Ein Zirkusleben strengt an: Scout ist müde und muss ins Bett Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Zirkuszelt ist nicht nur in der Manege mit Artisten und Tieren gut gefüllt. 2300 Besucher sehen beim Auftakt am Freitagabend spektakuläre Vorführungen und rührende Momente.

Stuttgart - Alle waren sie da, Clowns, Artisten, Dompteure und ihre Tiere, doch einer fehlte: Confèrencier Peter Goesmann. Im Sommer war „die gute Seele des Weltweihnachtscircus“ gestorben. Stets hatte er die Nummern angesagt, wer dem Nachruf zum Auftakt des Programms lauschte, wusste: Er ist nicht zu ersetzen. So übernehmen die Artisten nun seinen Part und kündigen sich gegenseitig an. Und noch etwas anderes vermisste man: Fliegende Motorräder. Eigentlich war die Nummer angekündigt worden, doch hatte der Circus sie kurzfristig gestrichen: Die vielen Abgase wären für das Publikum „nicht zumutbar“ gewesen, erklärt Produzent Henk van der Meijden. Motoren hin oder her, das Programm hat auch so viele Knalleffekte.

Es scheint, als wäre in diesem Jahr das Motto „Je voller die Manege, desto besser“. Bei Catwall wird zu sechst auf dem Trampolin gehüpft, acht Artisten turnen am Russischen Barren, Géraldine Knie lässt gleich zwölf Huftiere durch die Manege galoppieren und Elena Drogaleva jongliert mit 18 Keulen. Zahlenmäßig übertrifft aber niemand die Ikarischen Spiele des chinesischen Staatszirkus Tianjin. Sechzehn Artisten sind an der Nummer beteiligt und sehen aus wie Gladiatoren aus dem antiken römischen Kolosseum, bereit zum Kampf. Kämpfen müssen sie aber höchstens mit ihrer Konzentration. Vier Meter hoch stapeln sie ihre menschliche Pyramide. Die Beine der Artisten wackeln, das Publikum hält den Atem an – der Turm hält.

Für ihre Muskelkraft müssen die Artisten überhaupt jede Menge Spinat gegessen haben. Das Duo A&A lässt bei langsamen Bewegungen und freiem Oberkörper seine Muskeln spielen. Ein Artist vom Concerto Black&White Fantasy spielt im Handstand auf einer Art Orgel die Melodie von Bruder Jakob. Ohne genügend Kraft in den Armen würde das sicherlich nicht gelingen.

Apropos gelingen: wenn ein Salto erst beim zweiten Versuch klappt, ist das im Zirkus keine Katastrophe. Im Gegenteil, das Publikum freut's dann umso mehr. Bei den Spiegeltrapezen des Nationalzirkus von Pjöngjang gelingt der Vierfachsalto auch erst beim zweiten Anlauf. Besser nichts schiefgehen sollte dagegen bei Anastasia Makeeva. Ohne Netz und Sicherung fliegt sie an einer Schlinge durch die Luft und präsentiert bei ihrem „Luft-Tango“ einen Spagat in schwindelerregender Höhe.

Bei so viel Nervenkitzel ist es gut, dass Regisseur Patrick Rosseel zwischen all den Action-Nummern auch Momente fürs Herz eingebaut hat. Zum Beispiel wenn die vierjährige Chanel-Marie Knie auf einem weißen Vollblut-Araber in die Manege reitet. Geführt von Papa Maycol Errani und unter Konfettiregen. Ein Anblick, der dem Publikum ein kollektives Seufzen entlockt. Feuchte Augen bekommen die Zuschauer in der ersten Reihe auch bei Fumagalli. Fumagalli als Biene ist ein Klassiker der Clownerie. Anstelle von Honig sammelt er aber Wasser in seinem Mund. Seine Ladung entlädt er am liebsten in Form von Sprühfontänen. Ein Regenschirm wäre das Accessoire des Abends gewesen. Doch nicht nur Clowns können lustig sein. In der Welt der Magie geht es auch recht witzig zu. Bei Scott und Muriel fällt zwar der Sägekasten auseinander, die schöne Assistentin verschwindet aber trotzdem.

Bleiben die Tiere: Pferde, Zebras, Hunde und Seelöwen. Die Zebras mögen Symmetrie und ordnen sich zwischen Schimmel und Rappen ein. Die Seelöwen von Petra und Roland Duss tanzen und balancieren souverän Bälle. Rosi Hochegger bringt nicht nur ein Pferd zum Schlafen, sondern auch Hunde zum Turnen. Wenn sich dann das schlafende Pferd Scout selbst zudeckt, applaudieren nicht nur die Seelöwen, sondern das ganze Zirkuszelt.

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