Wenn Obstbäume nicht regelmäßig beschnitten werden, fallen sie irgendwann um. Foto: Alexandra Kratz

Die Wetterkapriolen machen den Bäumen zu schaffen. Außerdem kümmern sich die Menschen zu wenig. Dabei werden Freizeit-Streuobstpfleger inzwischen sogar von den Städten bezahlt.

Filder - Noch nie sahen die Streuobstwiesen so schlecht aus, wie sie es jetzt tun. Das sagt einer, der es wissen muss: Andreas Siegele ist Obstbauberater bei der Stadt Stuttgart. In einem Interview im Jahr 2012 mit unserer Zeitung meinte er: „Am Zustand der Bäume kann man den Zustand der Besitzer ablesen. Meistens sind die Bäume alt und gebrechlich – und die Besitzer auch.“ In der jüngsten Sitzung des Bezirksbeirats von Plieningen und Birkach korrigierte er diese Aussage: „Ich hoffe, dass es den Besitzern besser geht als deren Bäumen. Denn die sind inzwischen verfallen.“

Es gibt zwei Ursachen für den schlechten Zustand der Streuobstwiesen. Zum einen sind die Wetterkapriolen der vergangenen Jahre verantwortlich. Dadurch nimmt die Zahl an Schädlingen zu, etwa Schildläuse. Vor allem Birnen- und Apfelbäume sterben bei einem starken Befall von oben nach unten ab.

Erträge kompensieren Arbeit nicht

Zum anderen kümmern sich die Menschen zu wenig um die Streuobstwiesen. Die Pflege ist mühselig, und oft kompensieren die Erträge, die man durch den Verkauf von Streuobstprodukten erzielt, nicht die Arbeitszeit. „Es fehlen mindestens 60 Jahre Nachpflanzung“, sagt Andreas Siegele. „Es gibt deshalb nur noch ganz alte oder ganz junge Bäume.“ Ein weiteres Problem sind nicht entfernte Misteln. Was Verliebte romantisch finden und als Produkt auf dem Weihnachtsmarkt gut funktioniert, ist für Bäume alles andere als lustig, denn Misteln entziehen den Bäumen Wasser und Nährstoffe. „Man kann bei Misteln sagen, dass jede Verzweigung für ein Jahr steht. Bei vielen Bäumen sieht man, dass sie bereits seit 20 Jahren von Misteln befallen sind und sich niemand darum kümmert.“

Eigentlich kann man sich diese Verwahrlosung gerade auf den Fildern aber nicht leisten, denn Streuobstwiesen werden immer knapper. Seit dem 19. Jahrhundert sind drei Viertel verloren gegangen, besonders extrem war der Verlust in den vergangenen Jahrzehnten. Mit 116 000 Hektar und 9,3 Millionen Streuobstbäumen hat Baden-Württemberg aber immer noch die größte Streuobstlandschaft Mitteleuropas.

„Ich kann mich nicht verreißen“

Die kann Andreas Siegele aber nicht alleine erhalten, „ich kann mich nicht verreißen“. Er habe kein Team, sondern stemme fast alles selbst. Allein im vergangenen Jahr hat er an Freitagen und Samstagen rund 60 Schnittkurse angeboten. Außerdem hat er gemeinsam mit Privatleuten, Studenten und dem Kommunalen Arbeitskreis Filder (KAF) Bäume nachgepflanzt, geschnitten und Forschungsprojekte durchgeführt.

Bereits seit Längerem bietet die Landeshauptstadt zudem ein Förderungsprogramm von Baumpflegemaßnahmen an. Wer Streuobst pflegt, obwohl es nicht im eigenen Garten eingezäunt oder auf einem Freizeitgelände wächst, bekommt Geld von der Stadt. Für die Kronenpflege der Bäume gibt es je nach Größe zwischen 20 und 70 Euro pro Baum, für Neupflanzungen 40 Euro, für die Pflege bis zu 500 Euro im Jahr. „Das Finanzielle ist nicht das Problem, sondern dass sich irgendjemand kümmern muss“, betont Siegele.

Streuobst soll Kulturerbe werden

Unterdessen hat der Verein Hochstamm Deutschland jüngst einen Antrag zur Aufnahme von Streuobstlandschaften in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes gestellt. Immaterielles Kulturerbe lässt sich laut Definition nicht anfassen, sondern ist an den Menschen, dessen Wissen und Engagement gebunden. Ziel des in Baden-Württemberg ansässigen Vereins ist es, Streuobstwiesenfreunde dabei zu unterstützen, den verbliebenen Bestand zu erhalten. Inzwischen haben 300 Einzelpersonen sowie 67 Institutionen mit 1,3 Millionen Mitgliedern für die Aufnahme der Streuobstlandschaften in das Unesco-Weltkulturerbe gestimmt.

Infos für Interessierte

Baumpflanzungen: In den Schelmenäckern in Leinfelden werden etliche neue Wohnungen gebaut. Dort stehen mehrere Obstbäume. Diese sollen während der Bauphase geschützt und dann als Teil der ökologischen Ausgleichsmaßnahmen durch weitere Bäume zu einer knapp 11 700 Quadratmeter großen Streuobstwiese ergänzt werden.

Förderung: Neben der Stadt Stuttgart haben auch Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt Förderprogramme, mit welchen sie die Kulturlandschaft unterstützen wollen. Pro neu gepflanztem Baum gibt es in Leinfelden-Echterdingen 20 Euro, in Filderstadt gibt es die sogenannten Streuobst-Guides, dort gibt es pro Baum 15 Euro.

Vorgehen: Um in Leinfelden-Echterdingen Geld für neue Bäume zu bekommen, muss im Antrag dargelegt werden, wo sich der Baum befindet, es braucht eine Originalrechnung, und die Bäume müssen auf einer sogenannten Sämlingsunterlage veredelt sein. Zudem gibt es für jeden Baum einen Drahtkorb gratis; dieser soll die Wurzeln vor Wühlmäusen schützen. Förderanträge gibt es bei der Stadtverwaltung von L.-E., weitere Infos unter 0711/1 60 06 98. In Filderstadt ist das Umweltschutzreferat der passende Ansprechpartner: 0711/7 00 3 6 -48 oder -49 sowie umweltschutz@filderstadt.de

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