Selbst so ein betagtes Fahrrad bringt einen wunderbar voran. Foto: Decksmann

Kolumnist KNITZ über unser ständiges Bemühen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, um damit Zeit zu sparen.

Neulich hat KNITZ, er war gerade mit dem Fahrrad auf dem Weg in die Redaktion, eine Stimme vernommen. KNITZ erhöhte sein Tempo, aber es half nichts: Die Stimme wurde lauter. Sie kam näher.

 

Nun ist es grundsätzlich nichts Außergewöhnliches, dass KNITZ beim Radeln Stimmen hört. Meist sind es Radfahrerinnen und Radfahrer, die sich ihm von hinten nähern und sich dabei unterhalten.

Je älter man wird, desto mehr wird man überholt

Mit zunehmendem Alter kommt es vor, dass KNITZ beim Radfahren überholt wird. Und mit zunehmendem Alter sollte ihm das Wurscht sein. Wobei: So ganz Wurscht ist es ihm dann doch nicht, denn stets ist er bemüht, mit einem schnellen Seitenblick herauszufinden, warum die zügiger unterwegs sind als er, der Titan?

Besseres Material? E-Bike? Deutlich jüngere Beine? Wenn ihm gar nichts mehr einfällt, gibt er sich mit der Vermutung zufrieden, dass Doping im Spiel sein muss.

Stöpsel im Ohr

Doch zurück zur eingangs erwähnten Stimme. Es war unverkennbar die Stimme eines Mannes. Als besagter Herr bei einer leichten Steigung mit seinem E-Bike an ihm vorbeifuhr, wurde KNITZ klar, dass er, KNITZ, nicht gemeint war. Auch führte der Mann keine Selbstgespräche. Er hatte einen Stöpsel im Ohr und telefonierte.

Um was genau es ging, bekam KNITZ nicht mit. Es klang so, als ginge es um etwas Geschäftliches.

Telefonieren auf dem Rad? Geht gar nicht

In einer Welt, in der Zeit bekanntlich Geld ist, versteht KNITZ, dass die Menschen auf dem täglichen Weg zur Arbeit Dinge erledigen wollen. Im Auto werden Telefonate geführt, im Zug wird der Laptop aufgeklappt. Hat KNITZ wohl auch schon gemacht, aber er käme nie auf die Idee, auf dem Rad zu telefonieren. Schon deshalb nicht, weil für ihn Radfahren weit mehr ist, als nur von A nach B zu gelangen.

Neulich ist er vom Gäu ins Oberschwäbische geradelt, ein schöner Vorwand, um sein neues Navi auszuprobieren. Nach sieben bis acht Stunden im Sattel tat ihm selbstverständlich der Hintern weh. Gleichwohl war er am Ziel entspannt und glücklich, als läge eine Woche Urlaub hinter ihm.

Radfahren ist Meditation

Es gibt Menschen, die können ganze Bücher schreiben über die Faszination des Radfahrens. KNITZ könnte das nicht. Für ihn ist Radfahren schlichtweg eine der schönsten Formen der Fortbewegung. Man kommt mit eigener Körperkraft doch recht zügig voran. Außerdem kann man, sofern man sich abseits viel befahrener Straßen bewegt, wie beim Wandern oder Joggen seine Gedanken schweifen lassen. Insofern ist Radfahren für KNITZ auch eine Form der Meditation. Beim Meditieren käme auch niemand auf den Gedanken, nebenbei seine Geschäfts-Mails abzuarbeiten.

Übrigens: Man nimmt sicherlich auch dem Autofahren und dem Zugfahren seinen Reiz, wenn man sich in Multitasking über und sich währenddessen anderen Dingen zuwendet. Vielleicht ist es letztlich ein Gewinn im Leben, wenn man immer nur eine Sache betreibt – aber diese mit ganzer Leidenschaft.

Ein weiser schwäbischer Spruch

Und vielleicht liegt in diesem alten schwäbischen Spruch mehr Weisheit, als man im ersten Moment vermuten mag: „Mr ka net gleichzeitig scheißa, Kraut hacka ond em Pfarrer d’Hand schittla.“