Trotz guter Vorbereitung kann der Übergang in die Rente schief gehen, mit Frust für den Betroffenen und seine Familie. Was ein Neu-Rentner so erlebt – und was ein Experte rät.
Der Abschied vor zwei Jahren war schön gewesen, begleitet von Feierlichkeiten, letzten Begegnungen und netten Mails und Karten: „Sie sind ein großartiger Kollege“, schrieb da ein Vorgesetzter, ein anderer meinte, er könne sich den Betrieb ohne Maximilian Haase (Name geändert) gar nicht vorstellen. Haase war in der Medienbranche tätig und hatte nach mehr als drei Jahrzehnten im Unternehmen das Ausscheiden schon lange im Blick, er war gut vorbereitet und hatte Pläne.
Trotzdem, sagt er, der erste Tag als Ruheständler sei furchtbar gewesen. Er habe da noch einen kurzen Anruf von einem Duz-Kollegen erhalten, den er freudig entgegennahm, bis er hörte: „Max, du hast noch die Tasche vom Dienstlaptop. Kannst du am Empfang abgeben.“ Aus die Maus, Ende der Kommunikation, alle Verbindungen gekappt. Aber was hatte Haase sich auch vorgestellt, dass man sich verabschiedet und dennoch eng verbunden bleibt? In seinen vielen Dienstjahren hatte er selbst auch nie privat einen Ruheständler angerufen, irgendwann muss ja Schluss sein.
Die Corona-Jahre als Übung
Das berufliche Alleinsein hatte Haase bereits eingeübt in den Corona-Jahren mit der Arbeit im Homeoffice, aber das Wegbrechen der früher täglich 200 Dienstmails jetzt im Ruhestand, das machte ihm seltsamerweise zu schaffen, obwohl er gewusst hatte, dass es passieren würde. „Früher hatte ich selbst im Urlaub täglich die Dienstmails gecheckt, aus reiner Neugierde. Plötzlich war da nichts mehr.“ Jetzt erschreckte ihn die Leere auf seinem privaten Mailkonto so sehr, dass er sich manchmal selbst eine Mail schickte, um zu prüfen, ob die Verbindung funktioniert.
Die ersten Monate als Rentner vergingen wie geplant: Eine lange To-do-Liste abarbeiten, aufgeschobene Haus- und Gartenarbeiten, kleine Renovierungen, Facharztbesuche, Reisen zu Verwandten, zu Ausstellungen, im Sommer spontane Radtouren, das Deutschlandticket weidlich nutzend, die Freiheit auch, die Langsamkeit entdeckend. Die Zeiten für die bisherigen Aktivitäten in der Freizeit habe er einfach verdoppelt, sagt Maximilian Haase: Zeitungen lesen, Bücher lesen, Schwimmbadbesuche, Fitnessstudio. Mit dem Konsum von gestreamten TV-Serien aus den USA oder Großbritannien habe er erst als Ruheständler angefangen – und der frisst Zeit.
Rentner: eine Maschine im Leerlauf
Ja, die Zeit. Sie sei manchmal nicht totzukriegen. Da bestehe eine gewisse Leere, wenn er nachmittags in der absoluten Ruhe im Wohnzimmer sitze, im Prinzip noch bestens informiert, am Puls von allgemein zugänglichen Nachrichten, aber dennoch abgeschnitten von seinem Arbeitsplatz, von Ideen, Themen, Impulsen, Witzen, Aufträgen, Arbeit: „Man ist wie eine Maschine, die sich noch dreht, aber im Leerlauf.“
Maximilian Haase lebt in einer Familie mit Berufstätigen und Studierenden. Wenn die abends erschöpft nach Hause kommen, will er nicht wie die Spinne im Netz auf sie zuschießen und mit seinen Storys vom Tage zutexten. Woraus bestehen die auch? „Die Nachbarn bestellen Öl! Im Garten habe ich einen Grünspecht! Beim Lidl gibt’s ein Schnäppchen! Das sind so die Geschichten, die ich als Rentner erlebe“, sagt Haase.
