In vielen Stadtteilen ist die Nahversorgung gefährdet. Aber nicht nur das. Das Beispiel Rohrer Höhe zeigt: Wenn der dortige Lebensmittelmarkt schließt, droht die komplette Verödung des Quartiers.

Stuttgart - Die Rohrer Höhe ist für die dort lebenden Bürger einzigartig. Und doch gibt es viele Gemeinsamkeiten mit anderen Vierteln in der Stadt. Auch der Dachswald ist abgelegen – und doch nah in die Stadt. Auch Rotenberg hat viel Grün und doch urbanen Charakter. Gleichzeitig haben aber diese Quartiere auch ein großes Problem: die Nahversorgung ist gefährdet.

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Auf der Rohrer Höhe gibt es vermutlich bald keinen Lebensmittelmarkt mehr. Genau genommen, dürfte es den dortigen Bonus-Markt schon nicht mehr geben. Nur dank der Spende von monatlich 500 Euro durch die Grötzinger-Stiftung des Ehepaars Ursula und Heinz Grötzinger über 1,5 Jahre existiert der Markt noch. „Das hat den Laden vor der drohenden Schließung gerettet“, sagt Bonus-Geschäftsführer Manfred Kaul.

Für die Kunden ist das alles unverständlich. Einerseits sind sie froh, dass es ihren Laden noch gibt. Andererseits fühlen sie sich im Stich gelassen. Von Bonus. Von der Stadt. Von den Politikern. „Kann die Stadt Bonus nicht unterstützen“, fragt eine ältere Dame Vertriebsleiter Hans-Jürgen Beier, „die Stadt unterstützt doch alles und jeden. Manchmal habe ich den Eindruck, denen sind Flüchtlinge wichtiger als wir alten Menschen.“

Bonus ist an vielen Standorten der letzte Supermarkt

Hans-Jürgen Beier zuckt mit den Schultern. Peinlich berührt antwortet er: „Nahversorgung ist eigentlich nicht das erste Thema von Bonus.“ Priorität haben Qualifizierungsmaßnahmen, Aus- und Weiterbildung, um Arbeitslose wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen. Doch seit der Instrumentenreform in der Arbeitsmarktreform funktioniert dieser Doppelpass zwischen Förderung und Nahversorgung nicht mehr. Ohne die Zuschüsse des Jobcenters schreiben viele Bonus-Märkte rote Zahlen. Die Folge: In der Region Stuttgart haben bereits Märkte geschlossen, einige stehen auf der Kippe. Vertriebsleiter Hans-Jürgen Beier ahnt: „Bonus-Märkte wird es wohl bald nicht mehr geben.“

Damit verschärft sich in vielen Stadtteilen die Situation. Denn Bonus ist an vielen Standorten der letzte Strohhalm. Unter realen Marktbedingungen arbeiten die Großen wie Rewe oder Edeka schon lange nicht mehr in diesen Quartieren. Selbst die subventionierten CAP-Märkte, in denen behinderte und nichtbehinderte Menschen gemeinsam arbeiten, meiden Standorte wie die Rohrer Höhe. Begründung: höchst unrentabel. Hans-Jürgen Beier bringt es auf den Punkt: „Die gehen alle nicht dahin, wo es wehtut.“ Gemeint sind jene Viertel, wo kaum Umsatz gemacht wird und die Ladenflächen zu klein sind. Dort droht der Kahlschlag jener Nahversorgung, die zu Fuß in zumutbarer Entfernung liegt. Also in einem Umkreis von 600 Metern.

