Seit Sonntag Teil der Welterbe-Stätten: Das Doppelhaus von Le Corbusier auf dem Killesberg. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Architektur von Charles-Édouard Jeanneret-Gris, genannt Le Corbusier, zählt von nun an zum Welterbe. Auch in Stuttgart wurde über die Entscheidung gejubelt.

Stuttgart - „CR 7“ – das war eine der ebenso magischen wie modischen und gar verhassten Schlagworte der vergangenen Fußballwochen. Eine Verletzung im Endspiel gegen Frankreich machte aus „CR 7“ wieder einen Menschen, den fast kindlich verzweifelt-leidenschaftlichen Cristiano Ronaldo.

„LC 2“ – das ist ein nicht weniger magisches, nicht weniger abgelehntes Kürzel, ist Teil einer Marke wie Sinnbild einer Haltung, in der allerdings dieses Wort keine Gültigkeit hat: modisch. Ein „LC 2“, das ist ein Sitzmöbel, schnörkellos, ein Sessel auf Stahlrohrrahmen, schwarz gepolstert. Entworfen 1928. Radikaler noch als sein nicht weniger magisches, nicht weniger abgelehntes, nicht weniger nie modisches Pendant „LC4“. Selbverständlich, unmissverständlich, markiert dieses Duo, markieren „LC 2“ und „LC4“ eine Trennlinie – jene zwischen einer wechselnden Mode und einer Moderne, die Sehnsucht bleiben kann, weil sie bis in die Gegenwart unerfüllt geblieben ist.

Rückgriff auf den Namen der Urgroßmutter

Der Mensch hinter „LC2“ und „LC4“, der Mensch hinter den Kürzeln, hinter der zur Marke gewordenen Moderne, ist Charles-Édouard Jeanneret-Gris, ein schweizerisch-französischer Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Maler, Zeichner, Bildhauer und Möbeldesigner, der sich selbst von 1920 an nur noch Le Corbusier nennt. Der Rückgriff auf den Namen seiner Urgroßmutter wird Teil eines immerwährenden Zukunftsversprechens – das ist nur einer der vielen Widersprüche in Leben und Werk von Le Corbusier.

Typisch aber bleibt dies: Le Corbusier präsentiert die Konzentration seines Formwollens 1928 in Paris auf dem Salon d’Automne, auf der Bühne der Unabhängigen. Die Entwürfe zur „LC“-Serie zeigt er gemeinsam mit seinem Neffen Pierre Jeanneret und der Architektin Charlotte Perriand, deren Anteil an den Möbelikonen aber verschwindet bald und lange hinter dem Kult-Kürzel LC, hinter der Marke Le Corbusier.

1927 tritt der Architekt hervor

Ein Jahr zuvor tritt in Stuttgart der Architekt Le Corbusier hervor. Für die 1927 vom Deutschen Werkbund initiierte Ausstellung „Die Wohnung“, die Stuttgart in vielfacher Weise zur Bühne aktueller Architektur und Gestaltung macht, entstehen gemeinsam mit Pierre Jeanneret zwei Gebäude – ein Einfamilienhaus (Bruckmannweg 2) und ein Zweifamilienhaus (Rathenaustraße 1-3). Es sind Bauten aus dem Nichts, Teil einer Mustersiedlung, Beiträge zur Diskussion der Moderne.

Ludwig Mies van der Rohe hat die Leitung – und versammelt neben Le Corbusier weitere Schrittmacher des Neuen Bauens wie Walter Gropius, Mart Stam oder Pieter Oud. In 21 Wochen Bauzeit entstehen 21 Häuser mit insgesamt 63 Wohnungen.

Ein Haus muss ein Stahlskelett haben

„Ein Kerl“, so heißt es in Alexander Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“, „muss eine Meinung haben.“ Charles Edouard Jeanneret-Gris, 1887 in La Chaux-de-Fonds im Schweizer Kanton Neuenburg geboren, hat sie. Ein Haus, so lautet die Formel, der die Architektur des 20. Jahrhunderts einige ihrer schönsten Zeugnisse wie auch ihrer geplanten Irrtümer verdankt, muss ein Stahlskelett haben.

