Auch in diesem Jahr kamen zu Wet namhafte Künstler, wie Pan-Pot. Foto: factum

Das Gärtringer Bad platzte aus allen Nähten, jetzt hat die Freibad-Disko „Wet“ zum ersten Mal in Sindelfingen gastiert. Während die Besucher feiern, drücken die Anwohner die Ohren und die Bademeister die Augen zu.

Sindelfingen - Einmal im Jahr fährt die selbst ernannte Familie Senkrecht ins Freibad zum Tanzen. Die Senkrechts – das sind die Freundinnen Anja, Maggy, Jojo, Karin, Nadine, Lena, Katha, Nina. Unter einem Baum auf der Wiese im Sindelfinger Freibad haben sie Handtücher ausgelegt, die Sonne strahlt herrlich über ihren Köpfen. Vor ihnen stehen Tausende Menschen. Die Oberkörper in Richtung einer überdimensionierten Bühne gerichtet, tanzen sie im Stechschritt der Basstiraden, die aus den Boxen klopfen und Zwerchfell und Niere zum Vibrieren bringen. Menschen in Badeshorts und Tangas, mit Drinks und aufblasbaren Luftmatratzen in den Händen recken die Finger in den Himmel, hopsen, kreisen, wackeln, wippen barfuß auf der Wiese. Willkommen beim „Wet-Festival“, Deutschlands wohl größter Freibad-Technoparty.

„Für uns ist das Wet eine Tradition“, sagt Maggy. Sie schreit fast, damit ihre Stimme zu hören ist. Die 27-Jährige hat ihre Haare hochgesteckt, wenn sie lacht, sieht man ihre kleine Zahnlücke. Seit fünf Jahren, dem Beginn des Wet-Festivals, kommen sie und ihre Freunde zur Party. Techno hören sie eigentlich nicht. „Aber wenn es läuft, finde ich es trotzdem gut“, sagt Anja von der Seite, wippt leicht mit dem Kopf zum Takt der Musik.

Namhafte Künstler angereist

Jahr für Jahr sind es die gleichen Zutaten, die die Massen aus der Region anlocken: Eine sommerliche Strandatmosphäre mit einem Planschbecken am Rande der Bühnen, dazu eine Reihe namhafter DJs, die sogar unter Nichtelektrogehern ein Begriff sind. Das sind in diesem Jahr vor allem der Techno-Veteran Sam Paganini, der Berliner Berghain-DJ Kobosil und das Duo Pan-Pot, dessen Song „Sleep­less“ auf dem Musik-Portal Spotify knapp sechs Millionen Abrufe verzeichnet.

Die größte Änderung neben einer weiteren Bühne für ruhigere House-Musik, ist in diesem Jahr der Ort. Bisher fand das Festival stets im Freibad Gärtringen statt, nun gastiert es zum ersten Mal in Sindelfingen. Sowohl in den Augen des Gärtringer Bürgermeisters Thomas Riesch (CDU) als auch nach Ansicht der Betreiber wurde die Fläche im dortigen Freibad für die vielen Besucher zu klein. „Wir wollen wachsen“, sagte Wet-Veranstalter Sascha Ritter im Vorfeld und knüpfte den Kontakt nach Sindelfingen. In diesem Jahr sind es also knapp 8500 Besucher, 1500 mehr als im Jahr zuvor. Für die Veranstalter bestand die Herausforderung daher, sich mit den neuen Anwohnern in Sindelfingen nicht gleich zu verkrachen.

Gegen 15 Uhr ist die Hitze auf dem Höhepunkt. Ilona kauft eine Flasche Wasser und steht bei den Essensständen am Rande des Geländes. Sie ist 67 Jahre alt, trägt einen blau gepunkteten Badeanzug und eine große verspiegelte Sonnenbrille. „Von meinem Balkon in der Wohnung aus hört man die Musik auch gut“ sagt sie. Als Freibad-Anwohnerin war sie mit einer Traube eher älterer Menschen am Abend vorher über die leeren Wiesen des Festivalgeländes geschlendert. Die Betreiber hatten eingeladen und den Teilnehmern danach ein Freiticket in die Hand gedrückt. Dieses kostet Ilona nun aus und macht sich von der Party selbst ein Bild.

„Für einige ist es zu laut“

„Einige Alte im Haus bei uns finden die Musik zu laut“, sagt sie. Ihr gefällt es. Bei ihr im Betrieb, in der Küche eines Sindelfinger Restaurants, lassen „die Jungs“ auch immer Elektro laufen. „Ist doch schön, wenn hier einmal was los ist“, sagt Ilona und verschwindet wackelnden Schrittes in der Menge.

Wie in den Jahren zuvor haben auch diesmal die Betreiber ein Beschwerde-Telefon eingerichtet, für den Fall, dass die Lautstärke einen bestimmten Dezibelwert überschreitet. Ob Anrufer sich da meldeten, war bis zum Redaktionsschluss nicht herauszufinden. Ein spezieller Musik-Verstärker sollte die Lautstärke und Klänge gezielt auf die Tanzfläche vor den zwei Bühnen lenken, hieß es vorher. Das klappt in der Realität eher nicht. Auch im Erlebnis-Becken neben der Bühne wibbern die Bässe. Das hüfthohe Becken ist randvoll mit Leuten und der einzige offene Bereich zum Baden. Der Schwimmer- und Kinderbereich sind während des Festivals zu.

Maggy und Jojo von den „Senkrechts“ rutschen nun ein ums andere Mal von der Wasser-Rutsche. „Alles andere ist hier doch das Übliche bei einem Festival: Mucke, Tanzen, Trinken“, sagt Maggy. Währenddessen packen vier muskelbepackte Arme Karin an Schultern und Beinen und schmeißen sie angezogen in Shorts und Shirt ins Wasser. Noch im Becken flucht und lacht sie abwechselnd in Richtung der beiden Kerle. Daneben steht eine Bademeisterin, lächelt und schaut gewillt weg. „Sollen die doch machen, was sie wollen“, sagt sie im Vorbeigehen.

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