Whistleblowerin Haugen erhebt schwere Vorwürfe gegen Facebook. Foto: dpa/Robert Fortunato

Frances Haugen erhebt mit internen Dokumenten schwere Vorwürfe gegen ihren alten Arbeitgeber. An diesem Dienstag soll sie unter Eid vor dem Untersuchungsausschuss aussagen.

Washington - Eine Serie von Skandalen erschüttert Facebook. Die frühere Mitarbeiterin Frances Haugen hat in einem TV-Interview schwere Vorwürfe gegenüber dem Internetkonzern erhoben. So soll Facebook Warnungen über die schädliche Wirkung seiner Plattform ignoriert, Politiker, Journalisten und Investoren belogen haben.

Facebook oder Google als die „Tabakkonzerne des Digitalzeitalters“

Über Monate hinweg hat Haugen akribisch Material in der Konzernzentrale gesammelt und zwei Ausschussmitglieder im US-Senat mit Tausenden internen Dokumenten versorgt. Jene haben die Wirkung einer Bombe: Facebook gelänge es gerade einmal drei bis fünf Prozent aller Hassbotschaften in seinen Netzwerken als solche zu identifizieren und herauszufiltern. Den Anteil an erkannten Anstiftungen zu Gewalt beziffert das Unternehmen selbst mit „sechs Zehntel eines Prozents“ – also einem sehr geringen Anteil. Diese Zahlen stehen im krassen Widerspruch zu den Behauptungen, die das Unternehmen in der Öffentlichkeit aufstellt, wenn es um die Fürsorge und die Sicherheit seiner Nutzer geht.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Facebook löscht Querdenken-Kanäle

Vorbei die Zeiten, in denen Politiker mit Tech-Größen aus dem Silicon Valley für Selfies posierten. Die Fronten sind verhärtet, der Ton in Washington wird von Woche zu Woche rauer. Senatoren und Kongressabgeordnete aus beiden politischen Lagern bezeichnen Tech-Giganten wie Facebook oder Google inzwischen als die „Tabakkonzerne des Digitalzeitalters“.

Nicht das erste Mal, dass Facebook nach Washington bestellt wird

Die Skandale, die Facebook laufend produziert, holen das Unternehmen immer wieder ein. Für besonders großes Aufsehen sorgte eine von Facebook unter Verschluss gehaltene Studie über die negativen Auswirkungen seiner sozialen Netzwerke auf die Psyche von Teenagern. Demnach litten vor allem Mädchen unter dem Körperkult, der auf Plattformen wie Instagram propagiert wird. „Jeder fünfte Teenager gibt an, sich durch Instagram schlechter zu fühlen“, heißt es in der Studie. Unter suizidgefährdeten Jugendlichen benannte jeder zehnte Betroffene als Ursache für die aufkommenden Selbstmordgedanken Instagram.

Es ist nicht das erste Mal, dass Facebook zum Rapport nach Washington bestellt wird. Ob Datenschutz-Skandale oder Wahlbeeinflussung durch russische Trolle; die Manager aus dem Silicon Valley sind geübt darin, unangenehmen Fragen auszuweichen oder beharrliche Ausschussmitglieder mit nichtssagenden Antworten schriftlich zu vertrösten. Anders als zuvor könnten die jüngsten Enthüllungen für das Unternehmen gefährlich werden.

Für Facebook ist es die schwerste Krise seit drei Jahren

Die Unterlagen von Frances Haugen sollen belegen, dass Facebooks Top-Management offenbar schon früh über die gefährliche Wirkung ihrer Plattform Bescheid wusste. Außerdem soll der Konzern unmittelbar nach der US-Präsidentschaftswahl seine Sicherheitsmaßnahmen zu früh gelockert haben, was gewaltbereiten Trump-Anhängern geholfen haben könnte, über Facebooks Kanäle die Erstürmung des Kapitols in Washington zu organisieren.

An diesem Dienstag soll Haugen unter Eid vor dem Untersuchungsausschuss aussagen. Einen ersten Vorgeschmack gab es am Sonntag im US-Fernsehen, als das TV-Magazin „60 minutes“ die Identität der Frau preisgab. Mit ihren Enthüllungen wolle sie Facebook nicht schaden, sondern besser machen: „Das Facebook, mit dem wir es heute zu tun haben, reißt Gesellschaften auseinander und führt zu ethnischen Säuberungen in der ganzen Welt“, so die 37-Jährige.

Für Facebook ist es die schwerste Krise seit dem Datenschutzskandal von Cambridge Analytica vor drei Jahren. Wie die New York Times berichtet, soll es im Top-Management seit Tagen Krisensitzungen geben, um darüber zu beraten, wie man mit den neuen Vorwürfen umgehen soll. In einem internen Memo schwört Facebooks Cheflobbyist Nick Clegg die Facebook-Mitarbeiter auf harte Zeiten ein.