Einer der international wichtigsten Kunstvermittler: Werner Spies Foto: dpa

Selbstverständlich scheint uns der Ruhm der Künstler Pablo Picasso und Max Ernst oder des Literaturnobelpreisträgers Samuel Beckett. Und doch ist die immer neue Bestätigung ihres Rangs seit 1960 wesentlich mit dem Engagement eines gebürtigen Tübingers verbunden – Werner Spies. Die „Stuttgarter Nachrichten“ gratulieren zum 80. Geburtstag.

Paris - „Ich habe eigentlich gar keine Zeit.“ Werner Spies hat man diesen Satz immer ­abgenommen, warum nicht auch jetzt, kurz vor dem 80. Geburtstag des Kunstweltbürgers an diesem Samstag. Ein zweites Telefon in der Pariser Wohnung klingelt nachdrücklich, Spies entschuldigt sich, vertröstet dann höflich einen französischen Verleger.

Neuer Text zu Anselm Kiefer für Wien

Nun also. „An was ich gerade arbeite?“ – „An einem neuen Text über Anselm Kiefer für die Albertina in Wien.“ Anselm Kiefer, aus Donaueschingen in die Kunstwelt aufgebrochen wie Werner Spies einst aus ­Tübingen. Kiefer, dessen Werk Werner Spies zunächst eher skeptisch gegenüberstand. „Es stimmt“, sagt Werner Spies, „bei Kiefer habe ich meine Meinung revidiert.“ Wie ­entschieden, belegt, dass Spies 2008 in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio auf Anselm Kiefer als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels hält.

Alle zwei Minuten ein Anruf – Werner Spies aber bleibt konzentriert im Gespräch, charmant genug, seinem jeweiligen Gegenüber das Gefühl besonderer Wichtigkeit zu geben. Das bloße Zuhören ist eh nicht ­seine Sache, unvermittelt fragt er dazwischen, ewig scheint er auf der Suche, ja, auf der Jagd. Nach der ultimativen Ausstellung, nach Vergleichsmöglichkeiten, nach ­Beweisen für die Ausnahmestellung der von ihm so verehrten Künstler Pablo Picasso (1881–1973) und Max Ernst (1891–1976).

Der Aufbruch nach Paris ist auch ein Ausbruch

Von Tübingen (dessen Universität ihm 2007 die Ehrendoktorwürde verleiht) geht er 1960 nach Paris – und mitten hinein in die Künstler- und Literatenkreise der französischen Hauptstadt. Von dort aus bringt er ­etwa Literaturnobelpreisträger Samuel ­Beckett zum damaligen Süddeutschen Rundfunk nach Stuttgart. Der junge Kunsthistoriker und die großen Alten der Kunst. Das ist die eine Seite. Der Deutsche in Paris – das ist die andere Seite, gekrönt durch die Direktion des Museums für ­Moderne Kunst im Centre Pompidou (1997 bis 2000). Ein Deutscher als Chef des französischen Kunstherzens – „das“, sagt Werner Spies, „war ­natürlich ein wunderbares ­Signal“.

Leicht vergisst man über den ­Erfolgen der 1980er und 1990er Jahre, wie eng der Kunstweltbürger Spies lange zuvor die Bande ­zwischen Frankreich und Deutschland und vor allem zwischen Paris und Stuttgart knüpft – der Literatur zu Ehren. „Für mich“, sagt Spies, „war die Literatur vielleicht der ­Ausgangspunkt für mein Interesse an der bildenden Kunst. Die Literatur, weil ich glaube, für jemanden, der in der Nachkriegszeit aufgewachsen ist, war es notwendig, dass er sich mit Themen abzugeben ­hatte, dass er sich nicht aus der vermeint­lichen Weltsprache gegenstandslose Kunst ein Alibi verschaffen konnte.“

Spies’ Sprache: ein Gesang auf die Kunst

Ob Spies spricht oder schreibt (immer wieder auch in Verbindung mit dem Stuttgarter Verleger Gerd Hatje) – seine ­Worte ­geraten stets in eine eigene Schwingung. Musikalische Heiterkeit beflügelt die ­Präzision von Wortwahl und Aussage – als Gesang auf die Kunst erlebt man seine ­Vorträge. Jedoch, da ist, wie Spies 1999 als Gast beim „Kulturgespräch“, einer Veranstaltung unserer Zeitung und der Landesbank Baden-Württemberg, mit scharfem Unterton deutlich macht, auch der Kulturpolitiker – engagiert vor allem im Streiten für den deutsch-französischen ­Dialog.

„Es stimmt“, sagt Spies, 2008 auch Gast unserer Gesprächsreihe „Über Kunst“, „das war die Zeit, als Gerhard Schröder als Bundeskanzler glaubte, eine neue Achse Berlin–London begründen zu können. Das hat mich tatsächlich sehr besorgt.“ Schröder habe sich dann aber „rasch besonnen“.

Und nun? Zerbricht der Traum von einem ­vereinten Europa? „Em­manuel Macron oder auch François Fillon ­werden die deutsch-französische Achse neu beleben“, ist sich Spies sicher. Andere ­Kandidaten für die ­Präsidentschaftswahl am 23. April (1. Wahlgang) und 7. Mai (2. Wahlgang) nennt Spies nicht. Eines sagt er noch: „Notwendigkeit und Intelligenz sind die stärksten Zemente.“

