Im Zuge der Bildungsreform wird der Werkrealschulabschluss abgeschafft. Nun will die Freie Evangelische Schule in Stuttgart eine Berufsfachschule gründen und so Werkrealschülern auch künftig vor Ort einen mittleren Bildungsabschluss ermöglichen.
Glücklich ist Jens Geiger nicht damit, dass es den Werkrealschulabschluss künftig nicht mehr geben soll. Bei manchen Eltern entstehe so der Eindruck, dass die Werkrealschule ihre Kinder in eine Sackgasse führe, sagt der Geschäftsführer der Freien Evangelischen Schule (FES) in Möhringen.
Aus für staatliche Werkrealschulen in Stuttgart?
Die Pläne der Landesregierung sehen vor, die Werkrealschulen zwar prinzipiell zu erhalten. Künftig sollen die Mädchen und Jungen dort aber nur noch den Hauptschulabschluss machen können. Auch die Stuttgarter Bürgermeisterin Isabel Fezer rechnet damit, dass unter diesen Umständen sich noch weniger Familien für die Werkrealschule entscheiden. Schon heute tritt ein Großteil der Kinder mit einer Grundschulempfehlung für die Werkrealschule auf eine Real- oder Gemeinschaftsschule über. Denn diese bieten sowohl den Mittleren Bildungsabschluss als auch den Hauptschulabschluss an, was auch künftig so bleiben soll. Für die Stadt Stuttgart ist es daher „fraglich, ob die Werkrealschule – die zweifelsohne bislang hervorragende Arbeit geleistet hat – als eigenständige Schulart aufrechterhalten werden kann“, schrieb die Stadt Mitte Dezember in einer Stellungnahme.
Die FES als privater Schulverbund bietet verschiedenste Bildungswege an. Er umfasst:
- eine Grundschule
- eine Werkrealschule
- eine Realschule
- ein berufliches Gymnasium
- ein allgemeinbildendes Gymnasium.
Die Werkrealschule gehört von Anfang an zu dem in den vergangenen Jahren immer weiter gewachsenen Schulverbund. Aus Überzeugung, denn man wolle auch für anders, eher praktisch begabte Kinder da sein und ihnen eine Perspektive bieten, sagt Jens Geiger. Das habe die FES in der Vergangenheit auch stets getan. An der konfessionellen Schule machen alle Werkrealschülerinnen und -schüler verpflichtend die Prüfung nach der neunten Klasse. Doch 90 bis 95 Prozent, so schätzt der FES-Werkrealschulleiter Peter Döbler, machen danach weiter und schaffen in aller Regel auch den Werkrealschulabschluss, der dem Realschulabschluss gleichgestellt ist.
Die Werkrealschule an der FES ist „stabil zweizügig“, sagt Jens Geiger nicht ohne Stolz. Ein Grund dafür dürfte sein, dass der Ruf der privaten Werkrealschulen besser ist als der der staatlichen. Jens Geiger will sich darüber aber kein Urteil erlauben. Viel wichtiger ist es ihm und seinem Kollegen, die Vorzüge der Schulform herauszustellen. „Die Werkrealschule bietet eine starke Praxisorientierung und eine sehr intensive individuelle Förderung. Diese Schulart nimmt eine unheimlich wichtige Rolle in unserem Schulsystem ein“, sagt Peter Döbler.
„Wir wollen den Jugendlichen auch künftig eine Perspektive bieten und darum eine zweijährige Berufsfachschule gründen, die zur Fachschulreife, also einem mittleren Bildungsabschluss führt“, kündigt Jens Geiger an. Das Thema sei bereits intensiv im Kollegium und den verschiedenen Gremien diskutiert worden. Angedacht sind die Richtungen Gesundheit und Ernährung sowie Wirtschaft. Diese korrespondieren mit den Bereichen Wirtschaft und Sozialwissenschaften des Beruflichen Gymnasiums an der FES. Die Ideen seien bereits sehr konkret, betont der Geschäftsführer, denn „für die Familien, die jetzt ihre Kinder bei uns an der Werkrealschule anmelden wollen, muss es konkret sein“.
Die Gründung einer Berufsfachschule würde auch bedeuten, dass die FES weiter wachsen muss. Hinzu kommt die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Es braucht also mehr Räume. Eine Bauvoranfrage sei bei der Stadt bereits gestellt, sagt Jens Geiger und ergänzt: „Wir sind bereit, auch finanziell zu investieren.“