Michael „Mimi“ Kraus spielte für Frisch Auf Göppingen, den TVB Stuttgart und die SG BBM Bietigheim. Das Württemberg-Trio kämpft vor zwei brisanten Derbys gegen den Abstieg aus der Handball-Bundesliga. Der Weltmeister gibt seine Einschätzung ab.
Abstiegskampf pur in Handball-Württemberg: An diesem Donnerstag (19 Uhr/Porsche-Arena) spielt der TVB Stuttgart gegen Frisch Auf Göppingen, am folgenden Montag (19.30 Uhr) empfängt die SG BBM Bietigheim den TVB in der EgeTrans-Arena. Weltmeister Michael „Mimi“ Kraus gibt eine Prognose ab.
Herr Kraus, fangen wir mit der Frage aller Fragen an, wer begleitet den 1. VfL Potsdam am Saisonende in die zweite Liga?
(lacht) Puh, das ist eine gute, aber eine echt ganz, ganz schwierige Frage. Mir tut es jedenfalls sehr weh, dass gleich drei württembergische Clubs dafür in Frage kommen. Stellen wir das Thema mal zurück.
Willst du Württemberg oben sehen, musst du die Tabelle drehen. Wie konnte es so weit kommen?
Also die SG BBM muss man gesondert betrachten. Bietigheim hat als Aufsteiger überraschend bereits sieben Punkte gesammelt und einige richtig gute Auftritte hingelegt. Die Mentalität des Teams von Iker Romero gefällt mir. Auch Geschäftsführer Bastian Spahlinger macht einen klasse Job. Er ist ein Charaktermensch, mit dem ich mich regelmäßig austausche.
Der TVB Stuttgart war vergangene Saison Elfter und steht jetzt mit 2:22 Punkten auf dem vorletzten Platz. Woran liegt die Talfahrt?
Wie in der Personalpolitik vorgegangen wurde, fand ich Harakiri, das zieht sich wie ein roter Faden durch. Der Wechsel auf der Torwartposition vor der Saison, die Experimente auf der Mitte. Dieser krasse Umbruch im Hau-Ruck-Verfahren konnte nicht gut gehen. Grundsätzlich fehlt mir die Geduld im Verein.
Jetzt versucht es Jürgen Schweikardt wieder einmal selbst zu richten.
Das tut mir etwas leid für meinen Freund Micha (Anm.d.Red.: Vorgänger Michael Schweikardt). Er hatte viel Pech mit Verletzungen und hätte mit den Neuzugängen, die seinem Bruder nun zur Verfügung stehen, bestimmt auch Punkte geholt. Also ein Gschmäckle hat das Ganze schon.
Frisch Auf stand 2023 noch im Final Four der European League und hat aktuell nur 6:18 Punkte. Was sind dafür die Gründe?
Also am Trainer liegt es nicht. Ich glaube ganz und gar nicht, dass Ben Matschke etwas falsch macht.
Sondern?
Ich glaube ganz einfach, dass – ähnlich wie beim TVB – falsche Personalentscheidungen getroffen wurden. Die Galionsfigur Jacob Bagersted hat man nicht gehalten. Danach gab es einen Bruch, weil keiner diese Vorbildrolle auf und außerhalb des Feldes ausfüllen konnte. Einen Sympathieträger wie Manuel Späth hat man nicht an den Verein gebunden. Die Torwartposition ist seit Jahren eine Problemzone. Der Verein muss seine Scheuklappen abnehmen.
„Scouting dringend intensivieren“
Wie meinen Sie das?
Man muss Handballexpertise in den Verein holen, jemanden mit deutschlandweiten und internationalen Kontakten. Man muss das Scouting dringend intensivieren und sich nicht nur auf Berater verlassen. Man muss in Europa in den Hallen präsent sein, sich vor Ort ein Bild von Spielern machen. Ein Highlightvideo kann doch jeder zusammenschneiden.
