Am 22. Juli bei „Über Kunst“: Peter Weibel und Werner Sobek Foto: dpa

Die „Stuttgarter Nachrichten“-Reihe „Über Kunst“ präsentiert herausragenden Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur – am 22. Juli sind die Zukunfts-Vordenker Werner Sobek und Peter Weibel zu Gast.

Stuttgart - Baden-Württemberg ist ­Erfinderland, ist das Land der Spitzentech­nologie, ist das Land, dessen starker und weit ausdifferenzierter Mittelstand weltweit mit an der Spitze steht. Und doch verbindet sich mit der technologischen Spitzen­position keine Aufbruchs-Euphorie. Im Gegenteil. Utopie und Fortschritt sind ­Begriffe, die von der Gesellschaft eher kritisch gesehen werden.

Zwei Grenzgänger auf einer Bühne

Zwei, die seit Jahrzehnten die Grenzen des technologisch jeweils Machbaren zu überwinden suchen und dabei immer auch gesellschaftliche Entwicklungen beflügeln wollen, sind der Architekt und Ingenieur Werner Sobek und der Medientheoretiker und Medienkünstler Peter Weibel. Am Montag, 22. Juli, sind Sobek und Weibel Gast der „Stuttgarter Nachrichten“-Gesprächsreihe „Über Kunst“ in der Staatsgalerie Stuttgart. Beginn ist um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten.

Sobek fordert „Mut zur Utopie“

„Die Suche nach dem Morgen, die Fragen danach, wie wir künftig leben und arbeiten wollen und können“, sagt Werner Sobek, „beschäftigt mich schon solange ich denken kann. Ich suche und fordere Zielsetzungen, die über den Tag hinausgehen, ich fordere den Mut zur Utopie im Sinne Ernst Blochs.“

Was heißt das für die Arbeit mit seinem weltweit aktiven Büro und als Leiter des ­ Instituts für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren der Universität Stuttgart? „Nur wenn wir wissen, wo wir hinwollen innerhalb des uns gegebenen Korridors an Möglichkeiten“, sagt Sobek, „haben wir Aussicht auf Erfolg bei der Bewältigung der auf uns zukommenden Probleme“.

„Spürbarer Unwille zur Zukunft“

Die „Suche nach dem Zukünftigen“ (Sobek) dürfte indes durchaus schwierig werden. In den ruhigen, aber doch imm er klaren Worten des Wissenschaftlers, Forschers, Unternehmers, Hochschulpolitikers und unermüdlichen Zukunfts-Werbers ­­­­­­­­Sobek: „Tatsache ist aber, dass trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) des hier vorhandenen Wohlstandsniveaus, einer damit einhergehenden Vollkaskomentalität und eines geradezu physisch spürbaren Unwillens zur Zukunft als einer Weiterentwicklung des Heute viele meiner Innovationen in anderen Städten und Ländern leichter umgesetzt werden können als hier.“

Weibel will „,Reset Utopia’ einleiten“

An Peter Weibel ist es, den Blick noch einmal zu weiten. Als international agierender Medientheoretiker, Vermittler und Kurator wie auch als Lenker des Zentrums für Kunst und Medien in Karlsruhe verspannt der in Odessa geborene und in Österreich aufgewachsene Weibel die eigenen Handlungsfäden immer direkt mit der Frage unter welchen Voraussetzungen sich eine Gesellschaft wie entwickelt. Geht es nach Weibel, ist es in Sachen Utopie notwendig, alles auf Anfang zu stellen, die Reset-Taste zu drücken.

„Als der Begriff ,alternativ’ sich etablierte“, sagt Weibel, „war er eindeutig links konnotiert. Wir erinnern uns an den alternativen Lebensstil, an die alternative Presse, an die alternative Musik, dann an ,Die Alternative’, das philosophische Hauptwerk von Rudolf Bahro aus der DDR (1977)“. Ganz anders die Gegenwart. „Heute“, sagt Peter Weibel, „haben wir eine rechte Alternative für Deutschland. Auf diese Weise hat auch der Begriff Utopie die Seiten gewechselt“. Für ihn gilt deshalb: „Es geht darum ein ,Reset Utopia’ einzuleiten.“

„Immer an der Front der Forschung“

Peter Weibel spricht schnell. Noch immer und immer wieder scheint ihm die Zeit zu kurz, alles befragen zu können, alles mit allem verbinden zu können. Treibt hier der Künstlerforscher Weibel den Verant­wortlichen der Zukunftsbühne ZKM an? „Die Rolle des Künstler-Forschers“, antwortet Weibel, „stellt mich immer an die Front der Forschung. Daher ist das ZKM auch immer wieder in der Lage die Tendenzen frühzeitig zu erkennen und darzustellen“. Ein Beispiel? „Nächstes Jahr etwa mit der Ausstellung ,Critical Zones’ über die dünne Haut der Erde, die sogenannte kontinentale Kruste, die durch den Menschen als Lebensraum für viele Lebewesen gefährdet wird.“

Die Biomedien kommen

Mehr noch aber: „Nach den Bewegungs- und Bildmedien des 20. Jahrhunderts“, sagt Weibel, „steuern wir im 21. Jahrhundert auf die Biomedien zu, also auf Medien und Maschinensysteme, die lebensähnliches Verhalten aufweisen. Auch dieser Themenkomplex wird im ZKM behandelt werden“.

