Der Förderverein ist aufgelöst, die Geschichtsstube nach wie vor geschlossen: Der Streit um die Einrichtung und um die Vorgänge drumherum dürfte in Wernau aber noch einige Zeit anhalten. Ein Zwischenbericht.
Wernau - Vor ziemlich genau einem Jahr ist der Förderverein Wernauer Geschichtsstube formell aufgelöst worden. Ein Zugang zur Geschichtsstube selbst, die sich im Pfauhauser Schloss befindet, war schon geraume Zeit zuvor nicht mehr möglich. Die Stadt hatte die Schlösser zu den Räumen austauschen lassen, weil es Ärger mit deren Verwalter Ferdinand Schaller – zugleich Vorsitzender des Fördervereins – gegeben hatte. Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, er habe Leihgaben veräußert und Unterlagen, speziell über die Nazi-Zeit, verschwinden lassen. Im Zentrum des Streits stand der Nachlass des damaligen katholischen Pfarrers Ernst Hofmann, der dem NS-Regime äußerst kritisch gegenüberstand.
Schaller wollte sich seinerzeit zu den Anschuldigungen und zu den Vorgängen nicht äußern. Er lege zwar großen Wert auf eine Klarstellung, hat er damals erklärt, wolle aber erst entsprechende Belege zusammentragen. „Das hat einige Zeit in Anspruch genommen“, sagt er jetzt gegenüber unserer Zeitung – und legt einen dicken Ordner sowie etliche weitere Dokumente vor, gepaart mit massiver Kritik sowohl in Richtung der Wernauer Stadtverwaltung als auch mit Vorwürfen an einige frühere Mitstreiter. „Mir hängt das immer noch schwer im Magen, da die Bezichtigungen an meine Adresse zum größten Teil eine Lüge sind“, betont er.
Nachlass Pfarrer Hofmann
Kernpunkt aller Streitigkeiten ist der Umgang mit Pfarrer Hofmanns Nachlass. Speziell geht es um mehrere Kisten, aus denen Unterlagen und Akten verschwunden sein sollen. Den Vorwurf, er habe die besagten Kisten „gefleddert“, weist Schaller zurück. Als er die Dokumente, nach einem Entscheid des Amtsgerichts Nürtingen, übernommen habe, um diese in die Geschichtsstube zu bringen, hätten diese bereits den jetzigen Bestand gehabt. Hofmanns Haushälterin, deren Anspruch als Alleinerbin juristisch bestätigt wurde, habe ihm allerdings versichert, „dass da einiges fehlt“. Zuvor hatte der Historiker Gerhard Hergenröder, wie er selbst bestätigt, die besagten Kisten in seiner Obhut. Er verfügte, noch zu Hofmanns Lebzeiten, außerdem über eine Generalvollmacht des Pfarrers – und sollte zudem eine Biografie über dessen Wirken schreiben. Aus Schallers Sicht liegt damit nahe, „wer da etwas entnommen hat“.
Hergenröder dementiert diesen Vorwurf entschieden: „Ich habe und hätte aus dem Nachlass niemals Unterlagen entnommen, allein aus Pietätsgründen nicht.“ So sei bei der Übergabe auf dem Parkplatz vor dem Gerichtsgebäude auch noch alles komplett gewesen, ergänzt er. „Danach hatte ich keinen Zugang mehr, wurde aber später vom Kreisarchivar aufgefordert, aus meiner Erinnerung heraus aufzuschreiben, was alles vorhanden war.“ Hergenröder wiederum wirft Schaller vor, „nach Gutsherrenart, egal was verkauft und gekauft zu haben“. Er selbst habe sich den ganzen Schlamassel nicht anschauen wollen und sei deshalb auch nie in der Wernauer Geschichtsstube gewesen.
Feldpostbriefe
Ein wesentlicher Bestandteil der Hofmannschen Unterlagen bestand aus Feldpostbriefen. Der Pfarrer hatte 1940 zu Ostern, unterstützt durch die spätere Gemeinderätin Josefine Stetter, damals Leiterin der katholischen Jugendgruppe, ein Päckchen samt Anschreiben an 60 Soldaten aus dem Ort verschickt, die ihm unter anderem von der Front antworteten – und dabei nicht mit Kritik an den NS-Machthabern sparten. Just diese Briefe befinden sich allerdings nicht mehr in den Kisten. „Mir wird unterstellt, dass ich die Feldpostbriefe entnommen hätte, was aber definitiv nicht der Fall ist“, sagt Schaller. Er sei zwar im Besitz von Feldpostbriefen, die aber alle von seinem Bruder stammten. „Und da ist außerdem kein einziger von oder an Pfarrer Hofmann dabei“, fügt er hinzu.
