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Vom kommenden Schuljahr an soll die neue Werkrealschule das Image der Hauptschule aufpolieren.

Stuttgart - Vom kommenden Schuljahr an soll die neue Werkrealschule das Image der Hauptschule aufpolieren. Für viele Schulleiter in Stuttgart bleiben Probleme wie Sprachdefizite oder mangelnde Ausbildungsreife aber ungelöst. Das Staatliche Schulamt rechnet damit, dass die Hälfte der Schüler die Werkrealschule schafft.

Computerunterricht in der Friedensschule im Stuttgarter Westen. Arbeiten mit Excel-Tabellen lautet die Aufgabe für die Zehntklässler. Merve Dogansoy (18) und Hivya Camur (18) sitzen grübelnd vor dem Bildschirm. Sie sollen mit Hilfe des Programms einen Plan zur Tilgung eine Kredits über 40000 Euro erstellen. "Das ist ganz schön anspruchsvoll", sagt Rainer Megler, Konrektor der Friedensschule im Westen.

Jeder Zweite auf die Werkrealschule

Die freiwillige zehnte Klasse ist Teil der bestehenden Werkrealschule, die es seit gut 15 Jahren an neun Standorten in Stuttgart gibt. Noch gehören die Schüler hier zu den leistungsstärksten ihres Jahrgangs. Nur etwa jeder fünfte von jährlich 1000 Hauptschülern hat es in der Vergangenheit bis zur mittleren Reife gebracht, mit der die Werkrealschule abschließt. Für den Sprung bedurfte es in der neunten Klasse eines Notenschnitts von 2,4 in den Kernfächern. "Das war ein besonderer Anreiz für die guten Schüler", sagt Rektorin Rosy Freyd.

In Zukunft soll der Weg zum mittleren Bildungsabschluss der Mehrheit der Hauptschüler offenstehen. Aus neun Standorten in Stuttgart werden 19, später sollen es noch mehr werden. Eine Drei im Schnitt der Hauptfächer in der neunten Klasse reicht dann aus, um in die Zehnte wechseln zu dürfen. "Regelabschluss ist die mittlere Reife - zusätzlich besteht die Möglichkeit, nach der neunten Klasse den Hauptschulabschluss zu erwerben", lautet die Vorgabe des Kultusministeriums.

Doch ob tatsächlich die große Mehrheit den besseren Abschluss erreicht, ist noch offen. Manfred Rittershofer vom Staatlichen Schulamt in Stuttgart rechnet damit, dass nur gut jeder zweite Hauptschüler den Sprung auf die neue Werkrealschule schafft. Rund 20 Prozent hätten in der Vergangenheit schon die mittlere Reife geschafft. Hinzu kämen noch gut qualifizierte Schüler, die bisher eine zweijährige Berufsfachschule angeschlossen hätten. Der Rest muss sich auch weiterhin mit dem Hauptschulabschluss begnügen.

"Die Hauptschule hat sich in der Öffentlichkeit verbraucht"

Damit stellt sich für manche Schulleiter die Frage nach den beruflichen Perspektiven. "Wir sehen, dass viele Betriebe bereits jetzt die Werkrealschule als Voraussetzung in ihren Stellenausschreibungen haben", sagt Rektorin Rosy Freyd von der Friedensschule. Während die Werkrealschüler mit den anderen Realschülern um Plätze konkurrieren, könnte es für Hauptschulabgänger noch schwieriger werden. "Wir müssen bei den Betrieben ganz besonders dafür werben, dass diese Schüler nicht verloren gehen", so Manfred Rittershofer.

Die seit Jahren beklagten Defizite der Schüler bei der deutschen Sprache und der Ausbildungsreife wird das neue Modell ohnehin nicht beseitigen können. "Es sind ja die gleichen Schüler", sagt Rosy Freyd. Hier kommen etwa 90 Prozent der Schüler aus Einwandererfamilien, viele können am Anfang nur schlecht Deutsch. "Wir haben uns um die unteren Stufen nicht genügend gekümmert", sagt Jochen Schmidt-Rüdt, Leiter der Heusteigschule. Für ihn ist entscheidend, dass bei den Eltern ein "Bewusstsein für Bildung" vorhanden ist. Doch die von der Stadt geförderten Kurse "Mama lernt Deutsch" beispielsweise seien an kaum einer Schule mehr nachgefragt.

"Die Hauptschule hat sich in der Öffentlichkeit verbraucht"

Noch nicht absehbar ist, wohin sich die Schülerströme in Stuttgart künftig bewegen werden. Für die Werkrealschule ist Voraussetzung, dass eine Schule durchgängig zwei Klassen pro Jahrgang füllen kann, kleinere Hauptschulen sollen ihren Status behalten, manche werden sogar verschwinden. Bei den Eltern ist die neue Freiheit der Schulwahl aber noch nicht angekommen. So sind in der Heusteigschule, die bereits als Werkrealschule genehmigt wurde, zwei fünfte Klassen keineswegs gesichert. "Wir haben auf Schüler aus Degerloch gehofft, doch die sind ausgeblieben", so Rektor Schmidt-Rüdt.

Trotz aller ungeklärten Details können die Schulleiter der Reform auch Positives abgewinnen. "Die Hauptschule hat sich in der Öffentlichkeit verbraucht, wir brauchen einen Neuanfang", sagt Rosy Freyd. Und Jochen Schmidt-Rüdt sieht vor allem in der starken Berufsorientierung eine Chance für die Schüler.

Die Schülerinnen Merve Dogansoy und Hivya Camur haben die Aufgabe mit der Ratenzahlung inzwischen gelöst. Beide wollen nach diesem Schuljahr eine Ausbildung beginnen, haben bereits Vorstellungsgespräche gehabt. Sie sind überzeugt, dass die Werkrealschule in der alten Form ihre Berufsperspektiven verbessert hat. Nur eines wurmt sie ein bisschen. "Wir mussten uns so anstrengen, und in Zukunft kann das fast jeder schaffen."

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