In Sindelfingen wird das Krankenhaus überflüssig. Das Klinikareal soll zur IBA neu erfunden werden. Foto: factum/Weise

Sindelfingen, Leonberg, Böblingen und Herrenberg beteiligen sich an der Internationalen Bauausstellung. In zwei Städten herrscht Furcht vor der eigenen Courage. Die Böblinger haben die kreisinterne Konkurrenz vorerst überholt.

Sindelfingen - In Sindelfingen herrscht Furcht vor der eigenen Courage. „Wie soll man mit so einem Gemeinderat ein Projekt mit internationaler Strahlkraft auf den Weg bringen?“ Die Frage formuliert Sabine Kober gleichsam an sich selbst. Sie ist, als Stadträtin der Grünen, Teil des Gemeinderats. Sie ist nicht die einzige, die befürchtet, dass die Suche nach der architektonischen Vision der Zukunft sich in Debatten über Flach- oder Walmdächer verirren würde.

Ungeachtet dessen wird auch die Stadt Sindelfingen sich an der Internationalen Bauausstellung beteiligen, der IBA. Zu deren Eröffnung wird sich ein guter Teil der aktuellen Stadträte bereits in den kommunalpolitischen Ruhestand verabschiedet haben. Das Jahr der IBA ist 2027, aus historischem Grund. 100 Jahre zuvor war im Zuge der damaligen Bauausstellung die unverändert weltbekannte Weißenhofsiedlung auf dem Stuttgarter Killesberg entstanden.

Die Neuerfindung der Innenstadt ist eins der Wettbewerbsprojekte

Im Unterschied zu damals geht es im aktuellen Wettbewerb „nicht um ein neues Baugebiet“, wie Michael Paak sagte, der Chef des Stadtplanungsamts, „es geht um grundlegende Fragen, die uns über die nächsten 100 Jahre tragen.“ Dementsprechend sind die Projekte gewählt, mit denen sich die Stadt bewerben will: Die Runderneuerung – oder Neuerfindung – der gesamten Innenstadt und die Umwidmung des Krankenhausgeländes. Voraussichtlich im Jahr 2024 eröffnet auf dem Flugfeld die neue Großklinik. Dann wird das Sindelfinger Krankenhaus geräumt. Bisher schwebt noch nicht einmal eine Idee durch das Rathaus, was aus dem Gelände werden soll. „Vielleicht ist es ja auch Wald“, sagt Paak.

Die Furcht vor der eigenen Courage begründet sich auch mit der scheinbaren Übermacht der Stadt Stuttgart, die zwölf Vorhaben zur IBA angemeldet hat. Darunter ist selbstredend das Projekt, das die Landeshauptstadt über die nächsten 100 Jahre tragen soll: Stuttgart 21, konkret das neue Rosensteinquartier auf dem Gleisfeld hinter dem Hauptbahnhof. Allerdings steht hinter dieser Vision für das Jahr 2027 bekanntlich ein Fragezeichen, nachdem die Bahn Stuttgart 21 gleichsam zu Stuttgart 25 umgewidmet hat. Nach aktuellem Stand soll zwei Jahre vor der IBA der erste Zug im unterirdischen Bahnhof einfahren.

Auch in Herrenberg herrscht Zweifel an der eigenen Wettbewerbsfähigkeit

Im Herrenberger Rathaus ist die IBA-Bewerbung mit allem Eifer vorbereitet worden. Auf den letzten Metern vor dem Ziel waren auch dort Zweifel laut geworden, ob eine 30 000-Einwohner-Stadt im Konzert der Größeren mithalten könne. Aber „wer nicht aufs Feld geht, hat schon verloren“, sagte der Oberbürgermeister Thomas Sprißler. Die Fußballerweisheit setzte sich im Gemeinderat durch.

Die Stadt will ebenfalls zwei Projekte einreichen. Das eine davon gleicht dem der Sindelfinger Konkurrenz. Es ist der bereits begonnene Komplettumbau der Innenstadt. Ein neues Stadtquartier hat Herrenberg ebenfalls im Programm. Auf Äckern am Südrand soll ein Viertel für 1400 neue Bewohner entstehen. Zumindest Teile des Gemeinderats wünschen sich dort ein ökologisches Vorzeigegebiet. Die Stadt Leonberg hat ihre Pläne für Neubauten auf dem Postareal im Zentrum nicht ohne Hintergedanken „Leonberger Stadtausstellung“ benannt. Auf 14 700 Quadratmeter soll ein Quartier mit allem entstehen, was innerstädtisches Leben ausmacht, autofrei und einschließlich eines Parks.

Die Kollegen aus Böblingen haben die anderen Städte im Kreis zumindest vorerst überholt. Die Bewerbung mit ihrem Postareal hat die IBA-Jury bereits angenommen, was bemerkenswert ist, weil die Böblinger als letzte Stadt mit den Vorbereitungen begonnen hatten. Ihr Projekt ist vergleichsweise bescheiden. Auf rund 6200 Quadratmetern direkt vor dem Böblinger Bahnhof soll im Wesentlichen ein Bürger- und Kulturzentrum entstehen. In der Lesart der IBA-Juroren wird daraus „ein generationenübergreifender und nachhaltiger Wohn- und Lebensraum eigener architektonischer und städtebaulicher Qualität“.

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