Die Apfelbäume im Land haben 2020 zu früh geblüht. Das lag auch an der Dürre, von der das Land im vergangenen Jahr betroffen war – sie dauerte von April bis September. Foto: Imago//Bruno Kickner

Der Klimawandel wird immer realer: Das vergangene Jahr war erneut zu warm, zu trocken und zu sonnig. Umweltverbände fordern mehr Anstrengungen beim Klimaschutz.

Stuttgart - In den vergangenen 30 Jahren haben die Apfelbäume im Südwesten im Mittel am 3. Mai zu blühen begonnen – im vergangenen Jahr war es der 11. April, also mehr als drei Wochen früher als üblich. Nur 1992 gab es einen noch früheren Zeitpunkt. Doch die Apfelblüte ist nur eines von vielen Indizien für den Umstand, dass der Klimawandel sich auch in Baden-Württemberg immer stärker manifestiert. Viele weitere dieser Indizien kann man in einem neuen Bericht des Umweltministeriums und der Landesanstalt für Umwelt nachlesen, in dem das Jahr 2020 klimatisch eingeordnet wird.

 

Zu warm, zu trocken, zu sonnig: So lässt sich dieses Jahr in wenigen Worten beschreiben. Mit 10,2 Grad war es das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881 (nur 2018 war mit 10,4 Grad einen Tick wärmer). Insgesamt ist damit die Durchschnittstemperatur in den vergangenen 140 Jahren um 1,5 Grad gestiegen. Es ist fast ein Wink des Schicksals, dass es ja das Ziel der maßgeblichen Pariser Klimakonferenz 2015 war, genau diesen Wert möglichst nicht zu überschreiten. Das wird zumindest in Baden-Württemberg nach diesen neuen Daten extrem schwierig werden.

Die Dürre belastete die Landwirtschaft sechs Monate lang

Der Regen war 2020 um 17 Prozent gegenüber der Vergleichsperiode 1961-1990 zurückgegangen. An der Mehrheit der Quellen und der Grundwasserpegel lässt sich längst dauerhaft ablesen, dass die früheren Normalwerte nicht mehr erreicht werden. Auch die Wälder leiden unter der Trockenheit, und im Bericht ist für die Landwirtschaft von einer bedrohlichen Dürre die Rede, bis von April bis September anhielt. Tatsächlich schien die Sonne mit 2050 Stunden deutlich länger als sonst; dies macht 2020 zum zweitsonnigsten Jahr nach 2003.

Zumindest blieben die Wetterextreme aus, die der Klimawandel tendenziell ja verstärkt mit sich bringen soll. Weder gab es verheerende Starkregen noch extremes Hochwasser. Und trotz meist sehr niedriger Wasserstände in den Flüssen blieb die Sauerstoffkonzentration etwa im Neckar fast immer unkritisch.

Hitzesommer und milde Winter sind die neue Realität

Für den scheidenden Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) sind die neuen Daten, die zunächst am Dienstag im Ministerrat präsentiert worden waren, besorgniserregend: „Allein in den vergangenen 30 Jahren ist die Jahresmitteltemperatur um 1,1 Grad Celsius gestiegen.“ Eva Bell, die Präsidentin der Landesanstalt für Umwelt, prognostizierte, dass Hitzesommer und milde Winter häufiger auftreten werden: „Trockenheit und hohe Temperaturen werden die neue baden-württembergische Realität, vor allem am Oberrheingraben.“

Für Franz Untersteller ist es nach zehn Jahren im Amt ein Appell zum Abschied, wenn er sagt: „Nur wenn wir heute in den Klimaschutz kraftvoll und mutig investieren, können wir verhindern, dass wir die Kosten, die durch die Folgen des Klimawandels entstehen, überhaupt noch zahlen können. Wir dürfen diese Rechnung nicht unseren Enkeln und deren Kindern hinterlassen.“

Heftige Kritik an Klimapolitik von SPD und Verbänden

Die SPD-Umweltstaatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter, die aus Waldshut stammt, kritisierte die grün-schwarze Landesregierung dagegen heftig. Baden-Württemberg habe sein Ziel, zehn Prozent des Strombedarfs aus der Windkraft zu decken, gerade zur Hälfte geschafft. Auch die derzeitigen Ausbauziele bei der Fotovoltaik reichten nicht aus, um die CO2-Emissionen in dem Maße wie geplant zu verringern. Im Bund wolle man die Treibhausgase bis 2030 um 55 Prozent senken: „Da kann es nicht sein, dass sich die Regierung in Baden-Württemberg nur zu 42 Prozent bekennt“, so Schwarzelühr-Sutter, die auch stellvertretende Landesvorsitzende der SPD ist.

Die Umweltverbände Nabu und BUND zogen vor wenigen Tagen ebenfalls eine durchwachsene Bilanz der Umweltpolitik der Landesregierung. Insgesamt gaben sie Grün-Schwarz die Note gut bis befriedigend. Vieles sei angestoßen worden – aber der Beitrag Baden-Württembergs genüge dennoch nicht, um die internationalen Klimaziele zu erreichen. Die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender sagte etwa: „Wir vermissen weiterhin einen Fahrplan zum Ausstieg aus der Nutzung der klimaschädlichen Kohlekraftwerke in Baden-Württemberg.“

Minister sieht den Südwesten auf einem guten Weg

Der Nabu-Landesvorsitzende Johannes Enssle sagte nach der Durchsicht des neuen Berichts: „Nicht auszumalen, was uns noch bevorsteht, wenn diese Entwicklung so weiter geht.“ Er verlangte, dass das Klimaschutzgesetz gleich in den ersten hundert Tagen nach Inkrafttreten novelliert werde. Die Ausbauziele bei Windkraft und Fotovoltatik seien viel zu bescheiden. Enssle: „Die Klimakrise, gepaart mit den noch nicht abzusehenden Folgen des dramatischen Rückgangs der Insektenpopulationen, wird viel weitreichendere Folgen für die menschlichen Zivilisationen haben als derzeit die Corona-Pandemie.“

Der Landesregierung und damit sich selbst bescheinigte Franz Untersteller dagegen, auf dem richtigen Weg zu sein. Das neue Klimaschutzgesetz für Baden-Württemberg setze die richtigen Akzente. Die CO2-Emissionen seien im Südwesten auf viel niedrigerem Niveau als in anderen Bundesländern gewesen – deshalb könnten jetzt die Reduktionen nicht mehr so hoch ausfallen, argumentierte der Minister. Bei der Fotovoltaik habe man im vergangenen Jahr eine Steigerung um 35 Prozent gegenüber 2019 erzielt – das seien gute Zahlen. Allerdings wirbt Untersteller selbst dafür, eine Fotovoltaikpflicht auch auf privaten Neubauten einzuführen; ab 2022 gilt diese zunächst nur für neue Gewerbebauten.

Die Windkraft werde im Südwesten durch bundespolitische Vorgaben ausgebremst, sagt der Minister weiter. Man habe aber erreicht, dass es ab 2022 eine Südquote bei den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur gebe, sodass die Windkraft auch in Baden-Württemberg wieder zulegen könne. Zudem wolle man selbst die Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigen. Während 2017 im Südwesten noch 123 Windkraftanlagen in Betrieb gingen, waren es 2019 gerade noch fünf und im vergangenen Jahr zwölf Windräder.