Dimitrios Vidic (links) schlug die Flanke, die kurz nach der Pause um ein Haar den Echterdinger Ausgleich eingeleitet hätte. Foto: Günter Bergmann

Der Verbandsligist Calcio verpasst die erhoffte Pokalsensation. Beim 0:3 erweist sich der Gegner Ulm als eine Nummer zu groß, wonach der Trainer nun eine schwere Aufgabe hat.

Leinfelden-Echterdingen - Jack hatte genug gesehen. Eine Viertelstunde vor Spielschluss schritt das Maskottchen des SSV Ulm 1846 zur Tat. Im schwarz-weißen Spatzenkostüm und mit in die Höhe gereckter Pokalattrappe ging es für dessen Darsteller Jürgen Springer auf die Tartanbahn des Leinfel­dener Sportzentrums. Zeit, die ersten Jubelrunden zu drehen. Es war die Phase, in der auf dem Rasen klar war, dass die Mission „Titelverteidigung“ der Gäste von der Donau weitergeht – und dass die erhoffte Pokalsensation der Fußballer von Calcio Leinfelden-Echterdingen an diesem Abend nicht stattfinden wird.

Sie haben es versucht. Sie haben sich unter Einsatz aller Kräfte bemüht in diesem „Spiel des Jahres“, auf das der ganze Verein seit Wochen hingefiebert hatte. Am Ende aber stand eine ernüchternde Erkenntnis: Der Gegner war eine Nummer zu groß. „Unsere Truppe hat sich schwer getan. Aber ich bin stolz auf die Jungs, dass sie so weit gekommen sind“, sagte der Trainer Francesco Di Frisco, als mit einem für die Seinen noch schmeichelhaften 0:3 das Aus im Viertelfinale des Wettbewerbs besiegelt war. Ein Erlebnis sei es auch so gewesen. Um es mit dem Torjäger Gentian Lekaj zu sagen: „Eine geile Geschichte.“ Schließlich: wann spielt man schon mal gegen einen Ex-Bundesligisten? Wie oft ergibt sich die Chance, sich als Amateurkicker gegen Profis zu beweisen – das Ganze vor Fernsehkameras und rund 600 Zuschauern?

Ulmer Appetit auf mehr

Dass die besagten Profis es auch professionell angehen, das wurde schnell deutlich. Wer bei Calcio darauf spekuliert hatte, der Gegner könnte die Aufgabe auf die leichte Schulter nehmen, sah sich getäuscht. Wohl auch, weil das Favoritensterben der laufenden Konkurrenz den Ulmern eine Warnung war. Auf der prominenten Liste der Düpierten, der Großaspachs, Aalens und Kickers-Kicker, wollten sie sich offenkundig nicht einreihen. Nicht zu vergessen die Erfahrungen der vergangenen Saison, als der Cupsieg dem Verein zu eigenen Highlight-Auftritten im DFB-Pokal verhalf. Das hat beim Traditionsclub den Appetit auf mehr geweckt – auch unter finanziellen Aspekten. Immerhin spülte ein erneuter Titelgewinn eine Garantiesumme von 115 000 Euro in die Kassen.

Sportliche Anreize und Geld, das man nicht einfach auf der Straße liegen lässt. Entsprechend trat der derzeit Regionalliga-Fünfte auf. „Wir wollten von Beginn an signalisieren, dass es nur einen Sieger geben kann“, sagte der Di-Frisco-Gegenüber Holger Bachthaler. Gesagt, getan. Begünstigend kam für seine Elf hinzu, dass Calcio genau das passierte, was der Außenseiter unbedingt hatte vermeiden wollen. Bloß kein frühes Gegentor! „Wir hatten vor, so lang wie möglich die Null zu halten“, erläuterte der Kapitän Shaban Ismaili, „dann ist uns leider dieser Fehler unterlaufen.“ Gerade mal zwölf Minuten waren gespielt, als der Keeper Henning Bortel den Ball direkt dem Gegner in die Füße passte. Zwei Stationen weiter lag die Kugel im Echterdinger Netz. Der kirgisische Nationalspieler Vitalij Lux traf abgefälscht zum 0:1.