„Konzept der Moderne neu anfangen“

Damit verweist Weibel zugleich auf den Kern des Zentrums für Kunst und Medien. Als Zentrum für Kunst und Medientechnologie bildete das durch den Kunsthistoriker Heinrich Klotz (1935-1999) aufgebaute Forum den gedanklichen und konzeptionellen Schlussstein in der durch den 2016 gestorbenen einstigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth (CDU) entwickelten Kette einer unmittelbaren Befeuerung zwischen Fragestellungen der Hochtechnologie und der Kunst.

„Wir müssen“, sagt Peter Weibel nun, „das Konzept der Moderne neu anfangen“. Und er erinnert an eine Kernidee des ZKM-Gründungsdirektors: „Heinrich Klotz sprach von einer zweiten Moderne“.

Wie kann gebaute Umwelt nachhaltig und „atemberaubend schön“ sein

Ist es vielleicht also völlig normal, in ­ Sachen Utopie immer wieder nahezu bei Null anzufangen, bewusst gar die Reset-Taste zu drücken? „Die Grundfragen, denen ich bei meiner Suche nach dem Zukünftigen nachgehe“, sagt Werner Sobek, „sind unverändert geblieben: Wie können wir endlich Frieden auf der Basis einer voraussetzungslosen Anerkennung des Anderen als eines Menschen von gleicher Würde schaffen? Wie können wir Frieden im Lokalen wie Globalen schaffen?“. Und: „Wie können wir unsere gebaute Umwelt so gestalten, dass sie nachhaltig und im Sinne der nach uns kommenden Generationen ist – und zugleich atem­beraubend schön?“

Bewusst berufsübergreifendes Arbeiten

Ob globales Nomadentum oder die unter dem Stichwort Megacities bekannte immer schnellere Verdichtung von Metropolen, ob energetische Herausforderungen oder das immer wieder gerne beschworene berufsübergreifende Arbeiten – Werner Sobek und Peter Weibel machen all dies immer wieder neu zum Thema. Sobek nicht zuletzt mit den Aktivitäten des von ihm gegründeten ­Vereins zur Förderung von Architektur, Engineering und Design (aed).

Neue Start-Up-Mentalität

Und – ihre Worte scheinen ein neues Echo zu finden. Gerade in Baden-Württemberg. Nach langem Anlauf formiert sich, befeuert durch Entwicklungssprünge in der gesamten Breite der medizinischen Hochtechnologie und der nicht zuletzt mit der Human­genetikerin Saskia Biskup verbundenen biogenetischen Forschung, ein neues Selbstbewusstsein. Die gerne beschworene ­Start-Up-Mentalität lässt in Karlsruhe wie in Tübingen Kompetenzzentren entstehen. Weiter sind etwa die durch die von Klaus Eichenberg gelenkte BioRegio Stern als Wirtschaftsentwickler propagierten und ­ geförderten Zukunfts-Cluster greifbar und wecken prompt internationales Interesse.

Motor und Magnet: Cyber Valley

Vor Ort mag man sich an Begriffe wie Cyber Valley noch gewöhnen müssen. Tatsächlich aber formieren sich hier Kräfte eines wirklichen Antritts. Gefördert durch das Land Baden-Württemberg, gehören das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, die Universität Tübingen und die Universität Stuttgart zu diesem Forschungsverbund – gemeinsam mit mit sieben Partnern aus der Industrie: Amazon, BMW Group, IAV GmbH, Daimler AG, Porsche AG, Robert Bosch GmbH und ZF Friedrichshafen.

Und gerade so, als gelte es ein buchstäbliches Zeichen der neuen und dabei selbstbewusst kritischen Allianz von Hochtechnologie und Kunst zu setzen, verwandelte Werner Sobek den viel diskutierten Aufzug-Testturm von Thyssen-Krupp in Rottweil in ein über seine Ästhetik gefeiertes Bauwerk.

Wie geht Utopie?

Wie also, bitte, geht Utopie? Den Stand der Diskussion fasst Peter Weibel zusammen, wenn er sagt: „Einerseits bedeutet das Neue eine Gefahr, einen Umsturz der Werte, einen Bruch mit der Tradition, denn das Neue ist nur messbar im Verhältnis zur Tradition. Andererseits ist das Neue ein Imperativ. Es gehört zu den Regeln unserer Ökonomie wie unserer Kultur, dass Wissenschaftler, Künstler und Unternehmer neue Produkte erfinden, neue Märkte schaffen und dabei zwangsläufig mit Traditionen brechen“.

Wie weit man dabei gehen kann und muss – auch darüber werden Werner Sobek und Peter Weibel am 22. Juli in unserer Veranstaltungsreihe „Über Kunst“ in der Staatsgalerie Stuttgart ­sprechen.

So können Sie dabei sein

Was? Viel wird über die Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft diskutiert. Unter dem Titel „Über Kunst“ präsentiert unsere Zeitung hierzu eine eigene Veranstaltungsreihe mit herausragenden Persönlichkeiten der Kunst- und Kulturszene. Nächste Gäste sind am Montag, 22. Juli, der Architekt und Ingenieur Werner Sobek und der Medientheoretiker und Medienkünstler Peter Weibel.

Wo? „Über Kunst“ findet statt in der Staatsgalerie Stuttgart. Beginn im Vortragssaal der Staatsgalerie ist um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Um eine Anmeldung wird gebeten. Moderiert wird der Abend von Nikolai B. Forstbauer, Autor unserer Zeitung.

Wie? 200 Leserinnen und Leser können am 22. Juli um 19.30 Uhr in der Staatsgalerie dabei sein. Ihre Anmeldung nehmen wir gerne entgegen. Digital unter www.stn.de/ueberkunst . Informationen zu unseren Datenschutzbestimmungen finden Sie unter www.stn.de/datenschutz.

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