August 2018: Völlig ausgetrocknet ist der Boden des Edersees nahe der Aseler Brücke. Foto: Boris Roessler/dpa

Wenig Regen, trockene Böden, gestresste Bäume: Experten warnen vor einer Dürre, die 2018 noch übertreffen könnte. Auch im Waldland Baden-Württemberg ist man alarmiert.

Stuttgart - Der Wald der Zukunft muss aus Sicht von Experten vielfältiger sein, um Dürren wie 2018 und den globalen Klimaveränderungen Paroli zu bieten. Nur eine größere Vielfalt an Bäumen kann das Überleben des Ökosystems Wald in Deutschland sichern. Die Lage ist dramatisch und dürfte sich in den nächsten Jahren sogar noch verschlimmern.

Droht uns 2019 der nächste Dürresommer ?

Bei anhaltender Trockenheit könnte Deutschland nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auf einen weiteren Dürresommer zusteuern. „Sollte die trockene Witterung in den kommenden Monaten anhalten, könnte sich die Dürre des Jahres 2018 wiederholen oder sogar übertroffen werden“, sagt der Leiter der DWD-Agrar-Meteorologie, Udo Busch, in Offenbach.

Besonders betroffen sind demnach die östlichen Bundesländer. Selbst wenn es noch viel regnen sollte, bleibt die Bodenfeuchte den Schätzungen zufolge bis in den Sommer hinein unter dem vieljährigen Mittelwert. „Die Startbedingungen für die Vegetation sind 2019 in vielen Gebieten Deutschlands deutlich schlechter als im Vorjahr.“

Wie ist die Lage im Waldland Baden-Württemberg?

Nach Aussage von Jerg Hilt, Geschäftsführer der Forstkammer Baden-Württemberg, hat der Dürresommer 2018 erhebliche Schäden an allen Baumarten in Baden-Württemberg verursacht. „Wir haben deutliche Probleme an Fichten, Tannen, Kiefern und Buchen.“ Drei Millionen Festmeter Schadholz sind 2018 dmenach im Südwesten angefallen. Das sind rund ein Drittel des durchschnittlichen Gesamteinschlags von neun Millionen Festmeter.

Werden lang anhaltende Trockenheitsphasen in Zukunft immer mehr zum Problem?

Nach den Berechnungen von Klimaforschern gibt es künftig häufiger extreme Dürren wie 2018. Die Schäden solcher Jahre zeigen sich schon jetzt: Viele neu gepflanzte Bäume hätten nicht mal den Winter überlebt, sie seien vertrocknet, wie die Sprecherin der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Sabine Krömer-Butz, berichtet.

Welche Baumarten sind vom Hitzestress besonders betroffen?

„Es gibt ganz wenige unserer Hauptbaumarten, die nicht irgendein Problem mit der Trockenheit und mit der Widerstandsfähigkeit gegen Schaderreger haben“, betont Andreas Bolte. Gemessen an der Schadmenge von über 30 Millionen Festmetern im vergangenen Jahr – etwa der Hälfte des jährlichen Einschlags – sei die Fichte das „Riesenproblem“.

Was können Forstexperten und Waldbesitzer tun, um die heimischen Wälder zu schützen?

Der Wald wird sich ändern, da sind sich die Fachleute einig. Er sei in Deutschland relativ artenarm, sagt der Bundesgeschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Christoph Rullmann. Relevant seien nur 15 von insgesamt 76 heimischen Baumarten.

Wichtig ist Rullmann zufolge die Entwicklung hin zu artenreichen Mischwäldern , in denen Bäume an Standorten gesetzt werden, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Damit werde das Risiko in Schadenssituationen verteilt.

Können die Wälder an die klimatischen Veränderungen besser angepasst werden?

Aus Sicht des Waldexperten Pierre Ibisc muss der „Wald der Zukunft“ vielfältig sein, um möglichen Waldbränden Paroli bieten zu können. Strukturreiche Laubwälder mit verschiedenen Baumarten brennen nicht so schnell und trocknen nicht so stark aus wie reine Nadelwälder, wie der Naturwissenschaftler von der Eberswalder Hochschule für nachhaltige Entwicklung erklärt. „Die großflächigen Monokulturen werden mittelfristig scheitern.“

Wie ist die Stimmung bei den Waldbesitzern?

Bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW – Die Waldeigentümer), welche die Interessen von rund zwei Millionen Waldbesitzern in Deutschland vertritt, ist man „absolut beunruhigt“. „Die Waldeigentümer schlagen Alarm, weil sie sehen, dass viele Waldflächen aufgrund der Dürre 2018 vertrocknet sind“, erklärt Sprecherin Larissa Schulz-Trieglaff.

