Arbeitet an einer Fortsetzung von „Independence Day“: Roland Emmerich. Foto: Sony Pictures

Zu Beginn seiner Karriere wurde der Fantasy-Filmer aus Stuttgart belächelt, von der Kritik wird er bis heute notorisch unterschätzt. Beim Publikum kommt Roland Emmerich umso besser an. Nun präsentiert er mit „White House Down“ wieder einen Action-Film mit großen Kinomomenten.

Zu Beginn seiner Karriere wurde der Fantasy-Filmer aus Stuttgart belächelt, von der Kritik wird er bis heute notorisch unterschätzt. Beim Publikum kommt Roland Emmerich umso besser an. Nun präsentiert er mit „White House Down“ wieder einen Action-Film mit großen Kinomomenten.

Herr Emmerich, mit „Independence Day“ bekamen Sie einst eine präsidiale Einladung ins Weiße Haus, um den Film dort vorzuführen. Wie waren die Reaktionen diesmal?
Ich glaube nicht, dass Präsident Obama sich öffentlich über unseren Film äußern wird, er steht als Präsident ohnehin schon sehr unter Beschuss. Für Clinton war es damals viel einfacher, sich „Independence Day“ im Weißen Haus anzuschauen, dort ging es schließlich um Aliens – womit die Feindbilder klar verteilt gewesen sind.
Wobei Obama doch Pate gestanden haben könnte für Ihren Präsidenten, den Jamie Foxx verkörpert?
Jamie hat mir immer gesagt: „Ich weiß, alle werden behaupten, ich spiele Obama – aber das tue ich gar nicht.“ Zum Beweis hat er uns vorgespielt, wie Obama reden würde, was beim Dreh alle völlig zum Lachen brachte. Weil er Obama jedoch so gut kennt, gelingt es ihm besonders gut, diese beiden Seiten eines Politikers zu zeigen. Da ist der gewinnende Charmeur, der ganz locker die Touristengruppe begrüßt. Und da ist diese viel neurotischere und ängstlichere Seite, wenn er privat ist.
Passt Ihr Präsident vom politischen Profil nicht bestens zu Obama?
Politisch ist er eher so, wie man sich Obama wünscht! (Lacht) Wobei er für mich zu jenen US-Präsidenten gehört, die es in der ­Geschichte wohl am schwersten haben – ein Schicksal, das er mit Bill Clinton teilt. Deren ungemeine Popularität sorgt dafür, dass die rechte Seite ständig mit allen Tricks ­versucht, sie so schlecht wie möglich aussehen zu lassen. Da wird es schon zu einem Skandal, wenn Obama dem Marine an der Tür seines Helikopters die Hand schüttelt, statt ihm zu salutieren. Bush hätte diesem Soldaten auf den Fuß treten können, ohne dass es jemand interessiert hätte.
Mit der Darstellung der allwissenden NSA sind Sie reichlich aktuell . . .
Manchmal hat man eben Glück! (Lacht) Als dieser Skandal bekannt wurde, habe ich mich ein bisschen für Obama geschämt. Er hat diese Überwachung ja nicht eingeführt, umso mehr hätte er einfach den Mut haben sollen, den Amerikaner zu sagen, dass es sich mit dieser Überwachung verhält wie mit der Sicherheit am Flughafen. Körperscanner waren sehr umstritten, aber galten eben als der Preis für höhere Sicherheit. Entsprechend hätte erklärt werden müssen, dass bestimmte Stichworte bei Telefonaten verdächtig sind und zur Aufzeichnung führen können.
Im Film spielt der „militärisch-industrielle Komplex“ eine zentrale Rolle. Wie kommt diese Vokabel in einen Hollywood-Film?
Diesen Begriff hat bereits Präsident Eisenhower erfunden und sein Land seinerzeit ausdrücklich vor eben diesem militärisch-industriellen Komplex gewarnt – und Eisenhower hat recht gehabt. Diese Entwicklung ist im Laufe der Zeit zudem immer schlimmer geworden.
Wie wichtig sind für Sie solche politischen Elemente in Ihrem Popcorn-Kino?
Politische Aspekte sind mir absolut wichtig. Im ursprünglichen Drehbuch, das als Story wirklich ausgesprochen gut war, hatte mich gestört, dass es am Ende nur um Geld gegangen ist. Das war mir zu wenig, ich wollte, dass es in dem Film um etwas geht: um ein Porträt von Amerika sowie um einen US-Präsidenten, der ein Anliegen hat, um das sich zu kämpfen lohnt.
Der Film „Olympus Has Fallen“, bei dem­ auch das Weiße Haus attackiert wird, fällt um einiges patriotischer aus. Ist das der Grund, weshalb er am ersten Kinowochenende­ ­erfolgreicher abschnitt als Ihr Werk?