Umgang mit der NS-Zeit
Dass er kein sonderliches Interesse daran hatte, sich mit der NS-Zeit in Wernau – damals waren Pfauhausen und Steinbach noch eigenständig – zu beschäftigen, räumt Schaller indes ein. „Mich haben die älteren Sachen einfach mehr interessiert, und ich habe ich mich auch gefragt, ob man das wirklich alles hervorholen muss“, liefert er die Erklärung gleich mit. Zugleich verwehrt er sich gegen die im Zuge des Streits aufgetauchten Vorhaltungen, er wolle seinen Vater schützen, der als Gestapo-Mann andere Bürger an die Nazis verraten und ausgeliefert haben soll. Seine Sicht der Dinge unterstreicht der 80-Jährige durch ein Schreiben des damaligen NS-Kreisgeschäftsführers an seinen Vater. In diesem steht unter anderem zu lesen: „...so muss ich Ihnen dringend nahelegen, Ihren Austritt aus der NSDAP zu erklären, da Sie sich durch Ihre Gesinnung bereits selbst aus der Gemeinschaft der Kämpfer Adolf Hitlers ausgeschlossen haben“. Der Schrieb stammt im übrigen bereits vom August 1935.
Vorhandene Verträge
Seine Weigerung, Dritten Einsicht in Hoffmanns Nachlass zu gestatten, begründet Schaller mit vorhandenen Verträgen. Zum einen sei er als ehrenamtlicher Verwalter der Geschichtsstube, wie es im Schriftstück mit der Stadt vermerkt ist, zur Geheimhaltung verpflichtet gewesen. Zum anderen gibt es ein Papier, in dem die leihweise Überlassung der Dokumente des Pfarrers mit der Alleinerbin geregelt ist. Darin ist zu lesen, „dass, solange ich lebe, keine weiteren Personen (außer Ferdinand Schaller, Anmerkung der Redaktion) Einsicht in beziehungsweise Zugriff auf die Unterlagen haben sollen“. Erst nach ihrem Ableben, so heißt es dort weiter, gehe der Nachlass in das Eigentum der Geschichtstube über. Was diesen Leihvertrag betrifft, wurde Schaller von Josefine Stetters Tochter, Theresia Dangelmaier, bezichtigt, die Unterschrift der Erbin gefälscht zu haben. Davon nimmt Dangelmaier mittlerweile Abstand: „Diesen Vorwurf habe ich in einem Schreiben an Herrn Schaller ausgeräumt. Er hat keine Unterschrift gefälscht.“
Im vergangenen Jahr wurden die in der Geschichtsstube gelagerten Papiere Hofmanns übrigens in anwaltschaftlichem Beisein vom Esslinger Kreisarchivar gesichtet und verteilt: Private Dokumente verblieben bei der Erbin, die kirchlichen wurden an die Diözese Rottenburg/Stuttgart übergeben.
Stadtarchiv
Gegen einen weiteren Vorwurf setzt sich Schaller ebenfalls zu Wehr. So gab es im Wernauer Gemeinderat – im Zuge der Debatte um die Geschichtsstube – Vermutungen und Einlassungen, er habe Unterlagen und Materialien aus dem Stadtarchiv an sich genommen. 2018 sei er letztmals dort gewesen, worüber die Stadt immer Bescheid gewusst habe, beteuert Schaller. „Ich hatte da auch keinen Schlüssel, wie von einigen Leuten kolportiert wurde, sondern musste diesen immer auf dem Rathaus abholen“, erklärt er. Andreas Merkle, der Leiter des Wernauer Hauptamts, bestätigt diese Aussage.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Perspektive für Geschichtsstube
Mögliche Lösungen
Aufarbeitung der NS-Zeit Den Beschluss, mehr Licht in das wohl dunkelste Kapitel der Wernauer Geschichte zu bringen, hat der Gemeinderat bereits gefasst. Der Nürtinger Historiker Steffen Seischab – und damit ein Außenstehender – ist damit beauftragt worden, die Zeit von 1919 bis 1948 aufzuarbeiten und bis Ende dieses Jahres eine umfangreiche schriftliche Dokumentation darüber vorzulegen. Seischab sichtet zu diesem Zweck aber nicht nur Unterlagen und Aufzeichnungen. Er hat auch bereits Gespräche mit einer Reihe von Personen geführt, die mit ihrem Wissen dazu beitragen sollen, Ereignisse vor, während und kurz nach der NS-Zeit zu erhellen. Inwieweit bei dieser Recherche das verschwundene Material von Pfarrer Ernst Hofmann fehlen wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Die Akten hätten Seischabs Arbeit jedoch mit Sicherheit erleichtert.
