Unter dem Titel „Wernau 1919 bis 1948 – Pfauhausen und Steinbach vor, während und nach der NS-Diktatur“ hat der Historiker Steffen Seischab eine Studie verfasst. Die ersten Ergebnisse wurden bereits präsentiert. Bis zum Sommer soll die gedruckte Form vorgestellt werden.
Aufarbeiten muss die Stadt Wernau eines der dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte zwar noch in eigener Regie. Wie das aussehen und worum es dabei gehen könnte, hat der Nürtinger Historiker Steffen Seischab mit seiner Studie „Wernau 1919 bis 1948 – Pfauhausen und Steinbach vor, während und nach der NS-Diktatur“ aber schon mal aufgezeigt. Sein Auftrag war es, eine Projektkonzeption zu erstellen und damit Anhaltspunkte zu liefern, in welche Richtung eine Dokumentation – und damit eine Aufarbeitung – sinnvoll erscheint.
Seischab hat seinen Untersuchungen die Überschrift „Zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ verpasst und die wesentlichen Punkte daraus der Verwaltung und den Gemeinderäten schon mal vorgestellt. In Kürze werden die Kommunalparlamentarier auch das Originalmanuskript bekommen, das dann auch in Druck gehen wird. Der Titel der Studie liefert dabei auch gleich eine Art Fazit, denn Wernau war keine Hochburg der Nationalsozialisten, aber auch kein Widerstandsnest.
Kirchenbindung macht den Nazis Probleme
So ist die Rolle der beiden katholischen Exklaven Steinbach und Pfauhausen, die von den Nazis zu Wernau verschmolzen wurden, im sogenannten Dritten Reich eine besondere gewesen. Aufgrund einer extrem starken Kirchenbindung waren die Orte für den Nationalsozialismus ein äußerst unwegsames Terrain. Dass sie 1938 – gegen den Willen der Bevölkerung – zusammengeführt wurden, tat dabei sein Übriges. Es dauerte nicht zuletzt deshalb bis 1935, ehe eine eigene NSDAP-Ortsgruppe Pfauhausen-Steinbach gegründet wurde. Und auch an geeignetem örtlichen Personal mangelte es.
Dem Esslinger Kreisleiter Eugen Hund missfiel das natürlich, nicht zuletzt, weil sich das Bild von zwei renitenten katholischen Gemeinden in seiner eigenen Erfolgsbilanz nicht allzu gut machte. Er griff also eine Idee aus den 1920er Jahren auf, die beiden Orte zusammenzulegen und einen ihm ergebenen Bürgermeister zu installieren. Das Projekt wurde durchgezogen und mit Anton Bader, wie Seischab schreibt, „ein leidenschaftlicher Nationalsozialist und Kirchenhasser“ für diesen Posten auserkoren.
Mindestens zwei Euthanasieopfer
Bader suchte denn auch sofort die Konfrontation, ging dabei aber äußerst ungeschickt vor und unterschätzte die Bindekräfte der katholischen Kirche. Vor allem seine Frontalangriffe auf den Pfarrer Ernst Hofmann sorgten dafür, dass sich die Gläubigen noch enger zur Verteidigung zusammenschlossen. Aus Seischabs Sicht aber „gipfelte die selbstherrliche Art des Regierens von Bader in der Errichtung des neuen Rathauses 1937/38, das an Bevölkerung und Gemeinderat vorbei projektiert wurde und als sein persönliches Prestigeprojekt galt“. Der Historiker bezeichnet Baders Vorgehen als „überheblich, primitiv und abstoßend“. Er habe damit auch diejenigen vor den Kopf gestoßen, die gegen ein Zurechtstutzen der „Kirchenherrschaft“ im Ort eigentlich nichts einzuwenden gehabt hätten, ergänzt er.
Auch in die Zeit des Zweiten Weltkriegs ist Seischab eingetaucht und brachte dabei unter anderem in Erfahrung, dass es in Wernau mindestens zwei Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms gegeben hat. Bislang war nur der Name von Anna Maria Denzinger bekannt, für die bereits vor zwölf Jahren ein Stolperstein verlegt worden ist. Details über die andere Person wurden bisher noch nicht veröffentlicht.
Ein weiteres Kapitel, das ebenfalls eingehender recherchiert werden könnte, sind die Fremdarbeiter, die nach Wernau gebracht worden sind. Die Nazis hatten die Kommune zum Industriestandort gemacht, ebenfalls mit Methoden, die vor Ort von Missfallen begleitet waren. Entsprechend groß war die Zahl der Menschen, die auf den Firmengeländen einquartiert und deren Arbeitskraft ausgebeutet wurde. „Leider lassen sich die Lebensbedingungen der Fremdarbeiter aufgrund einer recht schlechten Quellenlage kaum fassen“, bedauert Seischab. „Immerhin aber ließen sich sämtliche größeren Quartiere rekonstruieren“, fügt er hinzu.
Schlechte Quellenlage zum Thema Fremdarbeiter
Insgesamt sieht der Historiker, wenn seine Studie endgültig vorliegt, die Stadt Wernau am Zug: „Das Gutachten beantwortet die Frage nicht, wie mit der Vergangenheit in der Zeit des Nationalsozialismus umgegangen werden soll.“ Allerdings sei dies eine entscheidende Frage, weil es hier bislang auf der einen Seite viele Leerstellen und auf der anderen eine Reihe teils sehr emotional geführter Auseinandersetzungen gegeben habe, die in der Stadt hohe Wellen geschlagen hätten. „Ich denke, dass es bei diesem wichtigen Thema das Beste wäre, wenn bürgerschaftliches Engagement und Gemeindeverwaltung hier einen gemeinsamen Weg finden würden, der der Verantwortung für diesen Abschnitt der Wernauer Geschichte, gerade auch für die zukünftigen Generationen, gerecht wird“, empfahl Seischab.
Die Entscheidung, ob in dieser Form verfahren werden soll, muss die Kommunalpolitik treffen. Ideen, wie dies gelingen könnte, gibt es aber schon: Von gemeinsamen Workshops über einen historischen Rundgang in der Stadt bis hin zu einer Stiftungsgründung reichen die Vorschläge bereits.
Die Aufarbeitung der Nazi-Zeit beginnt in Wernau jetzt erst so richtig
Zeitplan
In Kürze werden die Gemeinderäte die komplette Studie „Wernau 1919 bis 1948 – Pfauhausen und Steinbach vor, während und nach der NS-Diktatur“ von Steffen Seischab erhalten. Die gedruckte Form wird im Anschluss der Öffentlichkeit präsentiert. Unter Beteiligung der Bevölkerung sollen die Erkenntnisse im Anschluss weiter vertieft werden. Dies könnte nach den Worten von Bürgermeister Armin Elbl „noch vor der Sommerpause“ beginnen.
Beispiele
Neuhausen hat im vergangenen Jahr ein ähnliches Projekt umgesetzt. Mit einem jungen Team hat der Kulturwissenschaftler Markus Dewald die Geschichte des Orts in der NS-Zeit aufgearbeitet. Weitere Bespiele aus dem Kreis gab es aber schon zuvor. So hat Seischab vor fünf Jahren unter dem Titel „Land um Teck und Neuffen zwischen Nazis und Kommunisten“ den Raum Kirchheim/Nürtingen aufgearbeitet. Noch früher, bereits 1994 hat der Historiker Joachim Scherrieble das Buch „Reichenbach an der Fils unterm Hakenkreuz. Ein schwäbisches Industriedorf in der Zeit des Nationalsozialismus“ veröffentlicht.