„Olympus“ hat in Amerika beim Start zwar mehr eingespielt als wir, international hingegen hat er ganz schlecht abgeschnitten. Unser Film ist kritisch gegenüber Amerika, das kommt in den USA leider nicht so besonders gut an – aber in anderen Ländern umso mehr.
Wie kam es überhaupt dazu, dass zwei Filme gleichzeitig ein ähnliches Thema behandeln?
Ich habe mich früher immer darüber ­gewundert – und nun ist es mir plötzlich selbst passiert. Wir hatten bereits viel Geld in die Vorbereitung investiert und drei Hauptrollen besetzt, als plötzlich jemand sagte: „Hast du keine Angst vor dem anderen Film?“ Von dieser Nachricht war ich völlig überrascht. Allerdings nahm ich die Konkurrenz nicht sonderlich ernst, weil dort ­gerade der Regisseur gefeuert worden war. Sein Nachfolger hatte nur fünf Wochen Zeit, um das Projekt zu beginnen. Über die ­Qualität von „Olympus“ kann ich nicht urteilen, weil ich ihn nicht gesehen habe. Die Spezialeffekte des Trailers fand ich ­allerdings nicht besonders überzeugend.
Haben Sie sich nach dem Shakespeare-Ausflug mit „Anonymus“ im vertrauten Action-Genre wieder wohler gefühlt?
Nein, ich mache immer nur Filme, die ich wirklich auch machen möchte. Als ich das Titelbild des Drehbuchs gesehen habe, dachte ich spontan: „Sind die wahnsinnig, mir so etwas anzubieten?“ Aus Respekt habe ich die ersten zehn Seiten gelesen – und konnte gar nicht mehr aufhören. Diese Story mit ihren Figuren war extrem gut und mitreißend – es musste uns nur noch gelingen, dass es dabei auch thematisch noch um etwas geht.
Im Film erklärt der Touristenführer: „Das ist der Teil des Weißen Hauses, der in ‚Independence Day‘ zerstört wird.“ Welche Rolle spielt die Selbstironie?
Man muss über sich selber lachen können - ein Film sollte das ebenfalls. Kino darf nicht bierernst sein, egal wie ernst ein Thema ­gemeint ist. Wobei diese Pointe gar nicht meine eigene Idee war, sondern von dem Schauspieler stammt. Der hat das bei ­seiner Bewerbung gesagt, und wir haben uns tot­gelacht. Beim Drehen hat er den Satz ­zunächst gar nicht mehr gesagt. Erst auf meine Bitte hat er den Spruch wiederholt, und das ­folgende Gelächter war so groß, dass es uns beim ersten Mal die ganze Szene ­ruinierte.
Worin liegt die große Faszination der großen Zerstörung auf der Leinwand?
Warum sind Unfälle so faszinierend, dass sich auf der Gegenfahrbahn immer ein Stau bildet? Es ist die Neugier und der Schock! Im Kino geht man einfach in eine Achterbahn der Gefühle, man begibt sich in eine Gefahr, von der keine tatsächliche Bedrohung ­ausgeht. Ganz wichtig finde ich, dass man nach den intensiven Szenen dem Publikum immer noch genügend Raum zum Lachen lässt.
Haben Sie als Kind auch schon immer gerne Dinge zerstört?
Als Kind war ich eher der Bücherwurm, für das Zerlegen war immer mein Bruder ­zuständig. Er war so berüchtigt, dass ihm niemand sein Spielzeug geben wollte, weil jeder wusste, dass er es auseinandernehmen würde und es anschließend nicht mehr zu ­gebrauchen sein würde.
Wie steht es um die Fortsetzung von „Independence Day“? Wird Will Smith noch dabei sein?
Ich glaube, dass Will Smith zu groß ist für „Independence Day“, mit ihm würde das automatisch ein Will-Smith-Film werden – aus dem ich wahrscheinlich aussteigen ­würde. „Independence Day“ war ein ­Ensemble-Film, und dieses Element wäre mir auch für die Fortsetzung wichtig. Und dieses Projekt wird kommen .
Ist Ihre „small is beautifull“-Phase nach „Anonymus“ abgeschlossen?
Keineswegs, ich habe zwei kleinere Projekte, die ich wirklich gerne machen möchte. Für „Stonewall Riots“, einen Film über die ­Anfänge der Schwulenbewegung, gibt es ­bereits ein Drehbuch. Zudem fände ich es spannend, die Folgen der Weltwirtschaftskrise in einem einzigen, begrenzten Raum mit zwölf Schauspielern abzuhandeln. Das könnte ich mir sogar für das Fernsehen ­vorstellen, weil sich dieses Medium in den vergangenen Jahren tatsächlich noch einmal enorm entwickelt hat.
Ein „Tatort“ aus Stuttgart würde Sie nicht ­reizen?
Nein, ich möchte deutschen Regisseuren doch keine Jobs wegnehmen! (Lacht)
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