Lehrstunde vor allem für zwei Calcio-Spieler

Auch sonst ging der Echterdinger Plan nicht auf. Dem Gegner die Spielfreude nehmen? Mit bissiger Zweikampfführung zur Spaßbreme avancieren? Das hätte bedingt, dass es überhaupt zu Zweikämpfen kommt. Doch erinnerte die Begegnung über weite Strecken eher an die Geschichte vom Hasen und dem Igel. So sehr das Filderteam sich anstrengte, sein Kontrahent war immer ein paar Schritte voraus. Ismaili und dessen Kollegen liefen ständig hinterher. Vor allem für zwei von ihnen wurde die Partie zur Lehrstunde. Auf der linken Abwehrseite taumelten die beiden Youngsters Felix Gerber und Lukas Zweigle von einer Verlegenheit in die andere. „Das mussten wir besser verteidigen. Aber ich will den Jungs nichts vorwerfen, sie sind ja gerade mal um die 20 Jahre alt“, befand Di Frisco.

Dass der Gegner Ulm letztlich nur zu zwei weiteren Treffern kam, durch Nicolas Jann (69.) sowie den eingewechselten Thomas Rathgeber (89.), und nicht zu einem ausgewachsenen Schützenfest, hatte in erster Linie eine Ursache: Bei aller Überlegenheit erstaunte es, was die „Spatzen“ an Torchancen liegen ließen. Mitunter schien es, als veranstalteten sie einen mannschaftsinternen alternativen Wettbewerb: darin, wer mit seinen Flanken und Schüssen besser den Leinfeldener Abendhimmel löchern kann.

Joas mit der großen Ausgleichschance

Und wie es dann bisweilen in solchen Fällen ist: in einer Szene hat nicht viel gefehlt, und Calcio hätte das Geschehen auf den Kopf gestellt, mithin diesem ob der Kraftverhältnisse überwiegend untertemperiert daherkommenden Pokalduell doch noch Feuer eingehaucht. Die Echterdinger selbst hatten nur zwei Gelegenheiten. Die eine vergab Lekaj, der sich gerade noch den Ball abnehmen ließ – die andere hätte kurz nach der Pause um ein Haar zum Ausgleich geführt. Bastian Joas zwang den Gäste-Schlussmann David Hundertmark per Kopf zu einer Glanzparade.

Zu diesem Zeitpunkt ließ Jack die Flügel noch hängen – und träumten die letztlich auch kräftemäßig unterlegenen Echterdinger noch vom großen Coup. Di Friscos schwierige Aufgabe wird es nun sein, den Schalter wieder für den Ligaalltag umzulegen. Die nächste Aufgabe folgt bereits am Sonntag gegen den FSV Hollenbach. Dann ebenfalls zuhause, aber nicht im schmucken Leinfeldener Stadion, sondern wieder auf dem vergleichsweise tristen Goldäcker-Kunstrasen. Dann nicht vor mehreren Hundert Zuschauern, sondern voraussichtlich bloß ein paar Handvoll Unentwegter. Und dann auch ohne Jack.

Aber Pokal-Kür ist halt nicht alle Tage.

Calcio Leinfelden-Echterdingen:
Bortel – Bäuerle (78. Häcker), Pranjic, Zweigle – Vidic, Ismaili, Ikeng (68. Capar), Gerber (66. Biljeskovic) – Avdiu – Joas, Lekaj (85. Candan).

SSV Ulm 1846:
Hundertmark – Stoll , Reichert, Schindele, Schmidts – Campagna – Gutjahr (74. Bagceci), Gashi (65. Sapina), Jann – Lux (74. Rathgeber), Morina (65. Higl).

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: