WFV-Präsident Schöck: „Ich wünsche mir weniger Turbulenzen“

Von Jürgen Frey 

Unterschiedliche Charaktere: WFV-Präsident Matthias Schöck (li.), Vorgänger Herbert Rösch. Foto: Baumann
Unterschiedliche Charaktere: WFV-Präsident Matthias Schöck (li.), Vorgänger Herbert Rösch. Foto: Baumann

Matthias Schöck hat sich für eine zweite Amtszeit als Präsident des Württembergischen Fußballverbandes (WFV) entschieden. Vor dem Verbandstag äußert er sich über personelle Turbulenzen, die geplante Neuordnung des Verbandsgebiets, den VfB, die Kickers und den Zustrom fußballspielender Flüchtlinge.

Stuttgart - Er ist Bürgermeister von Hildrizhausen und Präsident des Württembergischen Fußballverbandes (WFV). In beiden Ämter hat sich Matthias Schöck für eine weitere Amtszeit entschieden. Vor dem WFV-Verbandstag an diesem Samstag in Sindelfingen wünscht sich der 43-Jährige „weniger Turbulenzen und mehr personelle Kontinuität“.

Herr Schöck, vor kurzem passierte Sven Ulreich im Champions-League-Spiel des FC Baysern in Madrid ein schwerer Patzer. Wie sehr haben Sie als ehemaliger Torwart mitgelitten?
Sehr, zumal mir ähnliches passiert ist - wenn auch auf ganz anderem Niveau (lacht).
Erzählen Sie!
Es war ein Relegationsspiel mit meinem Bezirksligaclub SV Mötzingen gegen den TSV Haiterbach. Die Sonne stand tief, der Ball sprang irgendwo zwischen Fünfmeterraum und 16-Meterlinie auf und trudelte über mich ins Tor.
Wie ging das Spiel aus?
Weiß ich nicht mehr, aber wir stiegen in die Kreisliga A ab.
Wie reagierte das Umfeld?
Die allermeisten munterten einen auf, aber es gab auch Leute, die bis dahin immer freundlich zu mir waren, aber plötzlich nicht mehr so viel mit mir redeten.
Wie halten Sie sich heute fit?
Als Torwart hat man es ja nicht so mit dem Laufen, aber vor ein paar Jahren bin ich noch regelmäßig mit meinem Schwager Joggen gegangen. Inzwischen komme ich leider nicht mehr dazu. Meine einzige sportliche Betätigung besteht darin, Treppen zu nehmen, statt Aufzug zu fahren.
Wie schaffen Sie es denn zeitlich, das Amt des WFV-Präsidenten mit Ihrem Hauptberuf als Bürgermeister zu vereinbaren?
Das geht nur, weil meine Familie voll hinter mir steht und Verständnis dafür aufbringt, dass sie oft hinten anstehen muss. Wobei es ein großer Vorteil ist, dass meine Frau von Haus aus fußballaffin ist, ihr Vater spielte selbst und war Bezirkstrainer. Meine Schwiegereltern kannte ich daher auch vor meiner Frau.
Ihr Vorgänger Herbert Rösch kam ohne Stallgeruch zum Verband und interpretierte sein Amt stark administrativ. Sie gelten als ganz besonders akribisch, gewissenhaft und sind auch ins operative Geschäft stärker eingebunden. Warum haben Sie sich dennoch in beiden Ämtern für eine weitere Amtszeit entschieden?
Mir machen beide Tätigkeiten ausgesprochen viel Spaß. Und auch wenn ich aus zeitlichen Gründen nicht mehr jede Hocketse und jede Hauptversammlung der Vereine als Bürgermeister von Hildrizhausen (Anm. d. Red.: Die Wahl für die dritte Amtszeit findet am 10. Juni statt) besuche, geht der Beruf grundsätzlich vor. Ich habe in den vergangenen Jahren gemerkt, dass sich beide Ämter gut unter einen Hut bringen lassen. Auch wenn es Phasen gibt, in denen die Arbeit geballt auf einen zukommt.
Die vergangenen drei Jahre beim WFV verliefen nicht immer ruhig.
