Weltweihnachtscircus Nach dem Kuss juckt die Wange

Von Michael Deufel 

Vasily Timchenko besucht seine Schützlinge an ihrem Basin hinter der Manege. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Vasily Timchenko besucht seine Schützlinge an ihrem Basin hinter der Manege. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Wildtierverbot für Circusse überrascht die Akteure in der Manege. Sie pflegen ein inniges Verhältnis zu ihren Tieren und sind überzeugt davon, dass es den Tieren gut geht. Bestes Beispiel: Der Artist Vasily Timchenko, der mit Seelöwen auftritt.

Stuttgart - Tim hat abgenommen. „Er wiegt noch etwa eine Tonne“, sagt sein Herrchen Vasily Timchenko. „Normalerweise bringt Tim 200 Kilogramm mehr auf die Waage.“ Abgenommen, so, so. Eine Tonne reicht locker aus, um mit einem kurzen Zucken der Schwanzflosse eine ordentliche Wasserfontäne über den Rand des Bassins schwappen zu lassen – und die Besucher von Kopf bis Fuß nass zu spritzen. Tim frisst wegen der in seiner Wahrnehmung milden Witterung etwas weniger, berichtet Vasily Timchenko. Die Gleichung des Stoffwechselverhaltens von Tim lautet: Ist es kalt, benötigt der Seelöwe viel Energie und langt ordentlich zu. Ist es warm, genügt auch mal eine halbe Portion, ohne selbst zu einer halben Portion zu werden. Die Körperfunktionen bleiben dann mit geringerer Nahrungszufuhr in Takt. Tim ist Seelöwe, seine Vorfahren stammen aus kalten Gewässern der nördlichen Hemisphäre. Seine Art ist also Kälteres gewöhnt als den laschen Stuttgarter Winter 2016/2017.

Zurzeit wohnt Tim als einer der Stars des Weltweihnachtscircus auf dem Cannstatter Wasen. Bis zu dreimal am Tag treibt er zusammen mit seinen Artgenossen preisgekrönten Schabernack in der Manege. Tim ist trotz selbst auferlegter Diät mit Abstand der Koloss des Quintetts. Nika, Oskar, Lisa und Prinz wirken neben ihm wie Hänflinge. Die Show von Seelöwentrainer Vasily Timchenko und seinen Tieren zieht unter anderem daraus ihren Reiz. Die Zirkusbesucher sind stets begeistert. Eine Besucherin, die eben noch ihre Skepsis gegenüber Tiernummern formuliert hat, findet, „dass es Freundschaft ausstrahlt wie Mensch und Tier hier miteinander umgehen“.

Pflege hinter den Kulissen groß geschrieben

Freundschaft, gute Laune. Kann das alles nur Show sein? Wer Vasily Timchenko und seine Seelöwen hinter den Kulissen erlebt, hat nicht den Eindruck. Die Tiere wirken auch im Bassin in dem schmucklosen Zelt ausgelassen statt gequält. Der Besuch dort offenbart das ganze Dilemma der Debatte um die Ächtung von Zirkussen mit exotischen Tieren.

Vasily Timchenko, der erstmals in Mitteleuropa auftritt, hat davon gehört, auch davon, dass Stuttgart, wie kürzlich vom Wirtschaftsausschuss des Gemeinderats beschlossen, ab April 2019 solchen Zirkussen den Zugang zum Wasen verwehren will. Verstehen kann er es nicht, zumal keiner der Stadträte, die das Verbot wollen, die Verhältnisse hinter der Manege inspiziert hätte. Arnulf Woock, der Sprecher des Veranstalters Music Circus, bestätigt: Seines Wissens nach sei keiner der Wildtiergegner vor der Abstimmung einmal hier gewesen.