Spies entdeckt für das Publikum den „Kontinent Picasso“

Spies entdeckt für das Publikum den „Kontinent Picasso“

Zurück aber zur Kunst. In der Werner Spies früh ein Wort prägt, das er selbst erst noch einlösen musste: „Kontinent Picasso“. War denn nicht Mitte der 1960er Jahre alles erzählt zum Schaffen des 1973 gestorbenen Jahrhundertkünstlers? Für Daniel Henry Kahnweiler arbeitet Spies 1969 am Werkverzeichnis der Skulpturen. Kahnweiler ­ermuntert ihn, Picasso zu treffen. „Als ich ihn das erste Mal in Mougins besuchen durfte“, erinnert sich Spies, „habe ich dem Taxifahrer gesagt, dass ich zu ­Picasso möchte. Er hat mich komisch angeguckt und gesagt, das ist aber eine gute Fahrt. Und als das Tor sich ­öffnete und ich nach drei Stunden wieder ­herauskam, hat er mir gesagt: Normaler­weise geht dieses Tor nie auf.“ Gab es, gibt es ein Geheimnis des Werner Spies, verschlossene Türen zu öffnen? „Um mit Menschen zu arbeiten“, sagt er, „gehe ich auf sie zu.“

Ausstellungen in aller Welt

Unzählige Ausstellungen hat Werner Spies weltweit ­organisiert. Seine schönsten? Es sind zu ­viele. „Picasso – das plastische Werk“ (1983 in Berlin und Düsseldorf, 2000 in Paris) oder „Die ­surrealistische Revolution“ (2002 in Paris) sind ebenso bahnbrechend wie die Max-Ernst-Retrospektive (1991 in London, Stuttgart, Düsseldorf und Paris) und 2005 (in New York) oder „Picasso – Die Zeit nach Guernica“ (1992 in Berlin).

Ganz im Sinn der Künstler aber interessiert sich Spies immer für das Jetzt – und so erlebt man 2007 die Schau „Pablo Picasso – Malen gegen die Zeit“ (in der Albertina in Wien und in Düsseldorf) als Triumph ­Picassos in Farbe, Form und Willen, als Beleg einer erst mit dem Tod des Künstlers 1973 endenden Erfinderkraft.

„Wunderbare Zusammenarbeit“ mit Götz Adriani

Und heute? „Eine Lawine der Gleichzeitigkeit rollt über die Kunst hinweg“, sagt Werner Spies, der sich „immer auch mit ­besonderer Dankbarkeit an die Projekte mit Götz Adriani in der Kunsthalle Tübingen“ erinnert, „sie vernichtet jede Anschaulichkeit“. „Anschaulichkeit“ – das ist vielleicht der Schlüssel zum „Kontinent Spies“, als der das kaum übersehbare Schaffen des ­Jubilars längst gelten muss. Anschaulich, das war stets seine Sprache als Kritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (von 1964 an), und anschaulich, das sind bis heute seine Texte für Kataloge und in Büchern.

Der „furchtbare Irrtum“

Machen aber nicht auch sieben vermeintliche Werke von Max Ernst aus einer „Sammlung Jägers“ Werner Spies’ Engagement für den aus Deutschland in die USA vertriebenen ­Surrealisten Max Ernst anschaulich? 400 Fälschungen hatte Werner Spies, Verfasser des Werkkataloges für Ernst, bis 2010 aus dem Verkehr ziehen lassen – die sieben „Jägers“-Bilder aber erklärte er für echt. „Ein furchtbarer Irrtum“, wie er bald sagt. Der von Freiburg aus agierende Wolfgang Beltracchi hatte die Werke gemalt – und wird 2011 zu sechs Jahren Haft ­verurteilt.

Spies sieht sich ins Abseits gedrängt. Heute sagt er: „In dieser Zeit habe ich gelernt, wer meine wirklichen Freunde sind – und die ­Liste ist eindrucksvoll.“ Reinhold Würth, der Unternehmer aus Künzelsau, ist unter ­ihnen. Auch er hat einen „Max Ernst“ von Beltracchi in der Sammlung – und bietet Spies doch weitere Ausstellungen an.

Ein Berufungsgericht in Versailles ­verwirft im Dezember 2015 ein Urteil vom Mai 2013, nach dem Spies gemeinsam mit einem französischen Galeristen eine Strafe von 650 000 Euro an einen Sammler zahlen sollte, der geglaubt hatte, ein Max-Ernst-Bild ­erworben zu haben.

„Ich wurde völlig entlastet“, sagt Werner Spies, der sich aktuell etwa für Cornelius Völcker engagiert („ein wunderbarer Maler“), jetzt – und ergänzt in der ihm eigenen ­Mischung aus ernster und ironischer Selbstbeschreibung: „Ich habe die Zeit nicht ­paralysiert überstanden.“

Picasso-Buch für die Hosentasche

Zu seinem großen Geburtstag an diesem Samstag hat er sich ein kleines Buch geleistet. Es passt in die Hosentasche und bietet einen unveröffentlichten Text über Picasso – natürlich und doch so ungeheuer frisch, dass man an die erste Annäherung glaubt.

Stationen des Werner Spies

Stationen des Werner Spies

In Tübingen geboren, verbringt Werner Spies seine Schulzeit in Rottenburg und Rottweil. 1956 bis 1958 Volontär bei der in Rottweil erscheinenden Zeitung „Schwarzwälder Volksfreund“, arbeitet er von 1958 an als Redakteur der „Stuttgarter Zeitung“.

1960 geht Spies nach Paris und lässt sich 1962 endgültig dort nieder. 1964 beginnt die Zusamenarbeit mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. 1966 lernt er Max Ernst kennen, 1969 Pablo Picasso.

1975 bis 2002 Professor für Kunst des 20. Jahrhunderts an der Kunstakademie Düsseldorf, trägt Spies die Kommandeurkreuze des Ordre des Arts et des Lettres sowie des Ordre national du Mérite und ist Kommandeur der französischen Ehren­legion.

2017 erscheint zum 80. Geburtstag von Werner Spies am 1. April im Piet-Meyer-Verlag der Text „Picasso zwischen Beichtstuhl und Bordell“.

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