Ehemalige Bosch-Beschäftigte kämpfen Seite an Seite mit der heutigen Belegschaft und der Gewerkschaft gegen die drohende Werkschließung in Waiblingen.
Sie haben das Werk aufgebaut, Generation für Generation. Sie haben gesägt, gespritzt, montiert – oft ein Leben lang. Und jetzt, im Ruhestand, wollen sie nicht schweigen. „Wir lassen uns unser Lebenswerk nicht kaputtmachen“, schreiben die Bosch-Senioren in einem offenen Brief.
Ihr Zorn richtet sich gegen die geplante Schließung des Bosch-Werks in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis). Am 24. November wollen sie gemeinsam mit der IG Metall und der aktuellen Belegschaft auf die Straße gehen. Ein Demonstrationszug mit Kundgebung ist geplant.
560 Arbeitsplätze bedroht: Bosch plant Kahlschlag bis 2028
Rund 560 Arbeitsplätze stehen auf der Kippe. Bis 2028 soll die Produktion von Steckverbindern für die Autoindustrie eingestellt werden. Was bleibt, sind ein Start-up und eine Tochterfirma im Medizinbereich. Für die Gewerkschaft ein Kahlschlag – wirtschaftlich und menschlich.
Dass sich jetzt auch ehemalige Betriebsräte und Beschäftigte zu Wort melden, verleiht dem Protest neue Wucht. Sie sehen in der geplanten Werksschließung einen Bruch mit der DNA des Unternehmens: „Bosch war einmal ein Synonym für soziale Verantwortung. Heute regiert nur noch die Excel-Tabelle“, heißt es im Brief.
Vom Erfolg zur Krise: Bosch-Werk Waiblingen vor dem Aus
Diese Wut hat Geschichte. In den Achtzigern war das Werk in Waiblingen eine Erfolgsgeschichte aus Kunststoff: Mehr als 2000 Menschen arbeiteten dort. Leichtbau für die Autoindustrie – das versprach sichere Jobs. Heute sind davon nur noch knapp 560 geblieben. Jetzt soll auch diese Zahl auf null sinken.
Dabei, so betont Luigi Bigotto, der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, gehe es nicht nur um Zahlen. „Ich kenne die Menschen hier. Ich kenne ihre Familien, ihre Geschichten. Was hier zerstört wird, ist mehr als ein Standort – es ist ein Stück Leben.“
„Jeder Schraubstock dreimal gedreht“ – Kritik an Bosch-Investitionen
Der Frust ist auch deshalb so groß, weil viele den Vorwurf nicht gelten lassen wollen, das Werk sei nicht wettbewerbsfähig. Vielmehr sei es gezielt ausgezehrt worden. „Während in Thailand Millionen investiert wurden, wurde bei uns jeder Schraubstock dreimal gedreht, bevor er ersetzt wurde“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Stefano Mazzei. Dass nun ausgerechnet die angeblich veraltete Ausstattung als Grund für die Schließung herhalten soll, sei ein Hohn.
Für Susanne Thomas, Geschäftsführerin der IG Metall Ludwigsburg/Waiblingen, ist das Vorgehen ein Beispiel dafür, „wie globalisierte Gewinnmaximierung auf dem Rücken ganzer Regionen ausgetragen wird“. Eine Schließung sei nicht nur ein betriebswirtschaftlicher Vorgang, sondern ein sozialer Einschnitt: „Was passiert mit dem Handwerksbetrieb um die Ecke, wenn 500 Kundinnen und Kunden wegfallen? Mit der Stadt, wenn Steuereinnahmen fehlen?“
Waiblingen wehrt sich: Aktionstag soll Zeichen setzen
Der bevorstehende Aktionstag am Montag, 24. November, ist deshalb mehr als ein Symbol. Es ist ein Signal: Waiblingen wehrt sich. Der Protestzug soll zeigen, dass hier nicht nur Beschäftigte, sondern eine ganze Stadt betroffen ist. Die Veranstalter setzen auf breite Unterstützung – auch aus anderen Bosch-Standorten, von Nachbarbetrieben wie Stihl und Syntegon sowie aus der Bevölkerung.
Aktionstag am 24. November: Das ist geplant
- Ort: Bosch-Kunststoffwerk, Maybachstraße, Waiblingen
- Zeit: Start des Demonstrationszugs um 11 Uhr bei Syntegon (Nähe OBI)
- Kundgebung: 11.55 Uhr direkt vor dem Werkstor
- Teilnehmende: IG Metall, aktive Belegschaft, Bosch-Senioren, Unterstützer aus der Region
Wie aus Betriebsratskreisen verlautet, wird es an diesem Tag auch Redebeiträge, Musik und Solidaritätsbekundungen geben. Doch der Tenor bleibt kämpferisch. „Wenn Bosch glaubt, mit ein paar Abfindungen Ruhe zu kaufen, dann hat man sich geschnitten“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter, der anonym bleiben will. Der Konzern selbst verweist auf sinkende Umsätze im Bereich der Verbindungstechnik in Europa, auf gestiegene Produktionskosten und verschärften internationalen Wettbewerb. Laut Bosch sei die Fertigung in Waiblingen nicht mehr wettbewerbsfähig. Doch die Zahlen allein überzeugen in der Region kaum jemanden.
„Wir sind im Häuserkampf“, sagt Susanne Thomas – und meint damit: Jeder Arbeitsplatz zählt. Das Ziel sei nicht ein möglichst weiches Polster für den Abbau, sondern der Erhalt des Werks. Die Beschäftigten seien bereit, für diesen Erhalt zu kämpfen, notfalls auch mit Arbeitskampfmaßnahmen.
Ein Aufruf an alle: Kommt zum Werkstor, zeigt Flagge!
Der 24. November soll zu einem Wendepunkt werden. Wenn Beschäftigte, Bürger, Rentner und Jugendliche zusammenkommen, um ein Zeichen zu setzen. Nicht für Nostalgie, sondern für eine Zukunft, die den Menschen in der Region eine Perspektive bietet. „Bosch WaP bleibt!“ – diese Aufforderung zur Erhaltung des Waiblinger Packaging-Technology-Werks wird auf den Bannern stehen. Und zwischen den Zeilen schwingt ein Gefühl, das sich schwer in Zahlen fassen lässt: Stolz, Wut, Zusammenhalt. Und ein Versprechen: „Wir geben nicht auf.“