Erst zögerlich, jetzt entschlossen – das klare Ja der Stadträte von Vaihingen/Enz (Kreis Ludwigsburg) macht deutlich: Auf dem Klinikgelände geht ohne die Kommune nichts.
Es ist ein deutliches Signal: Der Gemeinderat von Vaihingen an der Enz hat sich am Mittwoch hinter Oberbürgermeister Uwe Skrzypek gestellt und einstimmig dafür votiert, sich das kommunale Vorkaufsrecht für das Gelände der ehemaligen Klinik zu sichern.
Damit endet die Phase des Zögerns. Noch im November hatte das Gremium die Entscheidung vertagt, weil noch Fragen offen waren. Nun aber ist klar: Vaihingen will selbst am Verhandlungstisch sitzen – und nicht nur zusehen, was auf dem Areal passiert.
1. Warum will sich die Stadt das Vorkaufsrecht sichern?
Eigentümerin des Klinikgeländes mit seinen zwei Hektar ist die Regionale Kliniken Holding (RKH) – sie schreibt dort rote Zahlen, jährlich sind es 1,5 Millionen Euro. Der Landkreis Ludwigsburg muss das Defizit tragen und ist ebenfalls stark an einem Verkauf interessiert. In diesem Jahr ist es jedoch zu einem Gerangel gekommen. Die Stadt Vaihingen sah sich übergangen, als Gespräche mit einem Privatinvestor bekannt wurden.
Der frühere Klinikstandort ist für Vaihingen weit mehr als ein Stück Erde. Er ist ein Filetstück der künftigen Stadtentwicklung – für Gesundheitsangebote wie der Dialysestation, soziale Einrichtungen oder neue Wohnformen der „kleinen Wege“ zwischen Altenwohnung und Arztpraxis. Die Stadt möchte verhindern, dass durch einen Grundstückskauf eines Investors Fakten geschaffen werden, die später nicht zu korrigieren sind.
Wichtig dabei: Die Stadt will das Vorkaufsrecht nicht um jeden Preis ziehen. Erst wenn die Zahlen stimmen und sich ein wirtschaftlich verantwortlicher Kauf abzeichnet, soll die Stadtbau GmbH übernehmen. Das Vorkaufsrecht ist also kein Automatismus, sondern ein Joker, den die Stadt zieht, wenn die Bedingungen passen – um selbst gestalten zu können, statt gestaltet zu werden.
2. Was bedeutet der aktuelle Beschluss?
Im November wirkten viele Ratsmitglieder zurückhaltend. Die Informationen wirkten nicht ganz überzeugend, die Dimension des Projekts erschien groß, und niemand wollte in Unsicherheit über einen Millionendeal entscheiden. Die Vertagung war deshalb ein Moment der Vorsicht.
Jetzt aber hat der Rat seinen Kurs geändert. Mit dem klaren Votum sendet er ein kräftiges politisches Signal: Vaihingen tritt aus dem Schatten heraus und übernimmt Verantwortung.
3. Wie ist die Verständigung mit der Kliniken-Holding und dem Landkreis?
Zwischenzeitlich war bekannt geworden, dass die Wohnbau Oberriexingen das Gelände der Kliniken Holding abkaufen will. Der Landkreis wollte mit dem Verkauf einen Teil des 45-Millionen-Euro-Lochs aus dem Klinikbetrieb stopfen. Doch das Rennen um das Gelände hat eine neue Richtung bekommen.
In einem Brief an OB Skrzypek – öffentlich in der Sitzung gezeigt – macht Landrat Dietmar Allgaier am 25. November deutlich: Die Stadt Vaihingen ist jetzt exklusiver Partner für die weiteren Gespräche. Allgaier schwört auf ein konstruktives Miteinander. Schließlich hätten Stadt und Landkreis gemeinsam das Wertgutachten in Auftrag gegeben, das im Januar erwartet wird. Die Entwicklung ist auch dahingehend bemerkenswert, da sich Landratsamt und Rathaus erst vor wenigen Monaten über ihre Social-Media-Kanäle eine kleine Schlammschlacht geliefert haben,
Außerdem räumt der Landrat mit Gerüchten auf: Nein, es gebe keine anderen Gesprächspartner, kein Meistbieterverfahren und auch keinen Kurs auf Gewinnmaximierung. Man wolle eine Lösung, die der Region dient – und dabei steht die Vaihinger Verwaltung als Verhandlungspartner nun an erster Stelle.
4. Wie verhalten sich die Ärzte im Vaisana-Haus?
Im Vaisana-Ärztehaus ging zuletzt ein Riss durch die Ärzteschaft und drückte die Stimmung: Fünf Internisten kündigten, was viele im Stadtgebiet alarmierte. Doch die Reaktion aus dem Haus fiel kämpferisch aus.
In der Ratssitzung sprach die Fachärztin Julia Schwarz-Kumpf Klartext. Die acht verbliebenen Mediziner seien fest entschlossen, den Standort zu halten – und bereits dabei, Nachfolger zu suchen. Die Zahlen unterstreichen die Bedeutung des Hauses: 125 Beschäftigte, darunter 58 medizinische Fachangestellte, 15 Mitarbeiter einer Apotheke und 26 Physiotherapeuten, sichern derzeit täglich die Versorgung.
Das soll auch so bleiben: „Wir wollen die medizinische Versorgung der Stadt aufrechterhalten“, sagte Schwarz-Kumpf. Sie erinnerte daran, wie viele Praxen Hausbesuche machen und wie wichtig diese persönliche, zugewandte Medizin für Vaihingen sei.
5. Wie geht es nun weiter?
In den kommenden Wochen beginnt die heiße Phase. Sobald das Wertgutachten im Januar vorliegt, gehen Stadt und Landkreis in konkrete Verhandlungen: Preis, Übergabe, Nutzungsperspektiven – alles kommt auf den Tisch. Parallel schreibt die Stadtverwaltung an einem städtebaulichen Konzept, das Gesundheit, Wohnen und soziale Angebote miteinander verknüpfen soll. Dazu will die Stadt einen passenden Investor suchen. OB Skrzypek kündigte an, sich um Nachmietverträge für die verbliebenen Ärzte zu kümmern.
Wenn die Bedingungen stimmen, kann die Stadt – voraussichtlich über die Stadtbau GmbH – den Kauf vollziehen. Als dessen neuen Geschäftsführer präsentierte Uwe Skrzypek Anselm Laube, einen der Chefs der Ludwigsburger Energieagentur. Nach dem Kauf, der bis Mitte 2026 über die Bühne gehen soll, wird sich viel um Planungsrecht, Fördermittel und konkrete Projekte drehen. Klar ist schon jetzt: Vaihingen hat sich entschieden, nicht nur zuzuschauen, sondern die Zukunft des Geländes in die eigene Hand zu nehmen.