Im Februar 2023 kündigte Geschäftsführer Gerd Hofele im Interview mit unserer Redaktion an, sie im Verein integrieren zu wollen. Was ist daraus geworden?
Es fanden Gespräche statt, der Ball ging hin und her, doch richtig konkrete Vorschläge gab es nicht. Ich bin auch keiner der händeringend einen zusätzlichen Job sucht. Ich habe aber grün-weißes Blut in mir, die Frisch-Auf-Jungs trainieren in meinem Gym. Ich möchte, dass der Verein international spielt, junge Menschen durch Göppingen gehen und ein Bild von ihren Vorbildern haben wollen. So etwas hat doch weitreichende Auswirkungen für die ganze Stadt.
Der Club ist derzeit näher dran an Liga zwei als an Europa.
Hören Sie auf! Die Mannschaft hat Potenzial, aber sie braucht jetzt dringend ein Erfolgserlebnis. Wenn nicht, kommt Angst ins Spiel. Dann spielst du nicht mehr frei auf, dann gehen dir alle möglichen Szenarien durch den Kopf. Die Spieler kennen keinen Abstiegskampf. Balingen hat das immer gut gemacht, weil sie auf die Situation vorbereitet waren. Auch die SG BBM stellt sich auf Blut, Schweiß und Tränen ein, das ist ein großer Vorteil.
Kommen wir noch mal zum TVB. Wäre Misha Kaufmann der richtige Trainer?
Also, wenn er Eisenach tatsächlich verlässt, dann wird er nach Stuttgart gehen. Er wird beim TVB nicht die gleichen Spieler haben wie beim ThSV, aber er ist akribisch, taktisch versiert – und wird sich anpassen. Das traue ich ihm auf jeden Fall zu.
„Wiegert wäre der richtige Mann“
Und auf den Magdeburger Bennet Wiegert als Nachfolger von Alfred Gislason als Bundestrainer 2027 hatten Sie sich ja bereits festgelegt.
Ja und dabei bleibe ich auch. Ich weiß, dass es bereits ein Treffen gegeben hat. Und da ich Benno sehr, sehr gut kenne, weiß ich auch, dass er genau der richtige Mann wäre. Er wird sein Team mitbringen, sich nicht reinreden lassen – und dann geht das in seine Richtung.
Sie selbst haben Ihr Karriereende immer noch nicht offiziell bekannt gegeben.
(lacht) Stimmt, ich fühle mich mit 41 Jahren immer noch fit. Für ein paar Spiele würde es sicher noch reichen. Aber ich plane mein Abschiedsspiel, ich habe schon begonnen, eine Liste zu machen.
Zum Schluss noch Ihre Tipps. Wer wird deutscher Meister?
Ich bleibe dabei – der SC Magdeburg.
Wie geht das Derby in Stuttgart an diesem Donnerstag aus?
Frisch Auf gewinnt 30:28.
Und die zurückgestellte Frage vom Anfang: Wer begleitet Potsdam in die zweite Liga?
Ich hoffe, der HC Erlangen, sorry Martin Schwalb (Anm.: mit dem HCE-Coach als Trainer gewann Kraus 2013 mit dem HSV die Champions League). Aber ich kann keinen schwäbischen Verein nennen, das bringe ich nicht übers Herz.
Info
Karriere
Michael „Mimi“ Kraus wurde am 28. September 1983 in Göppingen geboren. Größte Erfolge als Spieler: WM-Titel 2007, deutscher Meister 2011 und Champions-League-Sieger 2013 jeweils mit HSV Hamburg. Er spielte für die württembergischen Clubs Frisch Auf Göppingen (2002 bis 2007 und 2013 bis 2016), TVB Stuttgart (2016 bis 2019) und SG BBM Bietigheim (2019 bis 2020).
Persönliches
Kraus hat vier Kinder im Alter von vier, fünf, sieben und zehn Jahren. Er ist Unternehmer und Inhaber von zwei Fitnessstudios, einer Kaffeerösterei und einer Boulderhalle. (jüf)