Vier von elf teuflisch guten Akrobatinnen aus China – sie zeigen im Weltweihnachtscircus atemberaubende Tricks mit dem Diabolo Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Elf liebliche Chinesinnen zählen zu den Publikumslieblingen im diesjährigen Weltweihnachtscircus auf dem Cannstatter Wasen. Mit dem Diabolo beweisen sie unglaubliches Geschick, und das absolut synchron.

Stuttgart - Das Zirkusorchester spielt schon, der erste Applaus dringt nach draußen, auch die ersten ­„Aaaahs“ und „Oooohs“ – und Meng Si gähnt.

Eben hat die Show begonnen, im Vorzelt des Weltweihnachtscircus palavern ein paar Kartenabreißer. Kellnerinnen räumen Tische und Theken ab. Sollte Meng Si (25) nicht aufgeregt sein, denn die hübsche Chinesin ist gleich selber in der Manege gefordert? In einer knappen Stunde, noch vor der Pause, wird sie mit zehn Kolleginnen 2300 erwartungsvollen Zuschauern unglaubliche Tricks mit dem Diabolo präsentieren. Mit zwei ihrer Mitstreiterinnen und einer Übersetzerin sitzt sie entspannt zum Interview im Zirkusfoyer, gerade so als sei dies das Letzte, das sie vor dem Feierabend noch zu erledigen hat.

Das Kribbeln kommt beim Aufwärmen

Na hoffentlich kommen die drei Damen noch auf Touren. Ren Jun (27) und Zhou Siyu (20) machen nämlich auch nicht den Eindruck, als vollführten sie gleich artistische Höchstleistungen.

Musiker, Schauspieler, Fußballer – jeder, der vor Publikum agiert, sagt, ohne ein Kribbeln, ohne eine gesunde Nervosität funktioniere kein Auftritt. „Das Kribbeln kommt eine halbe Stunde vor dem Auftritt, wenn wir uns aufwärmen“, sagt Meng Si.

15 Jahre von der Idee bis zur Perfektion

Der Auftritt – bis zu drei am Tag während des Gastspiels des Weltweihnachtscircus – gehört zu den Höhepunkten eines Programms voller Höhepunkte. Was elf Mädchen mit dem Diabolo vollführen, ist kaum zu glauben. Wie sie mit den Schnüren die Doppelkegel absolut synchron jonglieren, zuweilen hin und her schleudern, dabei ihre Körper verbiegen und dennoch stets lächeln, ist atemberaubend. Irgendwann müssen sich die Schnüre doch mal verheddern. Tun sie dank täglichem Training aber nicht.

15 Jahre hat es von der ersten Idee bis zur perfekten Diabolo-Nummer, wie sie zurzeit auf dem Cannstatter Wasen zu sehen ist, gedauert. Die Feuertaufe war 2004 in China. „Auch danach wurden die einzelnen Elemente stetig weiterentwickelt und verbessert“, berichtet Zhou Siyu.

Die Zirkusschule ist wie eine zweite Familie

Als die Idee zur Diabolo-Nummer geboren wurde, waren die Mädchen der aktuellen Truppe noch Kinder. Denn wer es in China im Zirkus zu etwas bringen will, fängt schon im Kindesalter an, wird von Talentspähern entdeckt oder von der Familie zur Zirkusschule geschickt. Meng Si war elf Jahre alt, hat getanzt, vor allem latein-amerikanisch, als sich ihr Faible für Artistik entwickelt habe, erzählt sie. Ren Jun war sieben, als sie ernsthaft zu trainieren begann, und Zhou Siyu, so berichtet die Dritte im Bunde, habe die Zirkuskunst im Alter von acht für sich entdeckt. Alle stammen sie aus der chinesischen Provinz, teils über tausend Kilometer von Peking entfernt. „Natürlich vermisst man seine Familie“, sagt Meng Si. Aber die Zirkusschule in der Hauptstadt sei wie eine zweite Familie. „Wir sind wie Schwestern.“

Am wohlsten fühlten sie sich in der Manege, sagen alle drei, und: „Unsere Eltern sind sehr stolz auf das, was aus uns geworden ist.“ Man ahnt: In China Artist zu sein heißt oft, fürs harte Training von klein an fast ganz auf die Familie zu verzichten. Doch der Applaus in den Metropolen der Welt entschädigt – ein bisschen auch, „auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt einen Glühwein zu trinken“, wie Meng Si grinsend verrät. Demnächst treten sie beim Internationalen Zirkusfestival in Monte Carlo auf, wo sie 2013 den Goldenen Clown, den Oscar der Zirkuswelt, gewonnen haben. Monte Carlo ist das Höchste für einen Zirkusartisten. Ob Meng Si dann auch eine Stunde vor dem Auftritt gähnt . . .?

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