Kurz vor dem Start nach Indien: John Müller und Dennis Hahn, Oberarzt am Südwestdeutsches Sarkomzentrum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene angesiedelt am Klinikum Stuttgart Foto: Tobias Grosser

Der 25-jährige John Müller hat eine seltene Krebsart überstanden. Jetzt bricht er zu einer Radreise um die halbe Welt auf – auch, um anderen Krebspatienten zu helfen.

Das Café am Hölderlinplatz in Stuttgart weckt Erinnerungen: Hier saß John Müller fast täglich in seiner Studentenzeit – um zu lernen oder um sich mit Freunden zu treffen. „Das war der normale Alltag für mich“, sagt er. Doch dann kam der Krebs. „Dann war ich erst einmal von der Bildfläche verschwunden“, erinnert sich der 25-Jährige. Ein krasser Bruch mit seinem Studentenleben: „Plötzlich musste ich um mein Leben fürchten.“

 

Während er von der bisher schwersten Zeit seines Lebens erzählt, sitzt der junge Mann entspannt bei einem Kaffee. Er sei auf dem Sprung, sagt er. Tatsächlich ist der 25-Jährige auf einer Mission: John Müller will von Berlin nach Indien radeln. Das Ziel ist das Taj Mahal. Er tut es, weil er sich damals im Krankenbett geschworen hatte, dass er – wenn er je wieder auf die Beine kommen würde – etwas Großes starten möchte. Nicht allein für sich: „Ich möchte jungen Krebspatienten zeigen, was trotz Krebsdiagnose möglich ist.“

Krebs in jungen Jahren ist nicht leicht zu behandeln

Am 8. Mai geht es los, ein bewusst gewähltes Datum: „Genau vor drei Jahren haben die Ärzte mir an diesem Tag den Tumor operativ entfernt.“ In einem Video auf seinem Instagram-Account bezeichnet er diesen Eingriff als „Gamechanger“. Danach sei ihm klar gewesen: „Ich kann das schaffen.“ Dieses Gefühl will er nun weitergeben – gerade an die vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die gerade die Diagnose Krebs erhalten haben oder mitten in der Behandlung stecken. „Krebspatienten dieser Altersgruppe geraten gesellschaftlich immer noch sehr oft ins Hintertreffen“, sagt John Müller.

Das liegt zum einen in der Natur der Sache: Krebs in jungen Jahren gehört zu den seltenen Erkrankungen. Etwa 500 000 Krebsdiagnosen werden jährlich hierzulande neu gestellt, etwa 16 500 davon betreffen Menschen zwischen 18 und 39 Jahren. Das entspricht etwa drei Prozent aller Neuerkrankungen.

So ist es für die behandelnden Ärzte schwer, eine Therapie zu finden, die auf die Biologie des Tumors eines jungen Menschen abgestimmt ist. Das bestätigt der Onkologe Dennis Hahn vom Klinikum Stuttgart, zu dessen Patienten John Müller zählt. Der Markt sei zu klein, sodass sich für pharmazeutische Unternehmen eine gezielte Entwicklung von Medikamenten und Therapien für Kinder, aber auch Jugendliche und junge Erwachsene nicht lohne. Was zähle, sei daher vor allem die Erfahrung der Ärzte. „Bei Krebserkrankungen braucht es eine gute Teamarbeit“, sagt Hahn. Nicht nur innerhalb der Klinik zwischen der pädiatrischen Onkologie und der Erwachsenen-Onkologie. „Es ist auch wichtig, sich mit Kollegen nationaler und internationaler Krebszentren auszutauschen.“

Zehn Monate dauerte die Krebstherapie

Im Fall von John Müller war diese besonders entscheidend. Denn der damals 22-Jährige erkrankte am sogenannten Ewing Sarkom – „einer extrem seltenen, aber auch aggressiven Krebsform“, sagt Hahn. Sie zeigt sich oft in Wucherungen von Stütz- und Bindegewebe wie etwa Knochen. Bei ihm machte sich der Krebs durch Schmerzen und eine Schwellung an den Rippen bemerkbar. Als die Ärzte über die Diagnose aufklärten, konnte er es kaum fassen: Die Erkrankung tritt jedes Jahr vielleicht 60 bis 80 Mal neu in Deutschland auf. „Ich habe immer gesund gelebt, immer viel Sport gemacht, nie auch nur an einer Zigarette gezogen.“ Kurz danach bekam er 14 Chemotherapiezyklen aus verschiedenen Wirkstoffen verabreicht.