Vasily Timchenko ist davon überzeugt, dass „die Bedingungen für die Tiere bei uns gar nicht so schlecht sind“. Beleg Nummer eins aus seiner Sicht: „In freier Wildbahn werden die Männchen kaum älter als 15 Jahre, bei uns ungefähr 30 Jahre.“ Beleg Nummer zwei: „Die Tiere müssen nicht, wenn sie nicht wollen.“ Beispiel gefällig? Nika und Oskar watscheln während der Premierenshow Anfang Dezember unvermittelt Richtung Manegenausgang. Kein Fisch kann sie zum Weitermachen bewegen, also bringt Vasily Timchenko seine Nummer ohne die beiden zu Ende. „So etwas kann immer vorkommen, für Nika und Oskar war einfach der lange Weg in die Manege ungewohnt.“

Eine ganze Dynastie trainierte Seelöwen

Natürlich weiß der Tiertrainer, dass Reisen und wechselnde Umgebungen für seine Seelöwen Stress bedeutet. Diesen wolle er so gering wie möglich halten, dafür hätten die Tiere dann in der Manege ihren Spaß, indem sie gefordert würden. Eine Haltung, die Tierrechtler vermutlich wütend macht. Seelöwe bleibt Seelöwe bleibt Raubtier – ab mit ihm in den Ozean.

Vasily Timchenko lobt das Engagement von Tierschützern und Tierrechtlern, doch sie möchten sich doch bitte auf die wirklichen Probleme konzentrieren, etwa die Überfischung der Ozeane, die auch Seelöwen die Nahrungsgrundlage entzieht. Er selbst, sagt er, unterstütze ein Seelöwen­forschungsprojekt auf der russischen Insel Sachalin.

Wer die Tierschutzdiskussion ohne Schaum vor dem Mund führt und dazu von Vasily Timchenko aus dessen Biografie erfährt, der kann durchaus ins Grübeln kommen. Timchenko, am 8. Juli 1986 in Moskau geboren, entstammt einer Zirkusdynastie. Seine Eltern haben 40 Jahre lang Seelöwen dressiert. Vasily war zeitlebens auf Reisen. Dann, im Alter von vier Jahren der Schock. Nach einer Fischmahlzeit beginnt der Junge zu würgen, er erstickt beinahe, muss wiederbelebt werden. Es stellt sich heraus: Vasily Timchenko leidet an einer Fischallergie. Nicht nur der Verdauungstrakt rebelliert gegen die Kiementiere, auch seine Haut reagiert bei Berührung mit Ausschlägen und heftigem Juckreiz. Seinen Eltern irgendwann als Seelöwentrainer in die Manege zu folgen kann er sich abschminken, denn den Seelöwen wird vor allem Fisch gefüttert. Doch es kommt anders.

Eng verbunden mit den Tieren

2005 gebiert eine Seelöwenkuh aus der Sippe seiner Eltern ein Junges – Tim. Im Lauf der Jahre entwickelt sich zwischen Mensch und Tier eine „tiefe Freundschaft“. Vasily Timchenko spricht sogar von gegenseitiger Liebe. Tim spielt lieber mit ihm, als sich dressieren zu lassen, Vasilys Vater sagt deshalb: „Versuch du es mal mit ihm.“ Vasily beginnt, mit Tim zu arbeiten, und es funktioniert. Vasily verliert seine Scheu, lernt seine Krankheit einzuschätzen „Tim hat mir geholfen, mit meiner Krankheit zu leben“, sagt er – Tierdressur als Therapie.

Heute stehen beide trotz Allergie gemeinsam in der Manege, seine Eltern haben sich aufs Organisieren verlegt. Vasilys Haut bekommt immer einen roten Fleck und beginnt zu jucken, wenn ihn Tim auf die Wange küsst. „Eher ertrage ich die Schmerzen, als auf den Kontakt und die Arbeit mit den Seelöwen zu verzichten“, sagt Timchenko. Er wird seine Tiere irgendwann wieder mit mehr als derzeit 200 Kilogramm Fisch am Tag füttern – dann, wenn sich die Seelöwen einen Winterspeck anfressen müssen.

Noch bis einschließlich Sonntag, 8. Januar, gibt der Weltweihnachtscircus auf dem Cannstatter Wasen täglich bis zu drei Vorstellungen. Es gibt noch Eintrittskarten in fast allen Kategorien (ab 25,90 Euro), erhältlich jeden Tag zwischen 9 und 20 Uhr an der Zirkuskasse auf dem Wasen. Reservierungen sind unter der Telefonnummer 07 11 / 6 74 47 70 möglich.

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