Kolumnist KNITZ über fantastische Hirngespinste – und warum man es nicht immer dabei belassen sollte.
Frühmorgens, wenn der Wind günstig steht, wird KNITZ nicht selten von einem fernen Wiehern geweckt. KNITZ trabt dann in die Küche, um sich einen Cappuccino zu machen. Er murmelt dabei Sätze wie „Baby, ich bin dann mal auf dem Gestüt“ oder „Schatz, ich reite zur Westweide, um den Zaun zu reparieren“ vor sich hin. Während er die Milch aufschäumt, sieht er sich in Gedanken davonreiten, wie weiland seine Helden von der Ponderosa.
Falls Sie jetzt denken, KNITZ wäre auf dem besten Weg, seinen Drahtesel gegen einen Gaul einzutauschen – weit gefehlt. Das letzte Mal, dass er auf einem Pferd saß, war im Grundschulalter. Das Pferd war aus Holz und fuhr, dicht gefolgt von einem Feuerwehrauto und einem Schwan, im Kreis.
Wie an der Copacabana – nur mit Fachwerkkulisse
Am Montag früh kam KNITZ auf dem Weg in die Redaktion an einem großen Sandkasten vorbei. Die Klappliegestühle, die hier tags zuvor noch standen, waren weggeräumt. Männer mit schwerem Gerät und Schaufeln standen bereit, um den Sand abzutragen. Am Abend war der Strand weg.
The Beach, wie man heutzutage sagt, hatte seine Schuldigkeit getan. Einige Wochen lang konnten sich buddelnde Kinder und Cocktail trinkende Erwachsene hier wie an der Copacabana fühlen. So es ihnen gelang, die Fachwerkkulisse auf dem historischen Marktplatz für einige Augenblicke auszublenden.
KNITZ mag es, sich in solchen Fantasiewelten zu bewegen. Den Sandkasten hat er dennoch nicht betreten. Er schätzt zwar den Schlager „Ich hab’ noch Sand in den Schuhen aus Hawaii“, aber nicht das Gefühl von Steinchen zwischen den Zehen.
Bei einer Veranstaltung auf dem Stuttgarter Weindorf war neulich die Bergsteigerin und Künstlerin Heidi Sand zu Gast. Frau Sand ist das, was KNITZ als Mutmacherin bezeichnen würde. Ein Lebensmotto von Heidi Sand, die 18 Monate nach einer Krebsdiagnose den höchsten Berg der Welt bezwang, lautet: „Jeder sollte seinen Everest bezwingen.“ Wenig poetisch ausgedrückt, soll das heißen: Jeder soll sich eine große Sache vornehmen – und nicht nur drüber reden, sondern sie auch in Angriff nehmen.
In der Muckibude erklimmt jeder seinen Everest
Eine ähnliche Lebenseinstellung vertritt der in Stuttgart geborene Extremsportler Jonas Deichmann, der unlängst einen irren Weltrekord aufgestellte: Er absolvierte an 120 Tagen am Stück einen Ironman. Das heißt: täglich 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer radeln und zum Schluss einen Marathon (42,195 Kilometer) laufen. „Das Schwerste“, sagt Deichmann, „ist, an die Ziellinie zu kommen.“ Auch er rät den Menschen bei seinen Motivationsvorträgen: Nicht nur von großen Unternehmungen träumen, sondern sie anpacken.
Wenn KNITZ manchmal in die Muckibude geht, dann trifft er dort auf ganz unterschiedliche Menschen: auf Wohlgebaute, Gebrechliche, Übergewichtige. Aber ganz gleich, wie konditionsstark sich einer am Laufband erweist oder wie viele Gewichte jemand stemmt: Im Grunde, denkt KNITZ, sind das alles Siegerinnen und Sieger. Jeder ist dabei, seinen Everest zu erklimmen.
Mal schauen, welches Ziel KNITZ sich noch setzt. Auf einem Pferd jedenfalls wird er nie in die Redaktion reiten. Er hat eine Pferdedeckenallergie. Aber vielleicht wird er mal einen Cowboyhut tragen.