Das Vorgehen war damals gerade erst wissenschaftlich erprobt und im Fachmagazin „Lancet“ veröffentlicht worden. Das Klinikum Stuttgart, eines von 23 zertifizierten Sarkomzentren in Deutschland, griff diesen Behandlungsvorschlag auf und behandelte Müller nach diesem Schema. Zehn Monate habe er in der Klinik verbracht. Bilder von dieser Zeit zeigen ihn im Krankenbett, die Haare sind ausgefallen, sein Gesicht von Medikamenten aufgedunsen. Aber er lächelt in die Kamera: „Um zu zeigen, dass ich mich vom Krebs nicht unterkriegen lasse.“

Selbst als die Behandlung nicht gleich den erwünschten Erfolg brachte: Bei der Operation am 8. Mai 2023 zeigte sich, dass der Tumor noch sehr viele vitale Krebszellen enthielt – trotz der vielen Hochdosis-Chemotherapeutika. Sarkome, so erklärt es der Stuttgarter Onkologe Hahn, sind von allen Krebsarten besonders schwer zu fassen. Sie können in allen Bereichen des Körpers auftreten. Häufig sind die Extremitäten betroffen, es gibt aber auch Sarkome im Bauch oder Brustraum. Ein weiteres Problem gerade beim Ewing-Sarkom: Es können sich schnell Metastasen bilden. „Das macht die Therapie zu einer großen Herausforderung für die Behandler“, sagt Hahn.

Seit drei Jahren ist John Müller tumorfrei

Der Stuttgarter Onkologe und sein Team setzen auf die Zusammenarbeit mit anderen Sarkomzentren – vor allem mit dem Westdeutschen Tumorzentrum Essen. Zusammen mit der dort ansässigen Ewing-Sarkom-Studiengruppe der Uniklinik verordneten die Ärzte zusätzlich eine Strahlentherapie – „mit dem Ziel, die Tumorzellen präzise zu zerstören und dabei das umliegende Gewebe zu schonen“, sagt Hahn.

Inzwischen ist John Müller seit drei Jahren tumorfrei. Gerade war er im Klinikum Stuttgart zum Kontrolltermin. Auch für weitere Gesundheitschecks während der Radreise steht ihm das Stuttgarter Behandlerteam zur Seite – dann per Telemedizin. „Er war der erste Patient, den wir schon bei der ersten Kontrolluntersuchung kurz nach Abschluss der Therapie per Videocall aus Mexiko zugeschaltet haben, weil John schon in der Welt herumgereist ist“, sagt Hahn. Das sei auch richtig so. „Wir behandeln ja, damit das Leben für die Patienten danach wieder weitergeht.“

Nun geht es weiter: Binnen 80 Tagen will John Müller 15 Länder bereisen und entlang seiner Strecke möglichst viele Krebszentren aufsuchen. Was er selbst zum Reisen braucht, kann er durch die Unterstützung eines Berliner Start-up-Unternehmens Peec AI finanzieren. Sponsoren, die ihn in seinem Spenden-Vorhaben unterstützen, hat er ebenfalls schon gefunden – darunter Rose Bikes und die Children Cancer Foundation. Über Social Media und einer eigens für die Reise gestalteten Webseite 8000km.live möchte er noch mehr Aufmerksamkeit erreichen. „Jeden Cent an Spenden, der an mich geht, wird in einen Notfall-Fonds für junge Sarkompatienten wandern.“ An seinem Beispiel könne jeder sehen, wie wichtig die Forschung in diesem Bereich der Krebsmedizin ist – „auf dass noch mehr Betroffene die Hoffnung nicht aufgeben“.

Mit John Müller nach Indien

Social Media
Auf diesem Instagram Kanal lässt John Müller die Leser mit auf seinen Gepäckträger hüpfen. Sie sind dann live dabei auf der Reise: https://www.instagram.com/8000km.live

Spenden
Hier ist die Webseite, über die John Müller Spenden für juge Sarkom-Patienten sammelt: https://8000km.live