Eine Zeit lang hatte er probiert, so eine Art „Service-Unit“ für die Familie zu sein. Das biete sich an, dass einer, der den ganzen Tag zu Hause sitze, auch putzen könne, den Kühlschrank fülle, das gemeinsame Auto betanke, gelegentlich koche. Ausfüllend sei das aber nicht, sichtbar sei Hausarbeit auch nicht, habe er feststellen müssen. „Ich ertappte mich dabei, wie ich ständig Whatsapp an die anderen schickte: Was wollt ihr essen? Kann ich dich abholen! Wann kommst du heim?“ Irgendwann habe er herausgefunden, dass dies keine gute Idee sei. Die Erwartungshaltung in der Familie war da aber schon gestiegen. Einmal habe das jüngste Familienmitglied moniert, dass Bananen für sein Müsli fehlten: „Papa, was machst du eigentlich den ganzen Tag?“
Einen neuen Lebenssinn entdecken?
Im Terminkalender von Haase stehen heutzutage eine Goldene Konfirmation, Reifenwechsel, Autoinspektion, die Gelbe-Sack-Abfuhr, Arzttermine, das Jahrestreffen der ehemaligen Auszubildenden, zumeist Rentner, das sich über vier Tage erstreckt. Es existiert ein Stammtisch alter Fußballfreunde, für den er als Berufstätiger selten Zeit hatte, jetzt verpasst er keinen, zählt die Tage, bis es soweit ist. Gelegentlich spielt er mit Skatfreunden, da muss er den Tisch reservieren und manchmal warten, bis die anderen verspätet von der Arbeit kommen. „Du hast ja Zeit“, heißt es dann.
Die Rentner aus Haases Bekanntenkreis haben meist alle einen neuen Lebenssinn gefunden: der eine ist ständig auf Reisen und postet das auf Social Media, ein anderer kümmert sich um die Enkel, eine dritte hat ein sozial gutes Ehrenamt übernommen. Ein vierter sei erst seit kurzem Rentner, sagt Haase, auch der habe „sein Ding“ noch nicht gefunden, der stehe morgens auf, schalte den Fernseher ein und warte, bis seine Frau am Nachmittag heimkomme.
Maximilian Haase selbst hatte die Idee des Bücherschreibens – und die floppte gewaltig. Er hatte konkrete Themen für drei Bücher. „Irgendwann habe ich gemerkt, ich kann das gar nicht. Mit 66 werde ich kein Schriftsteller mehr.“ Monatelanges, vielleicht jahrelanges Arbeiten für ein einziges Projekt? Die Beharrlichkeit und Faszination für so etwas fehlten ihm einfach. Einen Plan B hatte Haase auch. „Mal was ganz anderes machen“, habe der gelautet, nicht das tun, was er sein ganzes Leben lang getan hatte. Vielleicht mal wallraffmäßig als Nachtportier arbeiten, als Deutschlehrer für Ausländer, als Taxifahrer? Haase schaltete eine Anzeige: „Rentner sucht Nebentätigkeit, freundlich, zuverlässig, Führerschein (kein Vertrieb)“. Das Echo war verhalten: Einmal wurde ihm eine Hausmeisterstelle angeboten, ein anderes mal das Ausfahren von Bio-Milch. Auch nicht sein Ding.
Ein Wochenende mit sieben Tagen
Herb Stumpf, der Rentenvorbereitungskurse anbietet und mit dem Buch „Wenn das Wochenende sieben Tage hat“ eine Art Klassiker zum Thema geschrieben hat, kann die Gefühlswelt im Fall Haase gut nachvollziehen. Nicht mehr im Berufsleben gebraucht zu werden, könne von den Betroffenen sogar als „Verletzung“ wahrgenommen werden. Aus dem „Tun und Schaffen“ ein Leben lang habe man innere Befriedigung geschöpft, Anerkennung, Status, häufig Macht verbunden mit Prestige, man habe Begegnungen gehabt und Beziehungen mit Menschen in allen Ausprägungen, kurzum: Kommunikation. „Fällt das weg, fallen manche in ein tiefes Loch.“ Das könne ein Gefühl von Wertlosigkeit, lähmender Enttäuschung und Depressionen zur Folge haben.
