Jacob Zuma und seine Clique haben das Land heruntergewirtschaftet. Foto: AFP (2), AP

Es ist eine der wichtigsten politischen Weichenstellungen seit dem Ende der Apartheid: Beim Parteitag des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), der am Samstag in Johannesburg beginnt, geht es um mehr als die Frage, wer Jacob Zuma als Parteichef folgt. Der hinterlässt einen Scherbenhaufen.

Johannesburg - Pretoria, 10. Mai 1994. Mit einer spektakulären Feier wird Nelson Mandela zum ersten schwarzen Staatschef Südafrikas vereidigt. „Niemals und nie wieder soll in diesem wundervollen Land einer den anderen unterdrücken“, ruft der ehemalige Häftling viertausend geladenen Gästen, darunter Staatschefs, Könige und Religionsführer, sowie einer Milliarde Fernsehzuschauern zu. Die halbe Welt schwelgt im Glück: Der Traum der aufgeklärten Menschheit von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit scheint am Kap der Guten Hoffnung endlich einmal Wirklichkeit zu werden.

Südafrika, im Jahr 2017. Beinahe täglich warten Zeitungen mit der Aufdeckung neuer Korruptionsskandale auf: Eine Clique, in deren Mittelpunkt Mandelas Nachnachfolger Jacob Zuma steht, plündert die Staatsbetriebe aus, nach Angaben eines Ex-Finanzministers verschwinden jährlich 100 Milliarden Rand (6,25 Milliarden Euro) an Steuergeldern. Der Filz um Zuma und die indischstämmige Gupta-Familie zieht immer weitere Kreise: Ministerposten werden der Gewinnsucht einer kleinen Elite folgend vergeben, unfähige Speichellecker in wichtige staatliche Ämter gehievt, die Verfassung des Landes mit Füßen getreten. Das Wachstum stockt, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung schießen in die Höhe, internationale Ratingagenturen werten das Land in den Ramschstatus ab. Südafrika gilt inzwischen als „Gangsterstaat“: Ein weiteres Land, das den Weg alles Afrikanischen gehe, sind vor allem weiße Südafrikaner überzeugt.

Unversöhnlich stehen sich zwei Lager gegenüber

Johannesburg, 16. Dezember 2017. Im Messezentrum treffen mehr als 5200 Delegierte desAfrikanischen Nationalkongresses (ANC)ein: Hier findet von diesem Samstag an der fünf­tägige Parteitag der Regierungspartei statt, auf der auch eine neue Führung gewählt werden muss. Seit Wochen wird erbittert um die Zahl der Delegierten und die Nominierung der Kandidaten gekämpft. Bis zum letzten Moment wurde befürchtet, dass der Parteitag womöglich gar nicht stattfinden würde. Unversöhnlich stehen sich zwei Lager gegenüber: das der 68-jährigen Nkosazana Dlamini Zuma, die nach dem Wunsch ihres geschiedenen Ehemanns Jacob Zuma dafür sorgen soll, dass auch nach seinem Abgang alles wie gewohnt weitergeht und der Präsident nicht hinter Gittern landet. Auf der anderen Seite: der 65-jährige Vizepräsident Cyril Ramaphosa, der den Augiasstall ausmisten will. Nie zuvor in der 23-jährigen Geschichte stand das „neue Südafrika“ vor einer Ab­stimmung von ähnlicher Tragweite. Nach Auffassung aller Experten hängt vom Wahlausgang ab, ob Südafrika vollends zur Bananenrepublik verkommt oder den Weg zurück zum Verfassungsstaat findet.

Trotz der krassen Alternative gehen Auguren jedoch von einem überraschend knappen Rennen aus – was die Frage aufwirft, warum so viele nicht sehen, was auf dem Spiel steht. In den urbanen Zentren wird der Ernst der Lage sehr wohl erkannt. Wenn es nach den Delegierten aus Johannesburg, Kapstadt und Pretoria ginge, wäre Zuma längst schon abgesetzt – hier kann die Ex-Ehefrau des Amtsinhabers nicht einmal mit zehn Prozent der Stimmen rechnen.