Viele Jungpflanzen würden absterben, große Flächen vertrockneten durch die aktuelle Trockenheit, dabei seien alle Baumarten betroffen. „Zudem befürchten wir eine Schädlingsexplosion durch den Borkenkäfer, weil sich die Larven nach dem milden Winter hervorragend entwickeln können.“

Wie groß sind die Dürreschäden?

Nach Berechnungen der AGDW könnten sich die wirtschaftlichen Gesamtschäden durch die Dürre und die vorangegangenen Stürme im Zweijahreszeitraum 2018/19 auf insgesamt 2,5 Milliarden Euro belaufen . „Die aktuelle Bilanz aus dem ersten Quartal 2019 zeigt, dass sich die Situation in den Wäldern verschlimmert“, so Larissa Schulz-Trieglaff.

Angesichts der Auswirkungen des Klimawandels betreiben viele Waldbesitzer seit Jahren und Jahrzehnten eine aktiven Waldumbau, um sich möglichst breit aufzustellen. „Dabei setzten viele Waldbesitzer gerade auch auf klimaresistente Baumarten wie die Douglasie, die Küstentanne oder die Roteiche, um ihre Wälder besser gegen Dürre und Trockenheit zu wappnen“, erläutert die AGDW-Sprecherin.

Kann man wie bereits in 1980er Jahren wieder von einem „Waldsterben“ sprechen?

Eindeutig: ja: Forscher der Berliner Humboldt-Universität und der Universität für Bodenkultur in Wien haben die Baummortalität in Deutschland, Österreich, Polen, Tschechien, der Slowakei und der Schweiz genauer untersucht. In ihrer Studie zeigen die Wissenschaftler anhand von 720 000 Satellitenbildern, dass sich die Sterberate in den Wäldern in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt hat.

War zu Beginn der 1980er Jahre im Durchschnitt ein halbes Prozent der Waldfläche pro Jahr vom Baumsterben betroffen, so waren es 2015 schon ein Prozent pro Jahr. Das sind jährlich rund 3000 Quadratkilometern, was der Fläche des Saarlands entspricht.

Was droht Deutschlands Wäldern in der Zukunft?

Das aktuelle Baumsterben übersteigt die Entwicklung vor 40 Jahren deutlich. Vor allem das von klimatischen Extremen geprägte Wetter setzt den Experten zufolge den Wäldern stark zu. „Winterstürme und Borkenkäfer, welche sich durch die warmen und trockenen Bedingungen rasch vermehren, verursachen großflächige Baummortalität“, wie Cornelius Senf vom Geographischen Institut der Humboldt-Universität erklärt. Ein weiteres Ansteigen des Baumsterbens hält er aufgrund des Klimawandels für wahrscheinlich.

Welche Rolle spielen Schädlinge wie der Borkenkäfer?

Stürme, Trockenheit – und dann auch noch der Borkenkäfer: 2018 war ein extrem stressiges Jahr für den Deutschlands Wälder. Nach Einschätzung von Forstexperten, Meteorologen und Waldbesitzern wird es in diesem Jahr noch schlimmer.

In Regionen mit großen Fichtenwäldern wird eine extreme Borkenkäferplage erwartet, die alle bisherigen übersteigen könnte. „In der Forstwirtschaft gibt es ganz große Befürchtungen, dass 2019 ein Borkenkäfer-Schadjahr sein kann, das wir so noch nicht gesehen haben“, sagt der Leiter des bundesweit zuständigen Thünen-Instituts für Waldökosysteme, Andreas Bolte.

Welche Regionen sind vom Borkenkäfer besonders betroffen?

Es gebe keine bundesweite Prognose zur Schadensentwicklung durch den Borkenkäfer, stellt Bolte fest. „Aber nach den Meldungen, die man hat, gibt es bestimmte Regionen, wo man jetzt schon sagen kann, dass große Schäden auftreten.“ Darunter seien Harz, Fichtelgebirge, Bayerischer Wald, Hessisches Mittelgebirge, teilweise auch Rheinland-Pfalz, Schwarzwald, aber auch Sachsen und Nordrhein-Westfalen – also Regionen mit hohem Fichtenwald-Anteil.

Welches Fazit ziehen die Waldexperten?

„Wenn das in diesem Jahr so weitergeht und die Schäden noch zunehmen, ist das sehr kritisch. Es gibt keine Waldfläche, die nicht unter dem Hitzestress leidet“, betont Jerg Hilt. Diese Schäden gebe es nicht nur in Baden-Württemberg und in Deutschland, sondern in ganz Europa. „Wenn es so weitergeht, stellt sich die Frage, wie wir unsere Wälder noch erhalten können. Auf anhaltende Dürren sind unsere Baumarten und Wälder nicht eingestellt.“

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