerbetreuung beim internationalen Musikfestival in Sousse verantwortlich. So hat sie den Musiker und Raï-Superstar Cheb Khaled im Sommer persönlich betreut. Fast 1000 Touristen sangen gemeinsam mit den Tunesiern im Amphitheater dessen Hit ­„Aicha“. Übrigens ein Lied, in dem eine Frau zu ihrem Verehrer sagt: „Behalte deine Juwelen, ich will die gleichen Rechte wie du – und Respekt an jedem Tag.“

Vom Attentat in Nizza ließ sich das „weloveSousse“-Team nicht beirren. Sie machten einfach weiter: Mit „Bab el Bahr“ (Tor zum Meer), ihrem zweitägigen Musik- und Kultur-Festival, bevölkerten sie im Sommer die Strandpromenade von Sousse bis tief in die Nacht. Auch für 2017 ist ein vielfältiges Programm geplant. Der Schöpfer der „weloveSousse“-Aktionsgruppe, Anis Boufrikha, hält sich derweil im Hintergrund. Wie er den jungen Tunesiern in schwierigen Zeiten so viel Zuversicht eingeflößt hat, bleibt sein Geheimnis. Sein Konzept könnte zur Blaupause für den nachhaltigen Aufbau einer Zivilgesellschaft in Tunesien werden. In vier weiteren tunesischen Städten gibt es bereits „we­love“-Gruppen. Unter anderem in der stark religiös geprägten Stadt Kairouan, der Heimat des Berliner Attentäters. Ihr Ziel: Irgendwann zu einer landesweiten Gemeinschaft, zu einer „weloveTunisia“-Bewegung zusammenzuwachsen. Wie man Furcht vertreibt und trotz extremistischer Bedrohung handlungsfähig bleibt, kann man von Anis Boufrikha – und den vielen starken jungen Tunesierinnen – lernen.

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