Viele von ihnen nutzen lieber den öffentlichen Nahverkehr oder teilen sich ein Auto. Die Zahl der Autohalter in Stuttgart hat sich vom Jahr 2000 bis heute bis zum Jahr 2011 in manchen Stadtteilen mehr als halbiert. Klicken Sie sich durch die Statistik. Foto: dpa

Seit 2000 gibt es 63 Prozent weniger junge Stuttgarter, die ein eigenes Auto besitzen. Weniger mobil sind die 18- bis 25-Jährigen deshalb nicht.

Stuttgart - Wer angesagt sein wollte, brauchte mit 18 einen fahrbaren Untersatz. Dafür haben Generationen jeden Pfennig zusammengekratzt. Doch diese Zeiten sind vorbei. Autos sind für die Jugend längst nicht mehr so wichtig.

Ein Blick in die Statistik zeigt: Immer weniger junge Stuttgarter besitzen ein eigenes Auto. Seit dem Jahr 2000 sind die Zahlen der Autohalter zwischen 18 und 25 Jahren von 12.956 auf 4781 gesunken, das entspricht in etwa 63 Prozent. „Dieser Rückgang ist beachtlich“, sagt Thomas Schwarz, Leiter des Statistischen Amtes der Stadt. Nicht zuletzt auch deswegen, weil die Zahl der 18- bis 30- Jährigen seit der Jahrtausendwende um knapp neun Prozent angestiegen ist.

Doch der Statistiker ist vorsichtig. Einen grundlegenden Wandel möchte er noch nicht beschwören. Dazu müssten die Zahlen in den kommenden Jahren weiterhin sinken. „Dennoch bezeugen unsere Ergebnisse einen klaren Trend weg vom Auto“, sagt Thomas Schwarz.

Die Wahl der Verkehrsmittel hat sich in ganz Deutschland verändert

Damit steht die Landeshauptstadt, deren Wohlstand sich unter anderem auf die guten Geschäfte mit Pkw gründet, nicht allein. Eine Studie des Instituts für Mobilitätsforschung zeigt, dass sich die Wahl der Verkehrsmittel bei jungen Erwachsenen in ganz Deutschland verändert, insbesondere in Großstädten und deren Vororten. Bundesweit war es vor der Jahrtausendwende so, dass junge Erwachsene, sobald sie einen Führerschein hatten, öffentliche Verkehrsmittel kaum noch nutzten. Die Mehrheit der jungen Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel hatte vor dem Jahr 2000 keinen Führerschein. Seit der Jahrtausendwende hat sich das umgekehrt: 18- bis 25-Jährige fahren wesentlich häufiger mit Bus und Bahn als Jugendliche ohne Fahrerlaubnis.

Der Leiter des Statistischen Amtes macht einen grundlegenden Wertewandel der Generation U 30 für den Trend verantwortlich: „Autos sind für die Jugend nicht mehr das Prestigeobjekt Nummer eins.“ Viel wichtiger seien heutzutage Kommunikationsmedien wie Smartphones, Tablet-PCs oder auch der Umzug in eine eigene Wohnung. Die Prioritäten haben sich verschoben, sagt der Statistiker: „Wer einen großen Geldbeutel hat, der kauft auch heute noch ein Auto. Sind die finanziellen Mittel aber begrenzt, entscheidet man sich eher fürs Handy oder den PC.“ Umweltbewusstsein als Grund für die Abkehr vom Auto hält Schwarz in diesem Zusammenhang eher für zweitrangig.

Der Stuttgarter Chefstatistiker warnt davor, dieses Ergebnis zu verharmlosen. Der Trend lasse sich nicht allein mit gestiegenen Studentenzahlen oder der Parksituation in der Stadt begründen – also mit schmalem Geldbeutel oder Platzmangel. „Schon allein deswegen nicht, weil wir die Entwicklung flächendeckend in ganz Stuttgart beobachten.“ In Stammheim verzeichnet Schwarz 48,3 Prozent weniger Autohalter und damit den niedrigsten Rückgang im Stadtgebiet. Den größten Schwund hat der Stadtbezirk Mitte mit einem Minus von 72,2 Prozent. Die Werte der anderen Bezirke liegen irgendwo dazwischen. „Dieser stadtweite Rückgang ist enorm“, sagt Thomas Schwarz. „Das hat mich wirklich überrascht.“

„Binsenweisheit, dass ein Teil der jungen Leute auf die Eltern versichert ist“

Gegen das Argument, viele junge Stuttgarter würden statistisch nicht erfasst, weil sie mit Autos fahren, die von ihren Eltern zugelassen und versichert sind, wehrt sich der Amtsleiter. „Es ist eine Binsenweisheit, dass ein Teil der jungen Leute auf die Eltern versichert ist. Das war im Jahr 2000 aber der gleich hohe Anteil und kann unsere Ergebnisse nicht erklären.“

Als Erklärung taugen angeblich gestiegene Unterhaltskosten für Autos ebenso wenig. „Das ist ein gängiges Vorurteil. Benzin ist zwar teuerer geworden, aber die Unterhaltskosten für ein Auto sind in Relation zur allgemeinen Teuerungsrate kaum gestiegen“, sagt Schwarz.

Gleichzeitig sinkt offensichtlich die Bereitschaft, den Führerschein so früh wie möglich zu machen. 2011 machten in Baden-Württemberg knapp 5300 weniger Jugendliche als im Vorjahr einen Pkw-Führerschein. Im Land legten 132.884 Menschen die Fahrprüfung ab, davon jeder zweite im begleiteten Fahren ab 17, sagt Peter Tschöpe, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg. Tschöpe beobachtet, dass in Großstädten wie Stuttgart der Führerschein immer später gemacht wird, im Schnitt erst ab dem 22. oder 23. Lebensjahr. „Früher galt die magische Grenze 18, der Führerschein war quasi Eintritt in die Erwachsenenwelt. Das ist vorbei. Heute nutzt die Jugend ihr Geld, um zu reisen.“

Als taugliche Alternative haben die Jungen Bus und Bahn für sich entdeckt

Mobil sind die jungen Stuttgarter dennoch. Carsharing-Modelle werden auch in der Landeshauptstadt immer beliebter. Nach einem Vergleich des Carsharing-Bundesverbandes steht Stuttgart auf Platz vier der Städte mit dem größten Angebot zum Auto-Teilen. Beim Stuttgarter Anbieter Stadtmobil werden die Nutzer nach Aus­sagen des Marketingchefs Edgar Augel immer jünger. Das Unternehmen hat ungefähr 7500 Mitglieder, davon sind knapp 3000 ­jünger als 25.

Als taugliche Alternative zum Individualverkehr haben die Jungen den öffentlichen Personennahverkehr für sich entdeckt. Ein Blick in die Bürgerumfrage aus dem Jahr 2011 zeigt, dass 72 Prozent aller 18- bis 25-Jährigen regelmäßig Bus und Bahn fahren. 63.000 Studierende hatten im vergangenen Sommersemester das Studententicket, das sind knapp 8,5 Prozent mehr als im Wintersemester davor. Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart rechnet damit, dass im kommenden Wintersemester noch mehr Studierende mit Bahn und Bus die Stuttgarter Hochschulen ansteuern werden. Weitere Auswirkungen auf den öffentlichen Nahverkehr sagt auch Thomas Schwarz voraus.

Konsequenzen für den Wunschzettel zum 18. Geburtstag hat der Trend schon jetzt: Da hat das iPhone den Kleinwagen längst­ ­abgelöst.