Cornelie Jäger Foto:  

Seit Jahren hört man nichts als Superlative und Lobeshymnen, wenn es um den Weltweihnachtscircus auf dem Cannstatter Wasen geht. Jetzt sorgt die Elefantennummer für Kritik. Wir sprachen mit Gästen der Premiere, die in Orkanstärke bejubelt worden ist.

STUTTGART – Seinem Mops Eddy gönnt Magie-Weltmeister Topas alias Thomas Fröschle den Ruhestand. Einst ist Stuttgarts bekanntester Zauberer quer durch Europa mit seinem lustigen Hund aufgetreten und belohnte ihn dafür tubenweise mit Leberwurst.

Irgendwann aber erkannte Topas: „Flüge in einer Kiste tun Eddy nicht gut.“ Also beschloss er mit Roxanne, seiner Bühnen- und Lebenspartnerin, künftig nur noch „tierlos“ vor das Publikum zu treten.

Bei der Premiere des 23. Weltweihnachtscircus sitzen Topas und Roxanne in der Loge D. Der Erlös dieser Vorstellung geht an die Olgäle-Stiftung für das kranke Kind (mit 40 000 Euro wird gerechnet). Wie die 2300 Besucher staunen und jubeln die Zauberkünstler, zittern mit und fallen vor Lachen fast vom Klappstuhl. Für beide ist es „der beste Zirkus der Welt“.

Die Elefantennummer, an der Tierschützer Kritik üben, sorgt bei dem Magie-Weltmeister für „zwiespältige Gefühle“. Vor der artistischen Qualität der Elefantendompteursfamilie Casselly, die 2012 beim Zirkusfestival Monte Carlo ausgezeichnet wurde, ist Topas begeistert. Die Menschen vollführen auf dem Rücken der Dickhäuter atemberaubende Kunststücke. „Dieses extrem hohe Niveau“, sagt Topas, „lässt mich hoffen, dass die Cassellys gut zu ihren Elefanten sind.“ Als Tierfreund dürfe man nicht außer acht lassen, „dass es vielen Nutztieren schlechter geht als den vier Elefanten in diesem Zirkus“. Sein Fazit: „Ich sage eher Nein zu Wildtieren in der Manege.“

Tierschutzbeauftragte gegen Elefanten im Zirkus

Ein klares Nein kommt von Cornelie Jäger (Grüne), der Tierschutzbeauftragten des Landes. Gegen Dompteure habe sie nichts, sagt sie unserer Zeitung, aber Tiere wie Elefanten, Giraffen, Großbären oder Nashör­ner könne man im reisenden Zirkus nicht art­gerecht halten. Probleme seien der Transport und der Aufenthalt mit oft ungenügenden Temperaturen. Sie bleibt der Premiere fern und berichtet von einem Zirkusbesuch ihres Vaters: „Er hat Papageien gesehen und war fasziniert.“ Auch Papageien sind nicht domestiziert – also auch Wildtiere. Um ein generelles Wildtierverbot in Zirkussen geht es ihr nicht: „Das würde wahrscheinlich auch dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz widersprechen und ginge über die Bundesratsinitiativen hinaus.“ Der Bundesrat hatte ein Verbot bestimmter Wildtiere vorgeschlagen – doch die CDU in der Bundesregierung wollte dem nicht folgen.

Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen, vom ZDF in Auftrag gegeben, finden es zwei Drittel der Deutschen nicht gut, wenn Wildtiere wie Elefanten und Co. im Zirkus gehalten werden. Nur 15 Prozent sind für deren Auftritt in der Manege. In Holland, wo Impresario Henk van der Meyden herkommt, gilt ein Zirkusverbot für Elefanten. Seit 22 Jahren bringt er die besten Artisten an Weihnachten auf den Wasen. Cornelie Jäger fordert ein Umdenken auch für Stuttgart – ein klarer Hinweis an ihren Parteifreund, an OB Fritz Kuhn.

„Bei uns werden nur Tiernummern ausgewählt, wenn die Tiere artgerecht gehalten und gepflegt werden“, sagt Zirkussprecher Arnulf Woock. Elefanten im Zirkus – ja oder nein? Wilhelma-Chef Thomas Kölpin, der mit seiner Familie die Premiere besucht, will weder „mit einem prinzipiellen Ja“ noch mit einem „prinzipiellen Nein“ antworten. In kleineren Zirkusbetrieben seien Wildtiere oft ein Problem. Beim Weltweihnachtscircus habe ein Wilhelma-Tierarzt die Elefanten untersucht: „Da war alles in Ordnung.“

400.000 Euro für die Olgäle-Stiftung

Nach dreieinhalb Stunden voller Jubel lädt van der Meyden prominente Gäste (darunter Entertainer Roland Baisch, der frühere OB Wolfgang Schuster) zur Premierenparty ins Café des Zelts. Die Stimmung ist familiär. Seit der Holländer mit Stefanie Schuster, der Frau des früheren OB, das Olga-Hospital besuchte, überweist er jedes Jahr den Erlös der Premiere an die Olgäle-Stiftung – bisher kamen 400.000 Euro zusammen. „Bei diesem Zirkus sieht man Nummern, die man sonst nie sieht“, jubelt Unternehmer Hans Peter Stihl. „Es war fantastisch“, schwärmt Ringer-Weltmeister Frank Stäbler. „Tatort“-Kommissar Richy Müller ist aus seinem Wohnort am Chiemsee angereist, weil er keinen Zirkus kennt, der ihn so sehr begeistert wie dieser. Er ist auch Fan seines neuen „Tatort“-Kollegen Harald Schmidt: Der sei gelernter Schauspieler, weshalb er ihm zutraue, eine Rolle gut zu spielen, „die weg von seinem Image geht“.

Clown Bello Nock lässt es zu, dass bei der Party einige Damen sein steil aufgerichtetes Haar berühren. Wie viele Spraydosen er dafür brauche? Bellos Antwort: „Gar keine – ich schmier’ Viagra ins Haar.“

Gefeiert wird eine absolut sehenswerte Show. Gerade weil dieser Extraklasse-Zirkus so viele einzigartige Akrobaten und Clowns präsentiert, könnte man getrost auf Elefanten verzichten. Die Dickhäuter halten etliche Tierschützer, von denen es immer mehr gibt, von einem Zirkusbesuch ab. Hinter vorgehaltener Hand heißt es bei den Zirkusmachern freilich: Im nächsten Jahr werde man keine Wildtiere mehr ins Programm nehmen. Tusch!

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