Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird 75 Jahre alt. Neben Erfolgen wie der Ausrottung der Pocken und dem Aussenden von immer mehr Hilfsteams in Krisen- und Konfliktgebiete wie die Ukraine macht die WHO aber auch mit Skandalen von sich reden.
Im September 1947 suchte die Cholera Ägypten heim. Die Seuche wütete besonders schlimm in den dicht besiedelten Armenvierteln des Nillandes. Ein Schiff mit Pilgern durfte den Hafen von Suez nicht verlassen. Die Durchfallerkrankung raffte mehr als 10 000 Menschen hin. Am Kampf gegen die Cholera beteiligte sich auch die Vorgängerin der noch nicht bestehenden Weltgesundheitsorganisation (WHO): die sogenannte Interimskommission der WHO. Ihre medizinische Hilfe verhinderte eine noch höhere Opferzahl. Der Cholera-Ausbruch machte klar: Bei Gesundheitskrisen ist internationale Zusammenarbeit überlebenswichtig.
„Die Gesundheit aller ist eine Grundbedingung für den Weltfrieden“
Kurz darauf war es so weit. Am 7. April 1948 startete die neue Weltgesundheitsorganisation ihre Mission als Heilerin der Welt. Die WHO-Verfassung trat vor genau 75 Jahren in Kraft. Zuvor hatte eine Staatenkonferenz die Charta beschlossen. Die internationale Koordinierungsbehörde für öffentliche Gesundheit mit Sitz in Genf sollte nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Ära mitgestalten, ein Ära zum Wohle der Menschen. So lautete das Credo der Gründerstaaten. „Die Gesundheit aller Völker ist eine Grundbedingung für den Weltfrieden“, heißt es in der WHO-Verfassung. Der Zweck der WHO „besteht darin, allen Völkern zur Erreichung des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu verhelfen“.
WHO-Impfkampagnen bewahrten Millionen vor einem frühen Tod
Anlässlich des 75. Jubiläums listet der jetzige Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus die bisherigen WHO-Erfolge auf. So half die WHO-Anti-Tabak-Konvention von 2005, das krebserregende Rauchen einzudämmen. Die WHO-Impfkampagnen gegen zahlreiche Krankheiten bewahrten schon Millionen Erdenbewohner vor einem frühen Tod. Eine dieser Kampagnen führte 1979 zur Ausrottung der Pocken, eine Tausende Jahre alte Geißel. Allein im 20. Jahrhundert starben 300 Millionen Menschen an Pocken. „Der Sieg der Menschheit über die Pocken zeigt, was möglich ist, wenn die Nationen gemeinsam eine gesundheitliche Bedrohung bekämpfen“, sagt Tedros.
Doch bietet der 75. Geburtstag der WHO nicht nur Grund zu Jubelfeiern. Die Coronapandemie ist immer noch nicht überstanden. Malaria, HIV-Aids und andere Plagen lassen sich nicht ausmerzen. Auch steckt der WHO die Ebolaseuche in Westafrika noch in den Knochen: Sie forderte ab 2013/2014 rund 11 300 Menschenleben. Peter Piot, der Mitentdecker des Ebola-Erregers, warf der WHO vor, angesichts der Ebolagefahr viel zu spät „aufgewacht“ zu sein.
Zudem schlagen in der WHO-Bilanz diverse Skandale zu Buche. So sah sich die Gesundheitsbehörde in diesem März gezwungen, neue Richtlinien gegen sexuelle Übergriffe zu veröffentlichen: WHO-Mitarbeiter hatten während eines Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo Frauen missbraucht. Die WHO gab „abscheuliche“ Fälle zu. Ebenso musste die Behörde in diesem März den langjährigen Regionaldirektor für den Westpazifik, Takeshi Kasai, entlassen. Mitarbeitende werfen ihm Mobbing und rassistische Sprüche vor. Auch die Partnerschaft der WHO mit dem umstrittenen Weltfußballverband Fifa löst Kopfschütteln aus.
Eigentlich hatte WHO-Chef Tedros bei seinem Amtsantritt 2017 in Genf einen Aufbruch versprochen. Tedros, ein früherer Außen- und Gesundheitsminister Äthiopiens, übernahm als erster Afrikaner den Job des Generaldirektors. Der Malaria-Experte gelobte damals, aus der schwerfälligen, überbürokratisierten WHO eine „effektive, transparente und verantwortliche Agentur“ zu formen. Er wollte die WHO „fit für das 21. Jahrhundert“ machen. Unter Tedros schickt die Organisation mit 194 Mitgliedsländern und 8000 Mitarbeitern immer mehr Hilfsteams in Krisen- und Konfliktgebiete wie die Ukraine. Tedros selbst reiste im Februar in das Erdbebengebiet nach Syrien: Die WHO-Einsatzkräfte versorgten die Überlebenden mit Medikamenten und betreuten sie.
Wenn die Mitgliedstaaten nicht mitmachen, verpuffen die Ziele
Auf seine Prioritätenliste setzte Tedros ein ehrgeiziges Ziel: „Gesundheit für alle“. Jeder Mensch soll bis 2030 Zugang zu gesundheitlicher Grundversorgung haben. Noch immer aber sind große Teile der Erdbevölkerung von der Versorgung ausgeschlossen. Zumal in den armen Ländern bedeuten prinzipiell heilbare Leiden wie Tuberkulose oft das Todesurteil. An der bakteriellen Infektionskrankheit starben 2021 rund 1,6 Millionen Menschen.
Initiativen wie „Gesundheit für alle“ müssen auf das Wohlwollen und die Kooperationswilligkeit der Mitgliedsländer stoßen. Wenn die Mitglieder nicht mitmachen, verpuffen die Vorgaben aus der WHO-Zentrale. Die WHO kann den Staaten keine Anweisungen geben. Sie verschreibt nur die Medizin. Andere müssen sie schlucken.
Die Niederlagen im Kampf für eine gesunde Welt liegen auch in der Unterfinanzierung der WHO begründet. Für die zwei Jahre 2022 und 2023 beläuft sich der globale Programmhaushalt der WHO auf 6,7 Millionen US-Dollar (6,2 Millionen Euro). Das entspricht in etwa dem Budget eines großen Krankenhauses in den USA. Zudem manövrierte sich die WHO in eine gefährliche finanzielle Abhängigkeit von der Stiftung des Milliardärs Bill Gates. Der fachfremde Unternehmer Gates, so monieren WHO-Mitarbeiter, sichere sich durch seine Zuwendungen zu viel Einfluss in Gesundheitsfragen.