Die Stadtbewohner wählen anders als die Dorfbewohner

Noch immer lebt allerdings die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung – und damit der ANC-Mitglieder – auf dem Land: in Provinzen wie Nordwest, Mpumalanga oder dem Freistaat, die Zuma in den vergangenen Jahren zu seinen Hochburgen zu befestigen wusste. Er machte dort seine Freunde zu Premierministern: Nun bewirkt die sogenannte Premier League, dass sich das System der Patronage, Vetternwirtschaft und Amtsbegünstigung bis auf die Dorfebene ausdehnt. Will man es als dunkelhäutiger Südafrikaner auf dem Land zu etwas bringen, muss man eine öffentliche Funktion als Stadtrat oder Staatsbeamter ergattern. Ansonsten bleibt nur eine Nicht-Karriere als Farmarbeiter, als Kassiererin im örtlichen Supermarkt oder der Wegzug. Doch für ein öffentliches Amt muss man nach der Pfeife der Premier League tanzen – auch wenn man von deren provinzfürstlichen Gebaren abgestoßen wird. Die urbanen, fortschrittlichen und intellektuellen Südafrikaner musste Zuma schon vor Jahren abschreiben: Weil seine Patronage-Politik der Wirtschaft schadete, verlor er auch die Unterstützung der Gewerkschaften und der mit dem ANC verschwisterten Kommunistischen Partei. Da Korruption und Vetternwirtschaft als politische Programm nicht taugen, mussten sich Zuma & Co. nach einer griffigen Ideologie umsehen. Dabei half ihnen die Londoner Public-Relations-Schmiede Bell Pottinger, die den Kampfbegriff vom „White Monopoly Capital“ prägte – der weißen Monopolkapitalisten, die den Aufstieg der ­neuen schwarzen Elite desavouierten. Dass es sich bei der indischstämmigen Gupta-Familie keineswegs um einst vernachlässigte Schwarze handelt, wurde als kleiner Schönheitsfehler abgetan. Die „weißen Monopolkapitalisten“ (WMC) eignen sich bestens als Sündenböcke für alle Versäumnisse der zehnjährigen Herrschaft Zumas: Ihnen kann man auch zuschreiben, dass es der großen Masse der schwarzen Bevölkerungsmehrheit noch immer nicht besser geht.

Die Abstimmung ist geheim

Auch ließ sich der parteiinterne Hauptkonkurrent, Cyril Ramaphosa, gut als WMC-Marionette diffamieren: Als er entgegen Nelson Mandelas Wunsch vom ANC nicht zu dessen Nachfolger gekürt wurde, setzte sich der ehemalige Gewerkschaftschef in die freie Wirtschaft ab, wo er als einer von wenigen schwarzen Südafrikanern reüssierte. Heute ist Ramaphosa einer der wohlhabendsten Bürger des Landes. Das hilft dem jovialen Schwergewicht unter der verarmten Bevölkerung allerdings nicht viel – genauso wenig wie die Tatsache, dass er dem Treiben Zumas als dessen Stellvertreter jahrelang wortlos zugeschaut hat. Dass er dabei nur strategisch klug auf seine Chance wartete, wird ihm von manchem Genossen eher als Charakterschwäche ausgelegt.

Dagegen scheint seine Kontrahentin Dlamini Zuma eine aufrechtere Person zu sein: Als Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union stemmte sie sich jahrelang dem Einfluss der „westlichen Neokolonialisten“ auf dem Kontinent entgegen. Solche Charakterstudien werden womöglich genauso wenig über den Ausgang der Wahl entscheiden wie das Wohl oder Wehe des Landes. Höchste Parteifunktionäre klagen bereits, dass einige „Comrades“ mit Taschen voller Bargeld auf dem Parteitag erschienen – um Stimmen kaufen zu können. Die Delegierten wurden zwar mit einem Mandat ihrer Ortsvereine nach Johannesburg gesandt, doch weil die Abstimmung geheim ist, können sie schließlich trotzdem nach eigenem Belieben entscheiden. So werden Mitglieder der ehrwürdigen Organisation Nelson Mandelas ihrem neuen Credo folgen können: Wer zahlt, gewinnt.

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