Wie soll es weitergehen? Was die Wernauer Historie sowie deren Präsentation angeht, gibt es – neben der NS-Zeit – aber noch einige weitere Themen, die seitens der Stadt angepackt werden müssen. So ist die Geschichtsstube, gewissermaßen das „Heimatmuseum“ der Kommune, seit bald zwei Jahren geschlossen. Bürgermeister Armin Elbl ist dies sehr wohl bewusst: „Das ist in dieser Form kein Zustand“, räumt er unumwunden ein. Deshalb sei auch der Esslinger Kreisarchivar Manfred Waßner bereits damit beauftragt, „sich zusammen mit einem anderen Historiker darüber Gedanken zu machen, wie die Geschichtsstube wieder zugänglich gemacht werden kann“. Ein Konzept zu erstellen, wie es weitergehen soll, sei die nächste Aufgabe, die erledigt werden müsse, ergänzt Elbl. Waßner sei mit dem notwendig gewordenen Umzug der Landratsamtsunterlagen zurzeit allerdings mehr als ausgelastet.
Neuer Verein – oder nicht? Ob in Wernau, nach dem Aus des Fördervereins, ein neuer Geschichtsverein gegründet wird, steht in den Sternen. Sicher ist allerdings, dass es in der Stadt und drumherum reichlich Expertise gibt. Ob die Bereitschaft besteht, diese abermals ehrenamtlich einzubringen, ist eine andere Frage. Klar ist in jedem Fall, dass sich die Kommune ihrerseits in Zukunft mehr wird engagieren müssen. Verwaltungschef Elbl weiß das natürlich: „Ob es wieder einen Verein gibt oder eine andere Form gefunden wird, muss sich erst noch zeigen, aber irgendetwas passiert da schon“, betont Elbl. Elmar Müller, der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete, bringt als Vorschlag schon mal ein „Geschichtsforum“ ins Spiel.
Offene Fragen
Verschwundenes Material
Es wird sich mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr abschließend klären lassen, was sich ursprünglich alles in den Nachlass-Kisten des früheren Pfarrers Hofmann befunden hat. Unbestritten ist lediglich, dass diese nicht mehr vollständig sind. Ob die fehlenden Dokumente überhaupt noch existieren, ob sie vernichtet oder doch verkauft wurden und wer dafür verantwortlich ist, dürfte in Wernau für alle Zeit ein Rätsel bleiben, Die Gerüchte, Mutmaßungen und Beschuldigungen von verschiedenen Seiten werden also wohl auch weiterhin bestehen bleiben.
Wem gehört was?
Mehr als fraglich ist überdies, ob abschließend geklärt werden kann, wem welche Gegenstände, Unterlagen und Exponate aus der Geschichtsstube gehören. Eine aktuelle Inventarliste gibt es nicht. Und ob Schriftstücke, Ausstellungsgegenstände, Werkzeuge oder andere Utensilien Mitgliedern des Fördervereins, der Geschichtstube oder gar Leihgebern zuzuordnen sind, dürfte ebenfalls nicht so leicht zu eruieren sein. Ferdinand Schaller beklagt, „dass da noch Privatsachen drin sind, die ich wegen des gegen mich ausgesprochenen Hausverbots nicht herausholen kann“. Dies betreffe auch Besitztümer anderer Mitglieder, fügt er hinzu. Bürgermeister Armin Elbl geht zwar grundsätzlich davon aus, „dass das, was in der Geschichtstube ist, auch der Geschichtsstube gehört“. Gegen einen Nachweis aber würden die Besitzer ihre Dinge natürlich wiederbekommen. Schaller droht deshalb: „Bis diese Übergaben nicht stattgefunden haben, werden wir das Guthaben des Fördervereins auf alle Fälle zurückbehalten.“