Für die auf der Rohrer Höhe ansässige Apothekerin Monika Kaufmann wäre die Schließung von Bonus eine „Katastrophe“. Sie skizziert die möglichen Auswirkungen in tristen Farben: „Wenn Bonus geht, dann gehe ich auch. Und wenn ich gehe, dann geht der Arzt. Dann ist hier tote Hose.“

Ein Szenario, das jeden Kommunalpolitiker aufschrecken dürfte. Es geht letztlich um viel mehr als nur die Nahversorgung. Befürchtet wird ein Dammbruch, in dessen Folge der Dienstleistungssektor eines Stadtteils ausbluten könnte. Denn am Ende so einer Kette stünden vermutlich zahlreiche verödete Stadtteile. Ein Zustand, der den originären Pflichten des Staates entgegensteht. Zu diesen Pflichten einer Kommune gehört die Daseinsversorgung. Also nicht nur die Versorgung der Bürger mit einem Verkehrs- und Beförderungswesen, Gas-, Wasser-, und Elektrizitätsversorgung, Müllabfuhr sowie vielem mehr. Eben auch der Nahversorgung.

Kunden wollen keine mobile Lösung

In der Vergangenheit hat die Stadt diese Problematik kaum beachtet. Erst vor wenigen Wochen durfte das Amt für Stadtplanung die Firma Cima, die sich auf Stadt- und Regionalentwicklung und auf Marketing im öffentlichen Sektor spezialisiert hat, mit einer Studie beauftragen: Geklärt werden soll, in welchen Stadtteilen die Not am größten ist. Und wie man dort am besten helfen kann. Zur Debatte stehen folgende Handlungskonzepte: die Ausweitung und Qualifizierung des Wochenmarkt-Angebots, eine mobile Lebensmittelversorgung oder Ortsbus-Angebote.

Doch auf der Rohrer Höhe sind die Menschen skeptisch. Sie meinen, das Ergebnis stehe bereits fest. „Die wollen uns doch nur mit so einem mobilen Einkaufswagen abspeisen“, sagt ein Bonus-Kunde.

Dieser Vermutung widerspricht Ines Aufrecht. Die Leiterin der Wirtschaftsförderung: „Es ist noch nichts entschieden. Es werden alle Möglichkeiten geprüft.“ Nur eine Variante schließt sie aus: „Eine Bestellung von Lebensmitteln übers Internet kommt für viele ältere Menschen nicht infrage. So ein mobiler Lieferdienst müsste also auch übers Telefon funktionieren.“

Was diese Art der Nahversorgung jedoch nicht berücksichtigt, ist die soziale Komponente. Verlieren Menschen ihre gesellschaftlichen Kontakte, droht eine Vereinsamung. Am Ende sogar der Verlust der Unabhängig- und Selbstständigkeit. „Ich komme manchmal nur wegen eines Päckchens Zucker in den Markt“, sagt eine Rentnerin aus Rohr, „nur um ein bisschen raus zu kommen und Menschen zu treffen.“ Stichwort Treffen: Am 27. Mai trifft sich die Arbeitsgruppe „Nahversorgung“ erstmals, um die Lage zu sondieren. Dabei sind neben der Cima die städtische Wirtschaftsförderung, das Stadtplanungsamt, die IHK Region Stuttgart, der Handelsverband, der Handels- und Gewerbeverein, Vertreter von Sozialunternehmen und der Stadtverwaltung. Erste Ergebnisse der Studie will die Cima dem Gemeinderat im September vorlegen.

Auf der Rohrer Höhe blicken die Bürger gespannt auf diesen Termin. Sie hoffen, dass die Studie auch Handlungskonzepte zur Rettung ihres Bonus-Markts erbringen.

Diskutieren Sie mit!

Über den Verlust oder die Gefährdung von Nahversorgungsstrukturen wird am Montag, 2. Juni, 19 Uhr, im Eventcenter der Sparda-Welt, am Hauptbahnhof 3, diskutiert.

Teilnehmer sind Finanzbürgermeister Michael Föll, Bonus-Markt-Chef Manfred Kaul, Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht und die Handeslverband-Geschäftsführerin Sabine Hagmann.

Anmeldung unter 01379 884211 (legion, 0,50 EUR/Anruf aus dem dt. Festnetz, Mobilfunk ggf. abweichend).

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