Es war eine sehr intensive und turbulente Amtszeit – zumindest an der einen oder anderen Stelle.
Wirbel gab es um eine Kapitalanlage im Jahr 2015, die sich zu einem Verlustgeschäft für den WFV im hohen fünfstelligen Bereich entwickelte.
Wir haben dieses Thema intensiv aufgearbeitet. Der Vorstand hat daraufhin eine Kapitalanlage-Richtlinie beschlossen. Jetzt gibt es klare Vorgaben, wer, was konkret entscheiden darf.
Der damalige Schatzmeister Wolfgang Hach hatte zu der Kapitalanlage geraten und trat im Frühjahr 2017 zurück. Im November 2017 legte Rolf Niggel als WFV-Spielausschuss-Vorsitzender sein Amt nieder, da er beim Verbandsligisten FC 07 Albstadt zum Vorstand Sport 2 gewählt wurde. Das alles kann Ihnen nicht gefallen.
Natürlich wünsche ich mir für meine nächste Amtszeit weniger Turbulenzen und mehr Kontinuität. In beiden Fällen waren die Ursachen und Beweggründe unterschiedlich. Ich sehe es als meine Aufgabe an, mit solchen Vorkommnissen umzugehen und dabei im Sinne des Verbandes zu handeln.
Sehr überraschend kam, dass der umstrittene Michael Hurler nach mehr als 19 Jahren nicht nur als ehrenamtlicher Vizepräsident aufhört, sondern auch als hauptamtlicher Geschäftsführer. Wie kam es dazu?
Michael Hurler hat im Verband in seiner Doppelfunktion viele Projekte umgesetzt und den WFV geprägt sowie vorangebracht. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.
Aber warum hörte er auf?
Ich bitte einfach um Verständnis dafür, dass ich darüber hinaus hierzu nichts sagen möchte.
Wer löst ihn ab?
Wir werden das nach dem Verbandstag in den neuen Gremien besprechen. Als kommissarische Übergangslösung leiten die Abteilungsleiter Ralf Gabriel und Frank Thumm die Geschäfte.
Blicken wir nach vorne. Der WFV steht vor einer Strukturreform und will sein Verbandsgebiet bis 2021 neu ordnen. Warum?
Wir streben insbesondere ein besseres, zukunftsfähiges Spielklassen-System an. Den Antrag auf Überprüfung unserer Strukturen unterstütze ich daher ausdrücklich. Wir wollen uns dabei fit für die kommenden Herausforderungen machen.
Wie konkret?
Zuallererst müssen wir den Spielbetrieb dauerhaft gewährleisten. Wir brauchen funktionsfähige Einheiten, dazu müssen wir eventuell auch die Bezirksgrenzen neu gestalten. Es gibt Bezirke wie Riß, wo es nur 60 Vereine gibt, andererseits Neckar/Fils mit 132. Alles wird ergebnisoffen diskutiert.
Ein sehr emotionales Thema.
Das stimmt. Deshalb müssen wir von den bestehenden Bezeichnungen wegkommen und die Bezirke erst einmal 1,2,3 bis x nennen. Wenn wir dann das System ausgearbeitet haben, können wir der neuen Struktur die Namen geben.
Das bisherige Spielsystem mit 1 Verbandsliga, 4 Landesligen und 16 Bezirksligen soll in ein 1-3-9-System umgewandelt werden. Was bringt das?
Vor allem Vorteile im Bereich des Auf- und Abstiegs.
Wie hart trifft den WFV die Tatsache, dass es immer weniger Kinder gibt?
Der demografische Wandel schlägt zu, keine Frage. Das betrifft vor allem den ländlichen Raum. Das statistische Landesamt hat in unserem Auftrag 2016 eine Erhebung durchgeführt, mit durchaus überraschenden Ergebnissen.
Gibt es schon einen Zwischenstand?
Vor allem im weiblichen Bereich ist die Tendenz seit 2012 tatsächlich fallend, bei den Jungen eher stagnierend. Allerdings sind die räumlichen Unterschiede gravierend. Hoffnung machen uns auch die derzeit wieder überraschend hohen Geburtenraten.