Umso wichtiger sei die gute Vorbereitung auf den Ruhestand, beispielsweise in Seminaren. Da gehe es darum, einen neuen Platz und eine neue Rolle zu finden. „Die Freiheit und Selbstbestimmung muss gelernt werden.“ Mancher übernimmt ein Ehrenamt, baut sein Hobby aus, engagiert sich politisch – oder setze den Beruf einfach fort. Als Arzt, Anwalt, Lehrer oder Künstler sei das einfacher als für jemand, der sein Leben lang „Maloche“ geleistet habe, als Bauarbeiter oder Krankenschwester, und körperlich nun erschöpft sei.
Fixe Pläne werden zur Makulatur
Einer seiner Kursbesucher – ein Arbeiter – habe begonnen, Philosophie zu studieren, dann verlegte er sich auf die Malerei. „Mit dem Ruhestand beginnt eine Phase der Neuorientierung, durch ein Tasten und Tappen, durch Verunsicherungen und Ausprobieren.“ Einen fixen Plan zu haben sei gut, aber der könne rasch zur Makulatur werden. „Manche haben genaue Vorstellungen, und wenn sie dann in Rente gehen, entsteht plötzlich eine neue Situation.“ Ein Mann hatte schon ein Wohnmobil gekauft für sich und seine Frau, als die Partnerin plötzlich schwer erkrankte. Andere siedeln um in den sonnigen Süden für ein neues Leben und kommen nach ein paar Jahren – „wenn sie gesundheitlich schwächeln“, so Stumpf – nach Deutschland zurück.
Das Gefühl, gebraucht zu werden
Wenn die konkreten Pläne eines Neu-Rentners scheitern, rät Herb Stumpf dazu, die Reset-Taste zu drücken. „Einfach mal vier Wochen Urlaub machen, das geht auch als Rentner. Abstand gewinnen, vielleicht mal einen Aufenthalt in einem Kloster buchen. Sich neu besinnen, neue Pläne entwerfen.“ Aber es kann dauern bis zum Glück. Einer seiner Kunden, berichtet Stumpf, sei früher Investmentbanker gewesen, ein Abteilungsleiter, der noch Jahre nach dem Rentenbeginn seinem alten Job nachgetrauert habe. Erst als er eine ähnliche Tätigkeit – die Organisation einer Tafel – übernommen habe, war das vorbei: „Der hat jetzt wieder Spaß und das Gefühl, ich werde gebraucht.“
Auch Rentner Haase berichtet von Glücksmomenten, da ein gelungenes Dinner, dort schöne Momente auf Reisen, gute private Erlebnisse. Richtig gute Laune aber habe er, wenn er – was er sporadisch tue – einen freien Auftrag für seinen alten Arbeitgeber erledige und das Ergebnis nach seinen Maßstäben zufriedenstellend ist. Manchmal frage er sich, ob dies nun das Lebenselixier sei, dass man – wie es Elke Heidenreich auch in ihrem Bestseller „Altern“ vorschlägt – bis zum letzten Schnauferl arbeiten müsse. Und nehme man nicht jungen Leuten durch Weiterarbeiten den Job weg? Haase sagt, dass er allmählich diese Entschleunigung, mehr Zeit zu haben für Dinge, doch zu genießen beginne. Das Neuentdecken und Ausprobieren, wie Stumpf es formuliert, ein Mix von verschiedensten, erfüllenden Tätigkeiten, gefalle ihm zunehmend.