Wie aber wird der Schritt in die gebaute Offenheit Welterbe? 2002 wagt Frankreich zusammen mit fünf anderen Ländern – Schweiz, Bundesrepublik Deutschland, Argentinien, Belgien und Japan – einen Anlauf. Die Entscheidung soll 2009 fallen, die begehrten Welterbe-Ehren aber bleiben dem Antrag verwehrt – und damit auch den beiden Wohnhäusern in Stuttgart.

Der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos), der das Unesco-Komitee berät, gibt 2009 die negative Empfehlung ab. Nicht etwa, weil die Experten an der Qualität des Werkes von Le Corbusier zweifeln, sondern weil man fürchtet, die Aufnahme des Werks von Le Corbusier ins Unesco-Welterbe könnte die Tür für vergleichbare Kandidaturen des Schaffens einzelner Architekten öffnen.

Bei Walter Gropius ist das Problem inzwischen vom Tisch. Sein Erstlingswerk, die 1911 entwickelten Fagus-Werke, eine Fabrik für die Produktion von Schuhleisten im niedersächsischen Alfeld, ist seit Juni 2011 als Weltkulturerbe verzeichnet.

2002 kaufte die Stadt dem Bund das Haus ab

Wie aber soll man 2011 mit der Bewerbung für Le Corbusier weitermachen? In elf Ländern auf vier Kontinenten hat er seine Werke hinterlassen. „Die 19 Werke der Kandidatur“, so ist es 2011 auf der schweizerischen Welterbe-Information zu lesen, „wurden ausgewählt, weil sie die Entwicklung der Prinzipien Le Corbusiers illustrieren, wie die dem Menschen angepasste Architektur, theoretisch begründet in „La Ville Radieuse“ (1935) oder die in „Vers une Architecture“ (1923) beschriebenen fünf Punkte zu einer neuen Architektur: Eisenbetonstützen, Dachgarten, freie Grundrissgestaltung, Langfenster und freie Fassadengestaltung.“

All diese Punkte vereint insbesondere das zweistöckige Le Corbusier-Wohnhaus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. 2002 durch die Stadt Stuttgart dem Bund als Eigner der Weißenhofsiedlung abgekauft, wird in dem Gebäude am 25. Oktober 2006 nach drei Jahren originalgetreuer Sanierung das Weissenhofmuseum mit historischen Dokumenten und Architektur-Modellen eröffnet.

Souveränität des Originals tritt hervor

14 Jahre sind seit dem ersten Anlauf für Le Corbusier vergangen. 14 Jahre, in denen der Traum einer anhaltenden Befragung der Moderne-Ideale weltweit geplatzt ist. 14 Jahre, in denen aber umgekehrt die Souveränität des Originals noch einmal deutlicher hervortritt. 14 Jahre schließlich, die mehr und mehr das Corbusier-Einfamilienhaus in den Blick rücken, sozusagen den LC2 in Le Corbusiers gebautem Architekturportfolio.

Dieses Haus ist kein Museum. Es ist noch immer bewohnt. Tilman Osterwold, früherer Direktor des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart lebt dort seit 1984. „Das Haus steht frei und lässt die umgebende Natur, viel Licht und Atmosphäre durch die Fenster herein“, skizziert ­Osterwold die Situation. „Selbst in kälteren Jahreszeiten orientiere ich mich auf der Terrasse. Es scheint hier zwischen Innen und Außen einen fließenden Übergang zu geben. Man zirkuliert.“ Und Osterwold ergänzt, als ob er das ­Votum der Welterbekommission vorwegnehmen würde: „Corbusiers gestalterische Aspekte sind sehr komplex veranlagt. Sie liegen zwischen vielen Ebenen. Das Haus ist Architektur, ­Design, Skulptur, Kunst. Man lernt, sich frei zu bewegen. Das Haus hat ein Innenleben, das individuell und persönlich vitalisiert, und es hat ein Außenleben, das die mensch­liche Gemeinschaft inspiriert.“

Mit dem Welterbe-Status für die beiden Le Corbusier-Häuser in Stuttgart hat die Bundesrepublik Deutschland eine hehre Aufgabe übernommen – über diese Signalbauten der Moderne auch künftig die menschliche Gemeinschaft zu inspirieren.

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