Welche Antworten haben Sie darauf?
Zum einen müssen wir dauerhaft die Basis stärken. Dazu gehört der richtige Umgang mit Spielgemeinschaften. Hierbei die richtige Balance zu finden, ist in der Tat nicht einfach. Und die Vereine müssen vor allem im Bereich der Bambini ein attraktives Angebot machen können.
Hat sich die Situation durch den Zustrom an Flüchtlingen verändert?
Auf der ganzen Welt weiß jeder, wie Fußball gespielt wird. Deshalb hat unser Sport eine integrative Wirkung wie kein anderer. Die Flüchtlinge sind insofern auch eine große Chance. Sie wirken sich nicht zuletzt auf unsere Mitgliederzahlen positiv aus.
Wie sehen Sie das Problemfeld Gewalt auf und um den Fußballplatz?
Jeder einzelne Fall ist einer zu viel. Doch die Zahl der Ausschreitungen ist leicht rückläufig. Ich denke schon, dass unsere Präventionsmaßnahmen wie bspw. das Anti-Aggressions-Training Wirkung zeigen.
In Ihre erste Amtszeit fielen Abstieg und Aufstieg des VfB Stuttgart. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Aushängeschilds württembergischer Fußballkunst?
Der VfB ist gefühlt wieder zu Hause – in der Bundesliga. Da fiebert man voller Emotionen mit. Es ist schön, dass der Klassenverbleib so früh feststand.
Und Europa noch möglich ist.
Ob das jetzt schon gut wäre, weiß ich nicht. Das wäre schon eine gewaltige zusätzlich Belastung.
Der 1. FC Heidenheim kann aus eigener Kraft den Klassenverbleib in der zweiten Liga schaffen.
Auch das freut mich sehr, wir haben zu allen unseren Spitzenclubs einen sehr guten Draht. Auch zu den Drittligisten SG Sonnenhof Großaspach und VfR Aalen, die gute Arbeit leisten.
Was fehlt ist ein Frauen-Bundesligist.
Es ist unser festes Bestreben, mittelfristig einen Frauen-Bundesligisten in Württemberg zu etablieren. Mit Blick darauf gibt es bereits spezielle Ausbildungsvereine, außerdem bieten wir Plätze am Olympiastützpunkt für talentierte Spielerinnen. Wir unterstützen, wo wir können und ohne unsere Neutralitätspflicht zu verletzen.
Bei meinem Amtsantritt hatten die Blauen noch Zweitliga-Aufstiegschancen. Ich betrachte die Entwicklung mit Sorge. Sollten die Kickers in die Oberliga absteigen, müssen alle Verantwortlichen die Herausforderung annehmen. Die Qualität der Jugendarbeit spricht für sich und ist nach wie vor eine Basis, auf der man aufbauen kann.
Unabhängig davon findet der Finaltag der Amateure weiter im Wohnzimmer der Kickers, im Gazistadion statt.
Das ist wirklich ein ganz tolles Event. In diesem Jahr ist es gelungen, dass alle 21 Landesverbände ihre Endspiele einheitlich am Pfingstmontag austragen.
Künftig gibt es einen neuen Termin: 2019 wird der Finaltag der Amateure erstmals am Nachmittag des DFB-Pokal-Finales ausgetragen.
Dadurch wird das Miteinander zwischen Basis und Spitze dokumentiert. Ich begrüße diese Verknüpfung außerordentlich.
Als Präsident übergeben Sie bestimmt gerne den WFV-Pokal, würden aber dann nicht gleichzeitig auch das Fußballfest im Berliner Olympiastadion besuchen können. Wo werden Sie sein?
Also wenn der VfB das DFB-Pokal-Finale erreicht, dann würden die Chancen für Berlin steigen.

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